Oscar Pistorius Die wichtigsten Fakten vor dem Urteil

Ist Oscar Pistorius ein Mörder? Oder feuerte er die tödlichen Schüsse auf seine Freundin irrtümlich ab? Das Urteil wird sich auf Indizien stützen müssen. Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Mordprozess.

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Pretoria - Einer der spektakulärsten Mordprozesse in der Geschichte Südafrikas geht zu Ende. Seit Anfang März wurden vor dem Obersten Gericht der Provinz Gauteng in Pretoria 36 Zeugen gehört. Doch einen Durchbruch in der entscheidenden Frage brachten die Aussagen von Forensikern, Psychiatern, Nachbarn und Ermittlern nicht.

Klar ist: Oscar Pistorius gab in der Nacht zum Valentinstag 2013 vier Schüsse ab - und tötete so seine Freundin Reeva Steenkamp. Aber war es tatsächlich ein "vorsätzlicher, kaltblütiger Mord", wie es Staatsanwalt Gerrie Nel formuliert? Oder war es der "tragische, entsetzliche Irrtum" eines in Panik geratenen, behinderten Mannes, so wie es Verteidiger Barry Roux darstellt? Pistorius beteuert, er habe hinter der Toilettentür einen Einbrecher vermutet.

Am Donnerstag oder spätestens Freitag, falls die Begründung sehr lange dauert, wird das Urteil erwartet. Richterin Thokozile Masipa wird sich auf Indizien und die Glaubwürdigkeit der Zeugenaussagen stützen müssen. "Er kann der Verurteilung als Mörder nicht entkommen", sagte Staatsanwalt Nel in seinem Plädoyer über Pistorius. Verteidiger Barry Roux wies in seinem Plädoyer den Mordvorwurf zurück.

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Mordprozess: Der Fall des Oscar Pistorius
Was sind die wichtigsten Punkte aus dem Prozess? Der Überblick

Welche Aussagen belasten den Angeklagten?

Gleich die Aussage der ersten Zeugin stand im Gegensatz zu Pistorius' Version, es habe in der Tatnacht keinen Streit zwischen ihm und Steenkamp gegeben. Nachbarin Michelle Burger schilderte, wie sie gegen kurz nach drei Uhr "von den furchtbaren Schreien einer Frau geweckt" worden sei. Ihr Mann und eine weitere Nachbarin bestätigten die Hilferufe.

Einer der wichtigsten Entlastungszeugen wurde vom Staatsanwalt demontiert. Nel, in Südafrika "Bulldogge" genannt, nahm den Geologen Roger Dixon in die Mangel, den die Verteidigung als forensischen Experten benannt hatte. Dixon musste Ungenauigkeiten und Manipulationen bei Vergleichsanalysen einräumen.

Welche Aussagen entlasten den Angeklagten?

Sie hätten in der Tatnacht keine Frauenschreie gehört, sagten drei Nachbarn, die näher am Haus des Paralympics-Stars wohnten als Burger. Lediglich ein Mann habe verzweifelt um Hilfe gerufen - offenbar der entsetzte Pistorius. Verteidiger Roux hatte auf Burgers Aussage mit der Theorie geantwortet: "Wenn Herr Pistorius sehr große Angst hat, klingen seine Schrei wie die einer Frau."

Sicherheitsmann Johan Stender berichtete, wie verzweifelt Pistorius wirkte, nachdem er den Wachmann der Wohnanlage alarmiert hatte.

Wie hat sich Pistorius vor Gericht verhalten?

Wie ein gebrochener Mann. Mehrfach brach der 27-Jährige in Tränen aus und übergab sich in einen Eimer. Fünf Tage lang stand er im Kreuzverhör des Staatsanwalts - und verwickelte sich dabei in Widersprüche. Pistorius begründete dies meist mit Gedächtnislücken.

Was sind die Hauptargumente der Anklage?

  • Wie glaubwürdig ist es, dass jemand nachts aus dem Bett steigt, in dem er angeblich seine Freundin vermutet, und sich angesichts verdächtiger Geräusche nicht vergewissert, wo sie ist?
  • Zwischen den Schüssen hat es laut Zeugen eine Pause gegeben, in der Steenkamp laut schrie. Zudem wurde das Model stehend hinter der verschlossenen Toilettentür von Kugeln getroffen. Das lasse darauf schließen, die 29-Jährige habe mit Pistorius kommuniziert.
  • Ein Pathologe widersprach der Version des Angeklagten, dass Paar sei am Abend früh zu Bett gegangen. Der Mageninhalt des Opfers lasse darauf schließen, dass Steenkamp gegen 1 Uhr noch etwas gegessen habe. Zu dieser Zeit will ein Nachbar eine lautstarke Auseinandersetzung im Pistorius-Haus gehört haben.
  • Steenkamp war vollständig bekleidet, als sie erschossen wurde, ihre persönlichen Sachen lagen in einer Reisetasche - aus Sicht des Staatsanwaltes ein weiterer Beleg dafür, dass sie nach einem Streit das Haus verlassen wollte.
  • Nel zeichnete von Pistorius das Bild eines waffenverliebten, berechnenden Lügners, der sich seine Version zusammenspinne.

