Urteil im Auschwitz-Prozess "Sie wollten zu der schneidigen, zackigen Truppe der SS gehören"

Das Landgericht Lüneburg verurteilt Oskar Gröning für seine Taten im KZ Auschwitz zu vier Jahren Haft. Der Richter findet beeindruckend klare Worte zur Verantwortung Grönings. Und zur Sinnhaftigkeit eines Prozesses 70 Jahre nach Kriegsende.

Von Wiebke Ramm, Lüneburg

Oskar Gröning: Vier Jahre Haft für Beihilfe zum Mord in Hunderttausenden Fällen
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Oskar Gröning: Vier Jahre Haft für Beihilfe zum Mord in Hunderttausenden Fällen


"Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Oskar Gröning hat sich schuldig gemacht der Beihilfe zum Mord in 300.000 zusammenhängenden Fällen." Es ist Viertel vor 10 Uhr, als Richter Franz Kompisch diese Worte spricht, auf die die Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer von Auschwitz so lange gewartet haben.

Der Vorsitzende Richter der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg sagt es in aller Deutlichkeit: "Auschwitz war schlicht und ergreifend eine auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie." Und jeder, der daran mitgewirkt hat, hat sich der Beihilfe zum Mord strafbar gemacht. "Das, was dort geschehen ist, war damals wie heute verbrecherisch."

Der frühere SS-Mann Oskar Gröning sitzt wie all die Tage zuvor zusammengesunken auf der Anklagebank. Über Kopfhörer verfolgt er knapp zwei Stunden lang die Worte seines Richters. Grönings Augen sind wässrig, was auch seinem Alter von 94 Jahren geschuldet sein kann.

"Sie wurden gebraucht"

Richter Kompisch spricht frei. Hin und wieder blickt er auf das Papier vor sich. Er spricht in klaren Sätzen, die jeder im Saal versteht. Gleich zu Beginn greift Kompisch die Frage auf, die so oft im Zusammenhang mit diesem wohl letzten Auschwitz-Prozess gestellt wird: Muss das nach 70 Jahren noch sein? Kann man eine juristische Aufarbeitung heute noch schaffen? Er sagt: "Die Antwort ist: Man kann auch nach 70 Jahren Gerechtigkeit schaffen und ein Urteil finden. Man muss es machen."

Gröning war ein Rädchen im Getriebe der Tötungsmaschinerie Auschwitz-Birkenau, so hatte der Angeklagte es selbst dargestellt. "Was Sie, Herr Gröning, als moralische Schuld ansehen und als Rad im Getriebe, ist genau das, was der Gesetzgeber als Beihilfe zum Mord bezeichnet", sagt der Richter. Es ist die Förderung der Ermordung der europäischen Juden, "ausgeführt von Personen wie Ihnen, Herr Gröning". Kompisch: "Sie wurden gebraucht. Man kann den Vernichtungsapparat nicht nur mit Menschen betreiben, die ihren Sadismus ausleben wollen." Man brauchte auch Menschen wie Gröning, die sich mit Devisen auskannten.

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau arbeitete Gröning in der sogenannten Häftlingsgeldverwaltung. Er zählte, sortierte und leitete das Geld weiter, das die Nazis den Deportierten abgenommen hatten. "Die Verwaltung des Geldes ist für sich schon eine Beihilfehandlung", sagt Kompisch. Sie diente der Finanzierung der Haupttat, nämlich der Ermordung der europäischen Juden. Gröning habe genau gewusst, um was es in Auschwitz ging. Der Richter erinnert an Grönings eigene Worte: Er habe nicht damit gerechnet, dass irgendjemand Auschwitz überleben würde.

Im Konzentrationslager Auschwitz sei es zur "Zerstückelung des Tötungsvorgangs in viele kleine Teile" gekommen, "mit dem Ziel, dass sich niemand allein für all das verantwortlich fühlen sollte". Dabei trug jeder Blut an seinen Händen. "In Auschwitz durfte man nicht mitmachen." Kompisch betont jede Silbe und wiederholt es: "In Auschwitz durfte man nicht mitmachen." Gröning aber machte mit.

