Prozess gegen Anders Breivik: "Wir werden grauenhafte Dinge hören"

Von , Oslo

Ganz Norwegen ist in Aufruhr. An diesem Montag wird der Massenmörder Anders Breivik den Richtern vorgeführt, das Land steht vor dem größten Prozess der Nachkriegsgeschichte. Die meisten Bürger wollen nur noch, dass der Alptraum endlich vorbei ist.

Prozess gegen Breivik: Medienspektakel in Saal 250 Fotos
REUTERS

Auf den Stufen neben dem Gerichtsgebäude spritzen Arbeiter noch schnell mit Hochdruckreinigern das Granulat weg. Sie vertreiben das Grau des Winters aus Oslo. In dem postmodernen Granitbau gleich hinter dem zerbombten Gebäude des Premierministers findet am Montag ab neun Uhr das "Breivik-Festival" statt - so nennen einige Bewohner der norwegischen Hauptstadt leicht zynisch den Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik.

Im Saal 250 wird der Attentäter den zwei Richtern und drei Schöffen gegenübertreten und Rechenschaft ablegen darüber, 77 Menschen getötet zu haben. Vor dem Tinghuset, so das norwegische Wort für Gerichtsgebäude, drängen sich schon jetzt die Übertragungsstände internationaler TV-Stationen. CNN ist da, auch das chinesische Staatsfernsehen. Ein solches Medienaufkommen hat es seit dem Eurovisions-Festival im Jahre 2010 nicht mehr gegeben.

Ganz Norwegen rüstet sich für den Prozess. In Oslo müssen über 1400 akkreditierten Journalisten aus dem In- und Ausland untergebracht und betreut werden. Allein der Umbau des Gerichtsgebäudes hat den Staat fast vier Millionen Euro gekostet. Insgesamt lässt sich Norwegen den Richterspruch 13 Millionen Euro kosten.

Aber auch mental bereitet sich die kleine Nation auf die Verhandlung vor - die größte in der Nachkriegsgeschichte und nur noch vergleichbar mit dem Schauprozess und der anschließenden Hinrichtung ihres Ministerpräsidenten Vidkun Quisling, dem Statthalter der deutschen Wehrmachtstruppen. Jetzt steht ein Rechtsradikaler vor Gericht, der Notwehr für sich reklamiert, Freispruch fordert.

Mit dem 33-jährigen Norweger im Angeklagtenstand geht es aber auch um die Frage: Gibt es ein gefährliches, islamfeindliches Milieu in dem Land, das so stolz jedes Jahr im Oktober den Friedensnobelpreis vergibt und sich selbst gerne als Hüter der Menschenrechte sieht? Die Norweger wehren sich gegen das Bild ihres Landes als rechte Brutstätte.

Dazu sind die Taten so abscheulich, dass viele damit begonnen haben, Anders Behring Breivik aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. "Es ist absolut kein Thema, das wir in der Kantine debattieren", gibt ein IT-Manager aus Stavanger zu. "Alle wollen, dass es möglichst schnell vorbeigeht." Ähnliches geben die Umfragen wieder: Fast 70 Prozent der Norweger finden, die Aufmerksamkeit der Medien für den Prozess ist zu groß. Sogar die Hälfte aller Journalisten glaubt das.

"Terrorknopf" blendet Berichte auf Nachrichten-Seite aus

"Die Menschen sind von der Berichterstattung und dem ganzen Fall müde", sagt der Politikprofessor Frank Aarebrot von der Universität Bergen, der an der Meinungsumfrage beteiligt war. "Die Leute wollen das hinter sich lassen." Die Boulevardzeitung "Dagbladet" hat deshalb einen so genannten "Terrorknopf" auf ihrer Webseite eingerichtet, den man anklicken kann, und alle Artikel zum Prozess verschwinden.

Ganz anders die Hinterbliebenen und die Überlebenden des Attentäters: Sie schwanken zwischen Angst und Hoffnung. Angst davor, dass sie die Situation überfordert. Hoffen, dass sie endlich abschließen können. Der Vorsitzende der Selbsthilfegruppe der Utøya-Opfer, Trond Henry Blattmann, ist sich sicher, "die nächsten zehn Wochen in der Hölle zu verbringen". Der Sozialdemokrat hat seinen 17-jährigen Sohn auf der Insel verloren.

