Pädagoge Martin N.: Der Mann hinter der Maske

Von Gisela Friedrichsen, Stade

Er hat sich angeschlichen, immer nachts, wenn seine Opfer schliefen. Drei Jungen soll Martin N. getötet, Dutzende missbraucht haben. Einigen Opfern redete er gut zu, andere bedrohte er. Nun steht der 40-Jährige in Stade vor Gericht.

Stade - Was ist das nur für ein Mensch, dieser Martin N., 40, von Beruf Sozialpädagoge?

Er soll laut Staatsanwaltschaft Stade drei Jungen ermordet haben: 1992, 1995 und 2001. Er soll unzählige Male an Buben "gefummelt" haben. Er soll dabei zum Teil unglaublich dreist vorgegangen, aber auch ängstlich geflohen sein, wenn Entdeckung drohte. Das Tatmuster, das bei ihm aufscheint, ist anders als in ähnlichen Fällen, in denen Kinder einem pädophilen Täter in die Hände fielen. Es ist absolut ungewöhnlich.

Als Martin N. von zahlreichen Sicherheitsbeamten und gefesselt in den Stader Schwurgerichtssaal geführt wurde, verbarg er sein von einem Vollbart verdecktes Gesicht hinter einem rosa Aktendeckel, als fürchte er die Preisgabe seines Aussehens fast mehr als die bevorstehende Erörterung seiner Taten, die ihm die Ermittler nachweisen zu können glauben.

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Martin N.: Der Fall des "Maskenmanns"
Während Staatsanwalt Johannes Kiers die Anklage verlas, saß N. unbeweglich da, mit leerem Gesicht, niedergeschlagenen Augen und unter dem Tisch gefalteten Händen. Er erweckte den Eindruck eines Menschen, der weiß, dass er seinem Schicksal lange hatte entkommen können. Dass es damit aber nun endgültig vorbei ist.

Als ihn 2007 eine Soko erstmals verdächtigte, stritt N. noch alles ab. Die Ermittler hatten gegen ihn nichts Konkretes in der Hand. Erst als sich im Februar dieses Jahres ein Mann bei der Polizei meldete und von einem "Martin" berichtete, der ihn im August 1995 als Betreuer einer Jugendfreizeit vom Roten Kreuz im Schullandheim Friedrichsburg über seine häusliche Wohnsituation merkwürdig ausgehorcht habe, geriet N. neuerlich ins Visier der Fahnder.

Denn der Junge von damals war Wochen später, in der Nacht vom 22. Oktober 1995, von einem "schwarzen Mann" im Kinderzimmer geweckt und zu Tode erschreckt worden, als der an seinen Geschlechtsteilen manipulierte. Der Unbekannte hatte sich, offenbar vertraut mit der Örtlichkeit, unbemerkt Zutritt zum Elternhaus des Kindes verschafft und war erst geflohen, als die Schwester des Jungen zu schreien anfing, die im Bett ihres Bruders schlief. Die Mutter der Kinder sah den Mann noch das Weite suchen. Die Polizei ermittelte, dass es sich bei "Martin" um N. handelte.

Der Maskenmann überfiel seine Opfer nie spontan

Sollte das Gericht in Stade feststellen, dass N. der "Maskenmann" ist, der ganz Norddeutschland über bald 20 Jahre in Angst und Schrecken versetzte, dann begann seine kriminelle Karriere im März 1992 mit der Tötung eines 13-jährigen Schülers, der sich damals im Internat Eichenschule in Scheeßel aufhielt. Im September des selben Jahres soll N. im Schullandheim Badenstedt in der Nähe von Kirchtimke und mehrfach in einem Heim in Hepstedt an schlafenden Jungen manipuliert haben. Dann folgen ähnliche, vergleichsweise harmlose Übergriffe 1994 und 1995.

In diesem Jahr soll N. im Februar einen Jungen in Bremen vom Fahrrad gerissen und hinter einem Gebüsch an ihm gefingert haben, ehe er ihn wenig später laufen ließ. Im April, Mai und Juni, so die Anklage, schlich er sich in Jugendherbergen ein, bevor er am 24. Juli 1995 einen Achtjährigen aus dem Ferienzeltlager Selker Noor holte, den er Tage später in Dänemark erwürgte. An ihm habe er keine sexuellen Handlungen vorgenommen, sagte N. bei der Polizei.

