Ottfried Fischer: Sieg über den Boulevard

Von Markus Brauck und , München

Das Amtsgericht München hat einen Ex-Redakteur der "Bild"-Zeitung bestraft, er hatte den Schauspieler Ottfried Fischer mit einem Sexvideo zum Interview genötigt. Die Verhandlung offenbarte das zweifelhafte Verhältnis der Boulevardpresse zu Prominenten und deren PR-Agenten.

Fischer gegen "Bild": Das "Milieu" entschuldigt sich Fotos
dpa

Ottfried Fischer hat keine Angst mehr. Entschlossen, zuweilen stoisch stellt er sich den Blitzlichtern der Fotoapparate und den laufenden Kameras, als er am Montag seinen Feldzug antritt: Der Schauspieler will sich gegen zwielichtige Methoden der Boulevardpresse wehren, nachdem sie pikante Details aus seinem Intimleben an die Öffentlichkeit gezerrt hat.

Es geht um Prostituierte, um ein Sexvideo, um Nötigung. Und es geht auch um Fischers Karriere. Am Ende wird es ein Sieg für den Schauspieler und eine Niederlage für den Boulevard.

Der 56-Jährige tritt vor dem Amtsgericht München als Nebenkläger und Zeuge auf. Auf der Anklagebank sitzen fünf Personen, darunter eine Prostituierte, ein Zuhälter und ein ehemaliger "Bild"-Journalist - wegen Nötigung und "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen".

Bei dem 29-jährigen Redakteur hatte sich jener Mike P. gemeldet, der nun mit ihm angeklagt ist. Er hatte sich als Mitarbeiter einer Kreditkartenfirma ausgegeben und behauptet, er habe einen Beweis dafür, dass der Schauspieler die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen habe: ein kompromittierendes Video, aufgenommen in dessen Schlafzimmer.

So erschien am 17. September 2009 in der "Bild" ein Artikel, wonach sich Fischer mit "vier Liebesmädchen" um angeblich ausstehendes Honorar streite. Titel der Geschichte: "Haben Prostituierte Ottfried Fischer um 30.000 Euro betrogen?"

50.000 bis 100.000 Euro in Aussicht gestellt

Wenig später trifft Mike P. den "Bild"-Redakteur in der Cafeteria des Axel-Springer-Verlags in Berlin, im Gepäck eine Kopie des Films, der Fischer mit "mindestens zwei Prostituierten" zeigt. Der Journalist habe ihm 50.000 bis 100.000 Euro in Aussicht gestellt, sagt Mike P. vor Gericht. Nach dem Treffen habe er als "Anzahlung" 3500 Euro überwiesen bekommen. "Es war klar, wenn noch mehr Artikel erscheinen, dass es noch mehr Geld gibt."

Im Oktober erscheint dann tatsächlich in der "Bild" ein ungewöhnlich ausführliches Interview des "Pfarrer Braun"-Darstellers, in dem er den Damenbesuch erklärt. Einziger Grund: Er fühlte sich dazu genötigt.

Vor Gericht beschreibt der von seiner Parkinson-Erkrankung sichtlich gezeichnete Fischer, wie er im September 2009 bei seiner Kreditkartenabrechnung festgestellt habe, dass Beträge in Höhe von insgesamt 74.366 Euro abgebucht wurden, die er nie veranlasst habe und das von Orten, an denen er nie gewesen sei. Der Kabarettist erstattet Anzeige. "Zwei Tage später berichtete 'Bild', dass ich Probleme mit Prostituierten und Kreditkarten habe."

Sein Agent habe ihm daraufhin erklärt "I mog nimmer" und seinen Job hingeschmissen. Daraufhin habe er Brigitte M. engagiert, eine erfahrene Pressefrau, seit mehr als 20 Jahren PR-Agentin und Managerin für Schauspieler. Sie sollte Fischer nach der peinlichen Prostituierten-Affäre wieder "in ein besseres Licht" rücken, so hofft er.

"Ach, du Elend, das fehlt ja noch!"