In einem gemeinsamen Aufruf fordert Eskil Pedersen, der Vorsitzende der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, und die Wissenschaftsministerin Kristin Halvorsen die Betroffenen der Anschläge dazu auf, sich von dem Prozess und der Berichterstattung nicht vollkommen einnehmen zu lassen. "Es kann uns 24 Stunden beschäftigen und wir können untergehen in all den grauenhaften Dingen, die wir hören werden", warnen die beiden Politiker und raten, dass die Betroffenen mit ihrer Schule und ihrer Arbeit weitermachten wie gewohnt. "Wenn dieser Prozess vorbei ist, müssen sie wieder zum normalen Leben zurückkehren."

Arbeitgeber sollen "großzügig und einfühlsam" sein

Die Arbeitsministerin Hanne Bjurstrøm fordert Arbeitgeber im ganzen Land dazu auf, Angestellten, die von den Attentaten betroffen waren, genügend Arbeitszeit einzuräumen, um den Prozess zu verfolgen, auch wenn sie ihnen dafür nicht freigeben müssten. Sie sollten "großzügig und einfühlsam" sein, sagte die sozialdemokratische Ministerin am Wochenende.

Aus Sicht der Überlebenden bietet der Prozess aber auch ein großes Potential: Adrian Pracon etwa erhofft, sich "weiter distanzieren zu können von den Bildern", die in seinem Kopf von dem Massaker immer noch herumgeistern. "Das Strafmaß steht fest", sagt der 22-Jährige aus Skien, "ich bin sicher, dass er niemals wieder freikommt."

Jetzt komme es darauf an, dass der norwegische Rechtsstaat in einem vorbildhaften Verfahren den Prozess hinter sich bringe. "So können wir Breivik demonstrieren, dass er mit seiner Beschreibung über den Zustand des Staates irrt", sagt Pracon, der in der Jugendorganisation der Arbeiterpartei tätig ist. Pracon wird vor Gericht als Zeuge aussagen, wie Breivik ihm auf Utøya in die Schulter geschossen hatte.

Stoltenberg hat die Stimmung im Land erkannt

Die öffentliche Diskussion bestimmt derweil immer noch das Ergebnis des zweiten forensischen Gutachtens über den Attentäter, das ihn für zurechnungsfähig erklärt hat. Bislang hatte der Premierminister Jens Stoltenberg zu dem Verfahren geschwiegen. Am Freitagabend dann sagte er in einer Talkshow: "Wenn das Gericht ihn für gesund erklärt, und nur das Gericht kann das entscheiden, dann ist das für die meisten Menschen eine große Erleichterung", sagte der Staatschef und fuhr fort: "Für die Opfer ist es besser, wenn er für zurechnungsfähig erklärt wird."

Stoltenberg, der kurz nach den Anschlägen bereits sein Talent bewies, die Gefühle der Norweger zu erkennen und in Worte zu fassen, scheint auch hier ein Gespür für die Stimmung im Land zu haben. Er zog sich allerdings auch sogleich Kritik für seine Volksnähe zu, etwa von dem Osloer Star-Anwalt Harald Stabell, der ihm vorwirft, das Gericht beeinflussen zu wollen.

Ein Kommentator der konservativen Zeitung "Aftenposten", Harald Stanghelle, ging noch weiter und nannte die Äußerung des Premierministers "skandalös". Das Büro des Regierungschefs musste deshalb klarstellen, dass es Stoltenberg nicht um eine Beeinflussung der richterlichen Unabhängigkeit ging, sondern darum "wie die Erkenntnisse des Gerichts von den Opfern und den Hinterbliebenen erlebt werden".

Die politischen Kommentatoren mögen einen taktischen Fehler Stoltenbergs diagnostizieren. In der Bevölkerung wird er an Beliebtheit weiter zulegen.

