Prozess gegen Osmanen Rocker sollen Klubkameraden tagelang gefoltert haben

In Stuttgart beginnt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gegen die Führungsriege der Rocker-Gang Osmanen Germania. Es geht um schwerste Gewaltstraftaten.

Osmanen-Anhänger, Polizisten
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Osmanen-Anhänger, Polizisten

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Celal S. ahnte nichts Böses an jenem 2. Februar 2017, davon sind die Ermittler überzeugt. Mit zwei Kumpanen war er soeben aus der Türkei zurückgekehrt. Einer der beiden bot an, man könne in seiner Wohnung in der baden-württembergischen Kleinstadt Herrenberg ein wenig verschnaufen. Celal S. ging mit - ein Entschluss, der ihn fast das Leben kostete.

Die Einladung war offenbar eine Falle. Alle drei waren damals Mitglieder der Osmanen Germania. Eine deutsch-türkische Rockergang mit Hang zu schwerster Gewalt, Türsteher, Kampfsportler, Zuhälter. S. sollte gegen ihren Ehrenkodex verstoßen haben. Die beiden Kumpane wollten ihn dafür bestrafen, so die Ermittler - und holten Komplizen hinzu.

Drei Tage eingesperrt

Die Truppe soll S. in der Wohnung betäubt und gefesselt haben. Mit einer Eisenstange schlug einer dem Opfer mehrere Zähne aus. Ein anderer schoss ihm in den Oberschenkel. Ohne Betäubung, nur mit Messer und Pinzette entfernten die Täter später das Projektil. Nach drei Tagen gelang S. die Flucht.

Das Martyrium des Celal S. ist ein zentraler Fall in dem umfangreichen Prozess, der an diesem Montag vor dem Landgericht Stuttgart beginnt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft acht Angeklagten, alle seit mehr als einem halben Jahr in U-Haft, in unterschiedlicher Konstellation eine Reihe schwerer Straftaten vor: Es geht um versuchten Mord, versuchten Totschlag, Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution, Körperverletzung, Erpressung, Drogenhandel, Nötigung.

Verantworten müssen sich zum Teil hochrangige Mitglieder der Osmanen, darunter die beiden Köpfe, der vormalige "Weltpräsident" Mehmet Bagci und sein Stellvertreter Selcuk Sahin. Bis in den Januar 2019 hat Joachim Holzhausen, Vorsitzender Richter der 3. Großen Strafkammer, etwa 50 Verhandlungstage anberaumt.

Die Rocker bestreiten oder schweigen. Bagcis Anwalt Stefan Striefler sagte dem SPIEGEL: "Die Anklagevorwürfe gegen meinen Mandanten sind unbegründet." Bagci sei nicht mehr Mitglied der Osmanen. Er sehe sich politisch verfolgt und vergleiche sich mit dem Journalisten Deniz Yücel, der ein Jahr in türkischer Haft saß.

Verbindung zu Erdogan

Der Prozess dürfte auch deshalb ein großes Echo erfahren, weil die Rocker offenkundig nicht allein mit szenetypischer Gewalt auffielen. Ermittler sind überzeugt davon, dass die Osmanen beste Kontakte bis in die Spitze der türkischen Regierung pflegten. Die meisten Mitglieder seien Nationalisten - und würden in Deutschland auch Bestrafungsaktionen gegen Gegner des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausführen, heißt es in Sicherheitskreisen. (Lesen Sie mehr dazu bei SPIEGEL Plus).

Die Rocker bestreiten das. Bagcis Anwalt Striefler sagte: "Die Osmanen Germania waren nie politisch und erst recht kein Schlägertrupp des türkischen Präsidenten." Fest steht, dass Angehörige der Osmanen an Pro-Erdogan-Kundgebungen teilnahmen und 2016 auch an Demonstrationen gegen die Armenien-Resolution des Bundestags. Die Resolution war von der türkischen Regierung scharf kritisiert worden, weil sie der Türkei Völkermord vorwirft.

Immer wieder lieferten sich Osmanen, die seit Gründung Ende 2015 zeitweise rasant auf mehr als 2000 Mitglieder anwuchsen, schwere Schlägereien mit Kurden, vor allem mit der Gang Bahoz. Die Anklage schildert einen Fall aus dem Jahr 2016. Damals sollen sich Osmanen dazu verabredet haben, einen Bahoz-Mann mit Baseballschlägern, Axtstielen und Schlagstöcken zu traktieren. Das Opfer kam mit dem Leben davon, wohl auch deshalb, weil Passanten die Polizei riefen.

Verhandlung in Stammheim

Die mutmaßlichen Verbindungen in die Türkei spielen vor Gericht in Stuttgart keine Rolle. Sorge bereitet der Polizei jedoch, dass Türken und Kurden am Rande des Verfahrens aneinandergeraten könnten. Die Verhandlung wurde bereits in die Mehrzweckhalle der JVA Stuttgart-Stammheim verlegt. Dort fanden in den Siebzigerjahren die Prozesse gegen die RAF-Terroristen statt.

Eine Sicherheitsverfügung des Landgerichts sieht vor, dass Journalisten am ersten Prozesstag und am Tag der Urteilsverkündung keine Bilder aufzeichnen dürfen. Im Gerichtssaal würden die Anhänger der beiden verfeindeten Gangs durch "einen Kordon aus dicht platzierten Einsatzkräften" hermetisch getrennt. Fotografen im Mittelgang würden die konsequente Trennung gefährden. Es gebe ein "aufgeheiztes Umfeld", sagt der Sprecher des Landgerichts. "Wir sind auf alles vorbereitet."

Welche Gefahr zurzeit von den Osmanen ausgeht, ist für Ermittler schwer zu sagen. Die Zahl der Mitglieder hat sich deutlich reduziert, auf wenige hundert. In Baden-Württemberg, neben Hessen ein Zentrum der Rocker, gab es seit März 2017 keine schweren Auseinandersetzungen mehr. "Wir gehen davon aus, dass sich die Gruppierung neu orientiert", sagt ein Sprecher des Landeskriminalamts Baden-Württemberg.

Nicht nur im Süden hat der Staat die Osmanen genau im Blick. Als eine seiner letzten Amtshandlungen ließ der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) Mitte März zahlreiche Objekte der Rocker durchsuchen.

In Wuppertal wollten Spezialkräfte der Polizei jüngst den dortigen Statthalter Hamit P. verhaften, der für den Stuttgarter Prozess als Zeuge vorgesehen war. Der Einsatz ging auf tragische Weise schief: Ein Beamter fühlte sich bedroht - und erschoss den unbewaffneten Verdächtigen.

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