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18. Februar 2013, 14:53 Uhr

Tod von Reeva Steenkamp

Polizei sucht Geheimnisverräter im Fall Pistorius

Von Simone Utler

Angebliche Abläufe der Tat, Mutmaßungen über ein Motiv: Im Fall Oscar Pistorius berichten Medien zahlreiche Details zum Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp - unter Berufung auf Ermittler. Die Behörden suchen den Maulwurf und betonen, dass nicht alle Meldungen der Wahrheit entsprechen müssen.

Hamburg - Im Fall Oscar Pistorius kommen immer neue Details an die Öffentlichkeit. Überwiegend südafrikanische, aber auch britische Medien veröffentlichen seit dem Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp Mutmaßungen über den Ablauf der Tat, über ein mögliches Motiv, meist unter Berufung auf Polizeikreise oder nicht näher genannte Quellen. Nun haben sich die Ermittlungsbehörden offiziell zu Wort gemeldet - mit einer dicken Beschwerde.

Die Polizei dementiert, Informationen über die Ermittlungen an Medien gegeben zu haben. "Ich weiß nicht, woher diese Geschichten stammen", sagte Sprecherin Katlego Mogale der südafrikanischen Nachrichtenagentur Sapa. "Bisher haben wir weder eine Mitteilung herausgegeben noch mit jemandem gesprochen."

Steenkamp war am frühen Donnerstagmorgen im Haus ihres Freundes Oscar Pistorius in einem Nobelvorort von Pretoria erschossen worden. Der Sprinter wird verdächtigt, das 29-jährige Model vorsätzlich getötet zu haben. Offiziell wurde bisher lediglich bekanntgegeben, dass Steenkamp von vier Schüssen aus einer Pistole von Pistorius getroffen worden war.

Die "City Press" hatte am Wochenende unter Berufung auf Ermittlerkreise unzählige Details veröffentlicht, die - sofern sie wahr sind - Pistorius schwer belasten könnten. Der erste Schuss soll Steenkamp demnach bereits im Schlafzimmer getroffen haben, außerdem sei ein blutverschmierter Cricketschläger im Haus gefunden worden. Dem Bericht zufolge sollen im Haus des Sportlers auch Steroide gefunden worden sein. Sein Blut werde nun auf entsprechende Substanzen untersucht. Als mögliches Motiv wurde Eifersucht genannt.

Polizei sucht nach Maulwurf

Medupe Simasiku, der Sprecher der südafrikanischen Strafverfolgungsbehörde (NPA), forderte, die Zeitung müsse "erklären, woher sie die Informationen hat". Simasiku deutete an, dass er das Leck bei der Polizei vermute: "Die Informationen sind in den Händen der Polizei." Die NPA hingegen habe die entsprechenden Informationen noch nicht. Sie habe am Freitag von der Polizei eine Akte erhalten, die aber aufgrund der andauernden Ermittlungen noch unvollständig gewesen sei. Simasiku betonte, dass es durchaus sein könnte, dass die Informationen falsch seien.

Polizeisprecherin Mogale wollte keine Auskünfte geben, ob die Angaben tatsächlich aus den Akten stammen: "Wir können das weder bestätigen noch dementieren." Der Vorgang sei jedoch sehr ernst - nach dem Maulwurf werde gesucht.

Auch Freunde und Bekannte des Sportlers haben offenbar mit diversen Medien gesprochen. Der südafrikanische "Sunday Independent" berichtete von einer Freundin, die von Pistorius in der dramatischen Nacht angerufen und um Hilfe gebeten worden sei. Die junge Frau, die wie Pistorius in der luxuriösen Wohnsiedlung "Silver Woods Estate" wohne, sei im Haus des Profisportlers eingetroffen, als er die blutende Steenkamp die Treppe heruntergetragen habe. Alle Versuche, ihre heftigen Blutungen zu stillen, seien vergeblich gewesen. Pistorius habe geschockt und verwirrt gewirkt.

Auch Pistorius-Freund Justin Divaris berichtete von einem Anruf. "Oscar hat mich um 3.55 Uhr angerufen und gesagt, dass er Reva erschossen habe", sagte Divaris der zum britischen "Mirror" gehörenden "Sunday People". Am Wochenende hatte die südafrikanische "City Press" bereits berichtet, dass Pistorius um 3.20 Uhr als Ersten seinen Vater angerufen habe. Er soll aber weder Rettungswagen noch Polizei verständigt haben.

Steenkamps Vater: "Wir müssen Antworten finden"

Zum ersten Mal nach dem Tod ihrer Tochter haben Reeva Steenkamps Eltern mit Medien gesprochen. "Das ist eine sehr schwierige Zeit für uns", sagte Vater Barry Steenkamp der südafrikanischen Zeitung "Mail on Sunday". Den Eltern geht es nach eigenen Angaben in erster Linie darum, herauszufinden, was in der Tatnacht passiert ist. "Wir müssen einfach ein paar Antworten finden", sagte Barry Steenkamp. Vor allem müssten sie wissen, warum ihre Tochter gestorben sei. "Sie liebte jeden, und sie wurden von jedem geliebt, der sie kannte."

Auch Reevas Mutter brachte ihr Unverständnis über die Tat zum Ausdruck. "Ich weiß nicht, warum das passiert ist", sagte June Steenkamp unter Tränen in einem Telefoninterview mit der südafrikanischen "Times Live". "Warum könnte er meinen Engel getötet haben?"

Steenskamps Vater hegt nach eigenen Angaben keine Wut gegen den Sportler. "Wir haben keinen Hass in unseren Herzen", sagte er und fügte im Hinblick auf Pistorius hinzu: "Er muss Dinge durchmachen, von denen wir nichts wissen."

Priester berichtet über Besuch bei Pistorius

Am Dienstag oder Mittwoch wird ein Gericht darüber entscheiden, ob Pistorius des Mordes angeklagt und eventuell gegen Kaution freigelassen wird. Der 26-Jährige befindet sich in einer Polizeistation in Pretoria in Gewahrsam, unter besonderer Aufsicht, weil er als selbstmordgefährdet gilt.

Zahlreiche Journalisten, Fotografen und Kamerateams umlagern das Polizeirevier in der südafrikanischen Hauptstadt, seit der Profisportler dort ist. Familienangehörige, Freunde, Anwälte, Berater und Geistliche besuchten ihn am Wochenende, die meisten weigerten sich, mit der Presse zu sprechen. Pastor AJ Wilson aus der Provinz Nordkap berichtete der "Cape Times" von seinem Besuch: Der Athlet habe bei diesem Treffen durchweg mit ihm geweint.

Peet van Zyl, der Manager von Pistorius, sagte nach einem Besuch bei seinem Klienten, dass er die Teilnahme des Südafrikaners an allen geplanten Rennen abgesagt habe. Dies solle Pistorius ermöglichen, sich "auf die anstehenden Gerichtsverfahren zu konzentrieren".

mit Material von dpa/AFP

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