Mitarbeit: Espen A. Eik

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1. Auch
Steinwald 15.04.2012
Zitat von sysopGanz Norwegen ist in Aufruhr. An diesem Montag wird der Massenmörder Anders Breivik den Richtern vorgeführt, das Land steht vor dem größten Prozess der Nachkriegsgeschichte. Die meisten Bürger wollen nur noch, dass der Alptraum endlich vorbei ist. Prozess gegen Anders Breivik: "Wir werden grauenhafte Dinge hören" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827678,00.html)
Mir wird regelmäßig speiübel, wenn ich von diesem Monster lesen muß, selbst, wenn ich nur einen kurzen Blick auf seine Mörderfratze werfe, könnte ich reihern. Diese Bestie hat uns allen Wunden geschlagen und einen Schaden zugefügt, der mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, nicht gutgemacht werden kann. Lebenslang im Komfiknast? Todesstrafe?? Nichts, rein gar nichts, kann die Schmerzen lindern und WUnden heilen, die das Monster uns, vor allem aber den Angehölrigen zugefügt hat. Das ist das Schlimme und Ungerechte, daß es Taten gibt, die schlicht dermaßen schlimm sind, daß sie einfach nicht gesühnt werden können. Nicht mal der liebe Gott hilft da, denn wenn man an den glaubt, sollte man wohl erst fragen, warum er so eine Tat zugelassen hat. Aber das ist müßig. Ich wünsche den MEnschen, die mit dem Unmensch zu tun haben, alle Kraft, dies zu überstehen. UNd dem Monster wünsche ich die schlimmsten Qualen, wann immer.
2. Große Gerichtshow als Art kollektive Therapie
wwwwalter 15.04.2012
Zitat von sysopGanz Norwegen ist in Aufruhr. An diesem Montag wird der Massenmörder Anders Breivik den Richtern vorgeführt, das Land steht vor dem größten Prozess der Nachkriegsgeschichte. Die meisten Bürger wollen nur noch, dass der Alptraum endlich vorbei ist. Prozess gegen Anders Breivik: "Wir werden grauenhafte Dinge hören" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827678,00.html)
Was soll die ganze teure Gerichtsshow, die vielen Gutachten, die extrem umfangreiche Kriminalistenarbeit ? Dieser Mann ist so schuldig wie irgendein Mensch nur schuldig sein kann, schuldiger geht nicht mehr. Diese Art von schwerfälliger Justiz kann man allenfalls als eine Art kollektive Therapie fürs ganze Land Norwegen verstehen, nur wird leider kein Mensch davon wieder lebendig. Und ob die Angehörigen irgendeine Genugttung empfinden, ob dieses ausufernden Prozesses, das ist mehr als fraglich, zumal der Angeklagte das Verfahren zu seiner eigenen Selbstdarstellung nutzen wird. Selbst wenn das nur sehr eingeschränkt möglich sein wird, dürfte es von den Angehörigen der Ermordeten als Schlag ins Gesicht empfunden werden. Für mich ist das zu viel Aktionismus. Die Behörden und die Politik haben halt ein schlechtes Gewissen, dass sie ihre Bürger nicht besser schützen konnten. Man könnte diesen Prozess auch anders führen... nämlich kurz, knapp und hart.
3. Zumindest
Steinwald 15.04.2012
Zitat von wwwwalterWas soll die ganze teure Gerichtsshow, die vielen Gutachten, die extrem umfangreiche Kriminalistenarbeit ? Dieser Mann ist so schuldig wie irgendein Mensch nur schuldig sein kann, schuldiger geht nicht mehr. Diese Art von schwerfälliger Justiz kann man allenfalls als eine Art kollektive Therapie fürs ganze Land Norwegen verstehen, nur wird leider kein Mensch davon wieder lebendig. Und ob die Angehörigen irgendeine Genugttung empfinden, ob dieses ausufernden Prozesses, das ist mehr als fraglich, zumal der Angeklagte das Verfahren zu seiner eigenen Selbstdarstellung nutzen wird. Selbst wenn das nur sehr eingeschränkt möglich sein wird, dürfte es von den Angehörigen der Ermordeten als Schlag ins Gesicht empfunden werden. Für mich ist das zu viel Aktionismus. Die Behörden und die Politik haben halt ein schlechtes Gewissen, dass sie ihre Bürger nicht besser schützen konnten. Man könnte diesen Prozess auch anders führen... nämlich kurz, knapp und hart.
