Urteil gegen Oscar Pistorius "Ich habe keine Zweifel"

Es ist eine spektakuläre Wende im Fall Oscar Pistorius: Ein Berufungsgericht hat den Paralympics-Star wegen vorsätzlicher Tötung schuldig gesprochen. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Urteil in Südafrika.

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Eric Leach holte weit aus. "Dies ist eine menschliche Tragödie, die Shakespeare würdig wäre", sagte der Richter zum Fall Oscar Pistorius. "Er wird ein internationaler Star. Er trifft eine junge Frau, die wunderschön und ein Model ist. Die Romanze erblüht, bis er, ironischerweise am Valentinstag, ihr Leben nimmt."

Dann sprach Leach knapp eine Stunde lang, ehe er die Entscheidung des Berufungsgerichts im südafrikanischen Bloemfontain verkündete: Pistorius sei "schuldig des Mordes".

Der unterschenkelamputierte Leichtathlet hatte seine Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag 2013 mit vier Schüssen durch die geschlossene Toilettentür getötet. Pistorius beteuerte stets, er habe einen Einbrecher vermutet und in Panik gehandelt.

Wie lautete das Urteil der ersten Instanz?

Im ersten Prozess verurteilte Richterin Thokozile Masipa den 29-Jährigen zu fünf Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung. Ein Fünftel davon saß er im Gefängnis ab. Im Oktober wurde Pistorius für den Rest der Strafe unter Auflagen in den Hausarrest überstellt, den er in der Luxusvilla seines Onkels in Pretoria absitzt.

Warum kam es zur Berufungsverhandlung?

Staatsanwalt Gerrie Nel hatte den von Pistorius dargestellten Tathergang bezweifelt und ihm eine klare Mordabsicht unterstellt. Er legte Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil ein, um eine schärfere Strafe zu erwirken. Das Urteil hatte Nel als "erschreckend mild und vollkommen unangemessen" bezeichnet. Das neue Urteil ist also ein spektakulärer Erfolg für den Staatsanwalt.

Wie kam das Berufungsgericht zu seiner Entscheidung?

Fünf Richter prüften in den vergangenen vier Wochen das vorherige Urteil. Sie hörten keine neuen Zeugen, sondern untersuchten die Akten der ersten Instanz. Zudem bekamen Ankläger und Verteidigung Gelegenheit, ihre Argumente vorzutragen.

Wie begründete das Berufungsgericht das Mordurteil?

Der springende Punkt in der Berufungsverhandlung war der Rechtsbegriff des Dolus Eventualis, auch Eventualvorsatz oder indirekte Absicht genannt. Bezogen auf den konkreten Fall ging es um die Frage: Hätte Pistorius die Todesfolge seines Handelns voraussehen können?

Für die fünf Richter in Bloemfontein ist der Fall klar: Der geübte Schütze Pistorius hat den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen. "Ich habe keine Zweifel, dass der Angeklagte hätte voraussehen müssen, dass die Person hinter der Tür getötet werden könnte, als er die Schüsse abfeuerte", sagte Richter Leach. Auch von der "elementaren Vorsichtsmaßnahme eines Warnschusses" habe Pistorius keinen Gebrauch gemacht.

Richter Eric Leach: "Grundlegende Fehler" im ersten Urteil
AFP

Richter Eric Leach: "Grundlegende Fehler" im ersten Urteil

Das vorherige Urteil habe "grundlegende Fehler" enthalten, wichtige Beweise seien nicht ausreichend berücksichtigt worden. Darunter auch ein ballistisches Gutachten, wonach keine Person in der Toilette die vier Schüsse hätte überleben können. Damit ist Richter Leach zufolge auch unerheblich, ob Pistorius gezielt seine Freundin erschießen wollte, oder den von ihm hinter der Toilettentür vermuteten Einbrecher.

Wie geht es für Pistorius jetzt weiter?

Das Urteil von Oktober 2014 ist hinfällig. Das Berufungsgericht verwies den Fall zurück an die Vorinstanz. Diese muss nun das Strafmaß neu festsetzen. Damit wird erst im kommenden Jahr gerechnet. Bis dahin dürfte der 29-Jährige weiter unter Hausarrest in der Villa seines Onkels bleiben.

Welche Strafe droht Pistorius?

Der Entscheidung des Berufungsgerichts entspricht nach deutschem Recht am ehesten einer Verurteilung wegen Totschlags. In Südafrika stehen auf diese Tat im Normalfall mindestens 15 Jahre Haft. Auf ein geringeres Strafmaß kann Pistorius nur dann hoffen, wenn das Gericht besonders mildernde Umstände erkennt.

Wie reagierte Pistorius' Familie auf das Urteil?

Sie ließ in einer Mitteilung verbreiten, sie habe das Urteil zur Kenntnis genommen, wolle es aber nicht weiter kommentieren. Man werde die Entscheidung mit juristischer Hilfe analysieren.

Pistorius' Anwälte haben nach Ansicht von Rechtsexperten noch die Möglichkeit, vor dem südafrikanischen Verfassungsgericht zu klagen. Dort könnte er wegen des intensiven medialen Drucks auf alle Prozessbeteiligten versuchen, das Verfahren der ersten Instanz für ungültig erklären zu lassen, sagte Strafrechtler Cliff Alexander.

Verteidiger Barry Roux hatte vor dem Berufungsprozess allerdings gesagt, dass seinem Mandanten mittlerweile die finanziellen Mittel für weitere rechtliche Schritte fehlten.

Wie reagierte Steenkamps Familie auf das Urteil?

"Es ist eine große Erleichterung", sagte Steenkamps Vater Barry, er halte die Entscheidung für fair. Seine Frau June sang nach der Urteilsverkündung vor dem Gerichtsgebäude in Bloemfontaine mit Mitgliedern der Frauenliga des Afrikanischen Nationalkongresses Dankeslieder.

Video: Berufungsgericht verurteilt Oscar Pistorius wegen Mordes

mit Material der Agenturen

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