Ostafrika: Mörderbanden machen Jagd auf Albinos

Sie werden gehetzt, umgebracht, verstümmelt: In Ostafrika sterben Albinos, weil Abergläubische ihre Körperteile für Schwarze Magie benutzen. Das soll Glück und Wohlstand bringen. Vor allem Frauen und Kinder werden gejagt, von offizieller Seite kommt nur wenig Hilfe.

Ruyigi/Burundi - Das vorerst letzte Opfer des Aberglaubens war zehn Jahre alt. Die kleine Esther Charles wurde vor wenigen Tagen in ihrem Dorf Shilela im Westen von Tansania getötet, dann zerhackten die Mörder ihren Körper und verkauften die Teile. Esther war ein Albino-Mädchen, durch einen Gendefekt fehlte ihr das Pigment Melanin. Sie hatte weiße Haut, weißes Haar und empfindliche rote Augen. Genau das wurde ihr zum Verhängnis. Im ostafrikanischen Tansania gelten Albinos als Glücksbringer und Vorboten des Wohlstands.

In jüngster Zeit häufen sich die Berichte über regelrechte Menschenjagden: Mörderbanden schlachten Albinos ab, selbsternannte Hexer kaufen Leichenteile, Blut und Organe und mixen ihren Kunden daraus angebliche Zaubertränke, die vor allem eines bringen sollen: Reichtum. Unter den Albinos im Land herrscht reine Panik. "Ich kenne einen Fall, da hat sich eine Frau mehr als drei Monate versteckt, nachdem ihre Schwester ermordet worden ist", sagt Ernest Kimaya, Vorsitzender der Tansanischen Albino-Gesellschaft (TAS).

Mindestens 26 Albinos sind allein in Tansania im Laufe der vergangenen zwölf Monate getötet worden. Die meisten von ihnen waren Frauen oder Kinder. Im vergangenen Jahr hatte die Polizei bereits mehrfach von Grabschändungen berichtet. Die Räuber hatten Leichen von Kindern ausgegraben, um Genitalien, Augen oder andere Organe herauszuschneiden. Mittlerweile hat sich der Horror rund um das Hexengeschäft auch auf Tansanias Nachbarländer ausbreitet. In der Demokratischen Republik Kongo, in der der Aberglaube ebenfalls blüht, herrscht große Nachfrage nach Albino-Haut. Auch in Kenia und Burundi verschärften die Behörden ihre Sicherheitsmaßnahmen, weil sich dort die Morde an Albinos häufen.

"Mein Sohn lebt in ständiger Panik"

Dem 19-jährigen Richard Ciza saß der Tod vor wenigen Tagen schon im Nacken. Vier Mörder verfolgten den jungen Mann mit Gewehren. Zwei Tage schlug er sich durch den Dschungel, die Mörder immer auf den Fersen - jetzt steht er unter Schock. "Die Menschen sagen, dass Körperteile von Albinos in Tansania über Goldminen abgelegt werden, damit das Gold an die Oberfläche gelangt", sagt der junge Burunder, und dabei steigt ihm die Angst in den Augen. "Manchmal benutzen Fischer die Teile auch als Köder, weil sie glauben, dass die damit gefangenen Fische Gold im Bauch haben."

Zuflucht fand Richard Ciza bei Nicodeme Gahimbare, dem Obersten Staatsanwalt der burundischen Provinz Ruyigi. Sein Wohnhaus gleicht einer Festung. Drei Meter hohe Mauern umgeben das Anwesen, denn Gahimbare hat sich entschlossen, alle 45 Albinos der Region bei sich aufzunehmen, um ihnen Schutz zu gewähren.

Etwa 25 haben sich bislang zu ihm durchgeschlagen, darunter auch der kleine Ephrem. Mehr als zehn Kilometer Fußweg bewältigte der achtjährige Junge an der Seite seines Vaters. "Mein Sohn lebt in ständiger Panik, seit er gehört hat, was passiert ist", sagt der zehnfache Familienvater Protais Muzoya. Als auf dem langen Marsch nach Ruyigi ein freundlicher Autofahrer die beiden Wanderer mitnehmen wollte, fing Ephrem an zu schreien und wild um sich zu treten. "Wenn er die Straße entlanggeht, sagen die Leute zu ihm: 'Unser Glück geht vorbei", erzählt Muzoya.

Mit der Leiche eines Albinos ließen sich Gerüchten zufolge umgerechnet rund 380.000 Euro verdienen, sagt der Jurist Gahimbare. "Das Schicksal der Albinos sollte zur Staatsangelegenheit werden", fordert er. In Tansania versuchen die Behörden, dem Morden Einhalt zu gebieten. Die Polizei nahm 47 Verdächtige fest; genützt hat es wenig. "Es ist absolut hirnrissig, wenn einige glauben, dass Albinos magische Kräfte haben und man durch deren Körperteile reich werden kann", hatte Präsident Jakaya Kikwete vor Tagen gesagt. "Die Menschen sollten sich bilden und einsehen, dass sie nur durch harte Arbeit Erfolg haben können und nicht, indem sie die Leichenteile von Albinos verkaufen." Wenige Stunden später war die kleine Esther tot.

Von Esdras Ndikumana, AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Weiß in Afrika: Lebensgefahr für Albinos