Doch es kommt noch schlimmer. Brigitte M. gibt in der Branche bekannt, dass sie ab sofort in Pressefragen den berühmten TV-Pfarrer vertrete. Wenige Tage später, am 13. Oktober, bekommt sie einen Anruf des nun angeklagten "Bild"-Redakteurs, mit dem sie "ein freundschaftliches Verhältnis" pflegte - und der erzählt ihr von seiner Errungenschaft, dem Film, der Fischer bei sexuellen Handlungen zeige.

"Ach, du Elend, das fehlt ja noch!", sei ihr erster Gedanke gewesen, sagt die 59-Jährige am Montag vor Gericht. "Gemeinsam" habe sie dann mit dem Reporter überlegt, was man "Gutes für Fischer" tun könne.

Fischer erinnert sich so: Brigitte M. habe mit ihren guten Kontakten geprahlt, besonders zur "Bild". "Sie gab sich geheimnisvoll und interessant", so Fischer im Zeugenstand. Und sie hatte auch prompt einen Plan, um eine Veröffentlichung des Videos zu verhindern: Ein "Bild"-Exklusiv-Interview zu dem Vorfall mit den Prostituierten und nach einem entsprechenden Prozess gegen die Betrüger ebenfalls ein ausführliches Gespräch, exklusiv für "Bild". Der kompromittierende Film würde dann im "Giftschrank" des Verlages landen.

Recht sei ihm das nicht gewesen, erklärt Fischer nun. Die "Bild" sei nicht so seine Zeitung. Bisher habe er nur mit Redakteuren dort gesprochen, wenn er durch eine Produktion vertraglich an Pressearbeit gebunden gewesen sei. Sonst nicht.

"Dann ist dein 'Pfarrer Braun' weg"

Nach den unrühmlichen Details der Damenbesuche in seiner Schwabinger Wohnung und der Sorge, ein heimlich gedrehter Sexfilm könnte in die Öffentlichkeit gelangen, habe er "diesen Strohhalm ergriffen und auch eine kriminalistische Berichterstattung mit der 'Bild' in Kauf genommen". Ein Grund sei auch gewesen, seinem Umfeld nicht noch mehr zumuten zu wollen. Fischer ist Vater von zwei Töchtern und hat eine Lebensgefährtin, die nach Angaben seiner Agentin unter der Berichterstattung enorm gelitten habe.

Fischer sieht zudem keine Alternative. Seine neue PR-Agentin habe ihm deutlich gesagt: "Wenn wir nicht darauf eingehen, dann ist dein 'Pfarrer Braun' weg, deine Werbeverträge, dein Schlachthof - deine Karriere am Ende."

Dies bestreitet Brigitte M. auch nicht. "Ich habe ihm meine Einschätzung mitgeteilt, dass eine negative Berichterstattung das Ende seiner Karriere bedeute", erklärt sie vor Gericht. Angst aber habe sie Fischer keine gemacht. "Herr Fischer oder ich hätten jederzeit von der Abmachung zurücktreten können."

Das sieht er anders. Natürlich hätte er sich anders entscheiden können, sagt Fischer. M.s Einschätzung sei jedoch eindringlich gewesen: "Wenn du nicht kooperierst, dann musst schau'n wo'd bleibst." Fischer fühlte sich unter Druck.

Gibt es wirklich einen "Giftschrank"?

Für Brigitte M., die vor Gericht einräumt, auch in Zukunft mit dem Axel-Springer-Verlag zusammenarbeiten zu wollen, sei es mehr "Zugzwang" gewesen, weniger Druck. "Ich bin definitiv nicht unter Druck gesetzt worden!", behauptet sie. Ihre Zusammenarbeit mit Journalisten sei "grundsätzlich ein Deal, eine Form von Handel". Und der Begriff "Giftschrank" fungiere als "Oberbegriff", sie wisse nicht, ob der Axel-Springer-Verlag tatsächlich einen Schrank für brisantes Material habe.

Auch der Redakteur beteuert mehrfach vor Gericht, keinen Druck auf die Presseagentin ausgeübt zu haben. Diese habe von sich aus ein Interview angeboten, weil Fischers Ruf "nach dieser Geschichte angeschlagen" sei. Er habe ihr außerdem in Aussicht gestellt, den Film jederzeit bei ihm abholen zu können, um ihn zu vernichten.