Aus juristischen Gründen ist die Anklage gegen Gröning auf die sogenannte Ungarn-Aktion beschränkt. Es geht um die Zeit vom 16. Mai 1944 bis 11. Juli 1944. In diesen zwei Monaten deportierte die SS etwa 425.000 Juden aus Ungarn ins Konzentrationslager Auschwitz, mindestens 300.000 Menschen wurden sofort in den Gaskammern getötet. Gröning stand mehrmals an der Rampe, als die Züge ankamen.

Kompisch erinnert an die Zeugen, die so eindringlich schilderten, wie sie unter furchtbarsten Umständen zusammengepfercht in Viehwaggons nach Auschwitz gebracht wurden, wo sie ermordet werden sollten. "Aber man lässt ihnen Gepäck, um zu sagen: Ihr bekommt es wieder", sagt Kompisch voller Empörung: "Das ist an Perversion und Perfidität kaum zu überbieten."

Das Elternhaus ist keine Entschuldigung

An der Rampe von Auschwitz wartete der Tod. Die einen wurden sofort in die Gaskammern geschickt, die anderen erst noch in Arbeitslagern gequält. "Herr Gröning, Sie wollen uns doch nicht erzählen, dass Sie das Leid der Menschen nicht gesehen haben. Natürlich haben Sie das gesehen!" Dass Gröning sagt, er habe nur das Gepäck bewacht, mindere nicht seine Schuld. "Das Gepäck zu bewachen reicht schon aus, um den reibungslosen Ablauf zu fördern."

Die Verteidigung hatte am Vortag Grönings "deutschnationales" Elternhaus erwähnt. Als Entschuldigung für die Mitwirkung am Massenmord der Nazis lässt Richter Kompisch dies nicht durchgehen. "Sie waren ein ganz normaler Mensch, Herr Gröning", sagt er. "Sie hatten eine Sparkassenausbildung, trieben Sport, trafen Menschen. Sie hatten auch ein eigenes Denken. Natürlich gab es Indoktrination, aber das Denken hat bei den Menschen doch nicht aufgehört. Sie haben sich entschieden, Sie wollten dabei sein. Sie wollten zu der schneidigen, zackigen Truppe der SS gehören. Das ist eine Entscheidung." Eine Entscheidung, für die er Verantwortung trägt.

Eine rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung sieht das Gericht nicht. Gröning wurde 1978 erstmals als Beschuldigter vernommen. 1985 wurde das Verfahren eingestellt. Kompisch: "Dazwischen ein Leben in Ruhe und Frieden."

"Insgesamt verdient Ihr Verhalten durchaus Respekt"

Auf Beihilfe zum Mord sieht das Gesetz drei bis 15 Jahre Gefängnis vor. Das Gericht verurteilt Gröning zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Die Staatsanwaltschaft hatte dreieinhalb Jahre beantragt, die Verteidigung wollte einen Freispruch.

Richter Kompisch spricht noch einmal direkt zu Gröning. Er sagt: "Insgesamt verdient Ihr Verhalten durchaus Respekt, Herr Gröning." Er habe sich dem Verfahren und seiner Verantwortung gestellt. Dann sagt er: "Ich habe die Hoffnung, dass diese Entscheidung für Sie vielleicht ein Schlussstrich unter das Geschehen sein könnte."

Dass Gröning wirklich ins Gefängnis muss, darf bezweifelt werden. Nach Rechtskraft des Urteils wird die Staatsanwaltschaft prüfen müssen, ob er haftfähig ist. Bis dahin wird wohl einige Zeit vergehen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung überlegen, in Revision zu gehen. Eine Woche haben sie dafür Zeit. Nebenklagevertreter Thomas Walther hingegen wirkt sehr, sehr glücklich über die deutlichen Worte des Richters. Er sagt: "Das ist wunderbar. Das ist eine Erfüllung juristischer Träume."

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