Missbrauch eines Säuglings "Das sprengt jede Dimension"

Ein Paar mit Vorliebe für Sadomaso-Sex zeugt ein Kind, um es später zu missbrauchen. Das Motiv ist erschütternd - aber nicht strafbar. Für eine Verurteilung ist nur der geschehene Missbrauch entscheidend.

Von Simone Utler und


Hamburg - Dieser Fall macht selbst Richter mit langjähriger Berufserfahrung fassungslos: Ein Paar zeugte ein Kind, um es später sexuell zu missbrauchen. Über Monate hinweg wurden derartige Pläne geschmiedet. Als das Baby fünf Wochen alt war, wurde es das erste Mal für ein pornografisches Foto missbraucht. "Die Angeklagten haben einen schutzlosen Säugling zum bloßen Objekt ihrer sexuellen Begierde degradiert und seine Menschenwürde mit Füßen getreten", sagte Heinz-Günter Busold, Vorsitzender Richter am Essener Landgericht, in seiner Urteilsbegründung.

Am Montag verurteilte das Gericht den 27-jährigen Benjamin P. und die 26-jährige Melanie R. wegen des Missbrauchs ihres Kindes. Der Kindsvater muss für acht Jahre in Haft, die Mutter für fünf. Die Richter hätten im Verlauf des Prozesses in Abgründe menschlichen Handelns und Denkens geblickt, die sie "fassungslos und betroffen machen", so Busold.

Der Fall und das Urteil provozieren heftige Reaktionen. Dutzende Leserbriefe erreichten die Redaktion von SPIEGEL ONLINE. In vielen Schreiben kommt großes Unverständnis zum Ausdruck - über das Verhalten der Verurteilten, aber auch über das Strafmaß.

Bereits während der zehn Prozesstage kochten die Emotionen hoch - unter den Zuhörern befanden sich laut Berichten der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" ("WAZ") auch organisierte Gruppen wie die Motorradfahrer gegen Kindesmissbrauch. Eine Frau trug demnach ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Stoppt Tierversuche - nehmt Kinderschänder".

"Die Zeugung des Kindes ist nicht der Vorwurf"

Das Schockierendste an diesem Fall ist, dass die Eltern das Baby schon mit dem klaren Ziel des Missbrauchs gezeugt haben. Das planvolle Vorgehen an sich ist jedoch nicht strafbar. "Die Zeugung des Kindes ist nicht der Vorwurf. Menschen können unabhängig vom Motiv Kinder bekommen", sagt Gerichtssprecher Stephan Hackert.

Auch der Verteidiger von R., Hendrik Rente, weist darauf hin, dass das Paar im Chat zwar gemeinsam Phantasien entwickelt habe, was man mit dem Kind machen könnte - diese aber nicht vollständig umgesetzt habe.

Strafrechtlich belangen kann man das Paar lediglich für den geschehenen Missbrauch - und der ist in diesem Fall vergleichsweise harmlos. Der Säugling erlitt keine körperlichen Verletzungen. Die Richter folgten der Einschätzung einer Gutachterin und gehen derzeit nicht davon aus, dass das Kind Schäden davongetragen hat: "Nicht physisch, aber auch nicht psychisch. Objektiv ist, Gott sei Dank, nicht viel passiert", so das Gericht laut "WAZ".

Mit dem Strafmaß für die Frau entsprachen die Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Für den Mann hatte die Anklagebehörde zehn Jahre Haft beantragt. Die Verteidiger hatten auf konkrete Strafanträge verzichtet. Die Höchststrafe für schweren sexuellen Missbrauch von Kindern liegt laut Strafgesetzbuch bei zehn Jahren - etwa wenn ein Kind über viele Jahre regelmäßig zum Geschlechtsverkehr gezwungen wird.

"Scheint jede Dimension zu sprengen"

Auch wenn sie in ihrer Berufslaufbahn schon über schlimmere Fälle von Kindesmissbrauch zu urteilen hatten, berührte dieser Fall die Essener Richter besonders. "Die Vorgeschichte dieses Missbrauchs scheint jede Dimension zu sprengen", sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung.

Tatsächlich macht eben diese Vorgeschichte den Fall so erschütternd.