Doch Richter Hilmar Buch glaubte ihm nicht. Für ihn ist der Fall Fischer eine Nötigung, auch wenn Brigitte M. in vorauseilendem Gehorsam agierte und abstreitet, dass sie sich genötigt gefühlt habe. Warum sonst hätte der "Bild"-Journalist die PR-Agentin mit dem Film konfrontieren sollen? Eine explizite Drohung habe man gar nicht ausformulieren müssen. Brigitte M. sei erfahren genug, kenne die Spielregeln in der Branche und habe gewusst, dass eine Gegenleistung erforderlich sei. "Wenn allen Beteiligten klar ist, was passiert, dann muss man das auch nicht extra ausformulieren", so Buch. "Herr Fischer hätte das Interview sonst in dieser Form nicht gemacht."

"Pressefreiheit darf nicht zur Erpresserfreiheit werden"

Er habe zuerst überlegt, dem Antrag der Staatsanwaltschaft zu folgen und eine Freiheitsstrafe gegen den ehemaligen "Bild"-Journalisten zu verhängen, sich dann aber doch zu einer Geldstrafe entschieden, so Richter Buch. 14.400 Euro muss der 29-Jährige, der inzwischen bei einem anderen Verlag arbeitet, zahlen. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wäre er damit vorbestraft.

Die anderen Angeklagten, die umfassende Geständnisse abgelegt und sich in aller Form bei Fischer entschuldigten, erhielten ebenfalls Geldstrafen zwischen 600 und 12.000 Euro.

Fischer sei es um die Abschreckwirkung, nicht um hohe Strafen gegangen, betonte sein Rechtsanwalt Steffen Ufer. "Die Grenzen der Pressefreiheit sind hier maßlos überschritten worden. Der Aufkauf des Schmuddelfilms, erkennbar illegal aufgenommen, ist verwerfliche Nötigung." Diese Methode dürfe keine Methode des Journalismus sein: "Die Pressefreiheit darf nicht zur Erpresserfreiheit werden."

In seinem Plädoyer warf Ufer dem Journalisten vor, dass er sich als einziger der Angeklagten nicht bei Fischer entschuldigt habe und schob nach: "Ob Sie sich schämen, bleibt Ihnen überlassen."

Die Antwort des 29-Jährige folgte halbherzig kurz vor der Urteilsverkündung: "Wenn ich Herrn Fischer durch meine Berichterstattung verletzt haben sollte, tut mir das leid. Aber ich habe im Zuge dessen keine Straftat begangen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Sieg ueber den ..
petsche 26.10.2010
Was vor langer Zeit einmal Journalismus war ist ebenso wie die Politik zu lizensierter Kriminalitaet verkommen.
2. Mitleid
nurmeinsenf 26.10.2010
Tut mir schon leid, der "Otti" - egal ob er sich nun wissentlich mit Prostituierten eingelassen hat oder ob er so naiv war, daß er den "falschen Freundinnen" auf den Leim gegangen ist, er erweckt den Anschein eines gutgläubigen Menschen, dem man übel mitgespielt hat. Schade daß es die große Zeitung mit den vier Buchstaben mal wieder nicht trifft, der Journalist arbeitet ja mittlerweile für ein anderes Haus und die haben sicher von gar nichts gewußt...
3. t
loncaros 26.10.2010
Ein Mann versucht jemanden mit einem versteckt aufgenommenen Sexfilm zu erpressen. Allein da sehe ich schon zwei Straftaten wo der Journalist keine sieht. Dafür sollte man eigentlich schon in den Knast.
4. re
Mirko D. Walter 26.10.2010
Der Journalist ist ein Feigling. Wenn er schon dabei erwischt wurde, dass er Herrn Fischer erpresst hat, könnte er wenigstens die Größe besitzen und sich entschuldigen und seine Schuld eingestehen. Unterm Strich überrascht es mich zwar nicht, dass Bild-Redakteure so "dubios" vorgegangen sind, aber bisher habe ich keine wirkliche menschliche Verachtung für die Mitarbeiter gehabt - das hat sich geändert. Nichts gegen Boulevard und gegen schäbige Presse - viele B-Promis leben halt davon. Aber irgendwo ist mal Schluss.
5. respekt ottfried fischer !
alexbln 26.10.2010
finde ich super von o.fischer, daß er sich wehrt und einne erfolg vor gericht erstritten hat!
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