Problem is halt, wie machen, ohne das gesamte Rechtsgefüge Norwegens auszuhebeln. Man kann ja nun schlecht für einen Einzelnen neue Gesetze erlassen. Das ist halt das Dumme. Denke aber, wenigstens unter Auschluß der Öffentlichkeit sollte das stattfinden, um der Bestie eben dieses auch von Ihnen zu Recht kritisierte Forum zur Selbstdarstellung nicht zu bieten. Das wäre gut, da sich diese perverse Figur vor allem davon zu ernähren scheint, die Menschen durch sein Verhalten noch weiter zu verletzen.
4. nene
rabenkrähe 15.04.2012
Zitat von wwwwalterWas soll die ganze teure Gerichtsshow, die vielen Gutachten, die extrem umfangreiche Kriminalistenarbeit ? Dieser Mann ist so schuldig wie irgendein Mensch nur schuldig sein kann, schuldiger geht nicht mehr. Diese Art von schwerfälliger Justiz kann man allenfalls als eine Art kollektive Therapie fürs ganze Land Norwegen verstehen, nur wird leider kein Mensch davon wieder lebendig. Und ob die Angehörigen irgendeine Genugttung empfinden, ob dieses ausufernden Prozesses, das ist mehr als fraglich, zumal der Angeklagte das Verfahren zu seiner eigenen Selbstdarstellung nutzen wird. Selbst wenn das nur sehr eingeschränkt möglich sein wird, dürfte es von den Angehörigen der Ermordeten als Schlag ins Gesicht empfunden werden. Für mich ist das zu viel Aktionismus. Die Behörden und die Politik haben halt ein schlechtes Gewissen, dass sie ihre Bürger nicht besser schützen konnten. Man könnte diesen Prozess auch anders führen... nämlich kurz, knapp und hart.
......... Oh je. Mal kurz vom Stammtisch vorbeigeschaut? Solche "Denkungsweisen" sind denen dieses schrecklichen Täters erschreckend ähnlich. Natürlich muß es ein penibel rechtsstaatliches Verfahren gegen ihn geben. Nur sollte die Öffentlichkeit schlicht aisgeschlossen werden, das muß nicht nur die Angehörigen der Opfer überfordern, das überfordert alle, die Gefühl und MitGefühl mit den Opfern haben. Ein halbes oder ein Jahr später kann dann ein Film dieser Verhandlungen freigegeben werden, aber unmittelbar kann die Öffentlichkeit in diesem Fall nur schaden. Wie schwer es für die Urteilsfindenden werden wird, zeigt sich ja schon jetzt, da so alnge begutachtet wird, bis etwas vorliegt, was genehm ist. Demokratisches Rechtsverständnis ist aber, auch für solche Untaten faire Verfahrensführung und Urteilsfindungen zu suchen. rabenkrähe
5. Ich beneide die Norweger um ihren großartigen Premier...
ladywanda 15.04.2012
...und ich finde es bemerkenswert, wie viele Bürger mit diesem Verbrechen umgehen. Eben gerade NICHT mit Kopf-ab-Parolen auf Stammtischniveau jonglieren, sondern versuchen, die Sache so nüchtern wie möglich - und so fair wie möglich - über die Bühne zu bringen. Jawohl - fair! Alles andere hieße, sich auf das Niveau dieses Killers herunterzubegeben, das norwegische Rechtssystem auszuhebeln. Ich hoffe zusammen mit den norwegischen Bürgerinnen und Bürgern und vor allem mit den Angehörigen der Opfer, dass es schnell vorbeigehen möge. Dass man zur Tagesordnung übergeht und Herr B. in irgendeinem Knast dem Vergessenwerden überliefert wird. Im Judentum lautet der schlimmste Fluch mit dem jemand belegt werden kann: "Nicht gedacht soll seiner werden..."
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