Was sind die Hauptargumente der Verteidigung?

  • Die Behinderung des beidseitig unterschenkelamputierten Angeklagten sei die Erklärung für sein panikartiges Verhalten. Pistorius habe wegen der hohen Kriminalitätsrate in Südafrika eine ausgeprägte Panik vor Verbrechern gehabt. Eine Gutachterin bescheinigte ihm eine "intensive Angststörung".
  • Ein Pathologe widersprach den Aussagen, der Mageninhalt des Opfers belege, wann Steenkamp zuletzt gegessen habe.
  • Stümperhaftes Vorgehen der Polizei am Tatort und bei der Beweissicherung habe zu verwirrenden Angaben über die Lage von Gegenständen im Haus geführt - eine Erklärung für Widersprüche in den Aussagen des Angeklagten.
  • Ein Forensikexperte der südafrikanischen Polizei stützt anhand von Spuren an der Toilettentür Pistorius' Aussage. Demnach trug der Paralympics-Star keine Prothesen, als er die Schüsse abgab. Das spricht nicht für überlegtes Handeln.
  • Es gibt genügend Zweifel an der Version der Anklage, um eine Verurteilung wegen Mordes unmöglich zu machen.

Welche Ergebnisse brachte die psychiatrische Untersuchung?

An 30 Tagen verbrachte Pistorius jeweils sieben Stunden in einer psychiatrischen Klinik in Pretoria. Laut Anklage bietet das Gutachten folgendes Fazit: Pistorius leidet nicht unter einer psychischen Erkrankung, die ihn zu der Tat getrieben haben könnte oder seine Urteilsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt hätte. Die Expertise bescheinige ihm volle Schuldfähigkeit. Verteidiger Roux sieht seinen Mandanten durch das Gutachten entlastet: "Es wurden keine Beweise gefunden, die auf eine Geschichte abnormalen und aggressiven Verhaltens von Herrn Pistorius hinweisen." Dieser sei von den Ereignissen zutiefst traumatisiert und betrauere den Verlust seiner Freundin.

Welche Strafe droht Pistorius?

Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht ihm eine lebenslange Haftstrafe, was mindestens 25 Jahre bedeuten würde. Pistorius könnte aber auch wegen Totschlags oder fahrlässiger Tötung verurteilt werden. Denn er hätte nach südafrikanischem Recht nur in Notwehr schießen dürfen, wenn ein direkter Angriff gedroht hätte. In diesen Fällen käme er möglicherweise mit einer Geldstrafe davon, könnte aber auch eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren erhalten.

mit Material von dpa



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Seite 1
e.pudles 11.09.2014
1. Weg, so schnell wie möglich
Ein Punkt ist mir vollkommen unverständlich. Wenn ich einen Einbrecher bei mir im Haus/Wohnung vermute, der sich im Bad versteckt/eingeschlossen hat, so benutze ich doch diese Gelegenheit um mich raschestens zu entfernen. Keinen falls stelle ich mich vor die Türe des Badezimmers und schiesse wild drauf los.
martacus 11.09.2014
2.
und warum zum Teufel sollte sie die Badtür überhaupt nachts abschliessen, wenn er schläft? macht doch keiner. und wer sagt, das er nicht zu erst versucht hat, die Tür mit dem Schläger einzuschlagen und hinter, noch mehr sauer, ballert weil er sie nich aufbekommen hat?
sci666 11.09.2014
3. indizien
sprechen klar für vorsatz ! wenn dieser typ nicht einwandert weiß ich nicht was die leute dort fpr ein rechtsverständnis haben !
Frank Zi. 11.09.2014
4.
Im Zweifel für den Angeklagten. Ich denke er hat seine Freundin aus Versehen erschossen. Sowas kann jeden mal passieren, das ist ein bedauernswerter Unfall.
donmarten 11.09.2014
5.
Zitat von Frank Zi.Im Zweifel für den Angeklagten. Ich denke er hat seine Freundin aus Versehen erschossen. Sowas kann jeden mal passieren, das ist ein bedauernswerter Unfall.
Stimmt, mir passiert das auch dauernd. Nervig, wenn man sich dann ständig neue Freundinnen suchen muss.
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