Die Angeklagten lernten sich Ende 2009 in einem Internetforum für sadomasochistischen Sex kennen. Zunächst lebten Melanie R. und Benjamin P. ihre Phantasien im Chat aus, dann trafen sich die Altenpflegerin und der Metallbauer auch persönlich. Regelmäßig, sagte Gerichtssprecher Hackert, meist in P.s Wohnung in Gelsenkirchen, denn R. war verheiratet. Es kam zu zuvor im Internet abgesprochenen sexuellen Rollenspielen. "Im Hintergrund liefen auf dem PC Kinderpornos", so Hackert.

Ab Juni 2010 äußerte Benjamin P. in Chatgesprächen mit R., er habe auch Interesse an sexuellem Austausch mit Kindern. Um den Angeklagten an sich zu binden und die Beziehung fortzusetzen, log sie P. vor, Mutter eines Säuglings zu sein. Zehn Monate sei das Kind und heiße Niklas. Mehrfach bot sie ihrem Liebhaber an, sexuelle Kontakte an dem Säugling vorzunehmen. Da es dieses Kind nicht gab, schickte sie ihm Fotos unbekannter Kinder. R. fand fortwährend Ausreden, P. ihren vermeintlichen Sohn vorzuenthalten.

Parallel dazu fasst das Paar den entsetzlichen Plan: "Sie wollten ein Kind zeugen - um es später in ihre Sexualpraktiken einbeziehen zu können", so Gerichtssprecher Hackert. P. hatte demnach weitere Sexualpartnerinnen, denen er den gleichen Vorschlag unterbreitet haben soll - die Ermittlungen dazu verliefen laut Gericht aber im Sand. Melanie R. ließ sich auf den Vorschlag ein. "Sie wollte P. nicht verlieren", sagt Hackert.

Das Paar ging mit System vor: Immer wenn Melanie R. ihre fruchtbaren Tage hatte, fuhr sie zu ihrem Liebhaber. Parallel dazu hatte sie nach Angaben ihres Anwalts aber auch Sex mit dem eigenen Ehemann. Im Herbst 2010 wurde sie schwanger, im Juni 2011 brachte sie einen Sohn zur Welt. Der Vater: Benjamin P., wie im Zuge der Ermittlungen ein Vaterschaftstest ergab.

Fotos und Filme mit Tier-, Kinder- und Gewaltpornos

Während der Schwangerschaft war der Kontakt deutlich abgeebbt, aber als der Junge fünf Wochen alt war, fuhr Melanie R. zu Benjamin P., um ihm das Kind vorzustellen. "Sie wickelte ihn, als P. hinzukam und seinen erigierten Penis neben das Geschlechtsteil des Jungen hielt und ein Foto machte", schildert R.s Verteidiger Rente den Vorfall und fügt hinzu: "Meine Mandantin muss sich vorwerfen lassen, nichts dagegen unternommen zu haben." Laut Gericht soll sie das Baby festgehalten und bei der Aufnahme des Fotos zugesehen haben.

P. schickte das Foto kurze Zeit später an eine weitere Sexualpartnerin, um ihr zu imponieren. Die Frau zeigte das Bild einem Freund, der wiederum die Polizei informierte. Bei der Durchsuchung von P.s Wohnung fanden die Ermittler zahlreiche Fotos und Filme mit Tier-, Kinder- und Gewaltpornos. Außerdem stellten sie Bilder sicher, die der Mann 2003 von seiner jüngeren Schwester gemacht hatte. Als er 18 war, soll er die damals knapp 14-Jährige zu sexuellen Handlungen an ihr selbst verleitet und sie dabei fotografiert haben, erklärt Gerichtsprecher Hackert.

Es fällt schwer, die Beweggründe der Verurteilten zu erhellen. Als Kernmotiv für P.s Verhalten sieht das Gericht eine "narzisstische Triebbefriedigung". Gutachter Norbert Leygraf entdeckte bei dem Verurteilten laut "WAZ"-Bericht keinerlei psychische Störungen und attestierte volle Schuldfähigkeit: "Masochistische Sexualität ist keine Krankheit." Wenn man ihm mit einem Urteil Grenzen aufzeige, könne P. sich ändern, lautete demnach die Schlussfolgerung des Psychiaters.

P. solle sich fragen, was mit dem Kind passiert wäre, wenn die Tat nicht jetzt aufgedeckt worden wäre, so Richter Busold bei der Urteilsverkündung.

Das Kind steht seit der Entdeckung der Tat unter Betreuung des Jugendamts. Die Mutter hatte sich zuletzt noch um das Sorgerecht für den Jungen bemüht. "Sie kann allerdings davon ausgehen, keine Chance zu haben", sagt ihr eigener Anwalt.

AZ.: 23 KLs 148/11

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