Es folgten Übergriffe 1996, 1997 und 1999. Im Juli 2001 soll sich N. an einem Jungen zu schaffen gemacht haben, der an einem Zeltlager am Lütjensee teilnahm. Im September jenes Jahres habe er im Schullandheim Wulsbüttel dann einen Neunjährigen getötet, so die Anklage.

Sollte N. die vorgeworfenen Taten begangen haben - von rund 40 Übergriffen, die er offenbar zugab, ist die Hälfte verjährt - dann fällt auf, dass er nie spontan handelte, sondern erst Tatorte auskundschaftete und die Jungen, die ihm gefielen, beobachtete. Er überraschte sie vornehmlich im Schlaf, möglicherweise um ihre Schlaftrunkenheit auszunutzen. Oder erregte ihn besonders das Eindringen in normalerweise geschützte Bereiche wie Schlaf- und Kinderzimmer oder Zelte?

War N. bei der Begehung der Taten schuldfähig?

N.s Taten, sollte er sie begangen haben, steigerten sich nicht. Eine Entwicklung ist nicht zu erkennen. Er fing offenbar gleich mit dem Töten an und wartete dann Jahre, bis er wieder zuschlug. Dazwischen lag eine Fülle von "niederschwelligen" Taten, Anfassen ohne die Anwendung von Gewalt. Warum verhielt er sich mal so und mal ganz anders? Oft soll er beruhigend auf die erschrockenen Jungen eingeredet haben, während er deren Geschlechtsteile massierte, mal soll er seinem Opfer gedroht haben, es umzubringen. Oder dessen Mutter.

Auffallend ist auch, dass der Pädagoge sich zwar vorwiegend Arbeitsplätze suchte, an denen er mit Kindern zu tun hatte, sich dort aber nichts zuschulden kommen ließ. Auf diese Weise lenkte der bei Kindern und Jugendlichen beliebte Betreuer jeden Verdacht von sich ab, er könnte etwa der "Maskenmann" sein. Wie viele Kinder wirklich von seinen Übergriffen betroffen waren, wird sich vermutlich nie klären lassen. Denn so mancher Junge wird aus Scham geschwiegen haben, oder aus Angst. Und manche einmalige Berührung durch N. mag auch vergessen oder verdrängt worden sein.

Ob sexuelle Motive bei den Tötungen eine Rolle spielten oder ob N. "nur" zum Zweck der Verdeckung getötet hat, scheint derzeit noch ungewiss. Mit der Begutachtung des Angeklagten wurde der Münchner forensische Psychiater Norbert Nedopil, einer der angesehensten Experten in Deutschland, beauftragt. Er wird dem Gericht Auskunft geben, ob der Angeklagte ein psychisch schwerstgestörter Mensch ist, der auf unabsehbare Zeit in der Psychiatrie untergebracht werden muss, oder ob er möglicherweise schuldfähig war bei der Begehung der Taten. Dann müsste N. mit einer Verurteilung zu lebenslanger Haft und womöglich mit Sicherungsverwahrung rechnen.

Am nächsten Verhandlungstag, dem 26. Oktober, wollen N.s Anwälte Ralph Wichmann und Christian Esche eine etwa eineinhalbstündige Erklärung zur Person ihres Mandanten und zur Sache abgeben. Nachfragen werde der Angeklagte nicht beantworten, teilten seine Verteidiger am Montag dem Gericht mit.

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Mordfälle im Visier der Soko Dennis
Wie viele Kinder hat Martin N. getötet?
Martin N., der mutmaßliche Mörder von Dennis R., wird mit mehreren, teilweise noch nicht aufgeklärten Verbrechen in Verbindung gebracht. Für die Ermittler ist Martin N. ein Serientäter, der womöglich fünf Jungen getötet hat. Drei Morde hat er in einer Vernehmung eingeräumt sowie mehr als 40 Missbrauchstaten. Die getöteten Kinder verschwanden aus Schullandheimen, Zeltlagern oder Jugendherbergen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert fünf Mordfälle, um deren Aufklärung sich die Soko Dennis noch immer bemüht.
31. März 1992
In der Nacht zum 31. März verschwindet der 13-jährige Stefan J. aus Hamburg aus einem Internat in Scheeßel in Niedersachsen. Zurück blieben in einem Aufenthaltsraum ein Schlafanzug und ein offenes Fenster. Anfang Mai wurde die gefesselte Leiche in den Verdener Dünen vergraben entdeckt.
24. Juli 1995
Am 24. Juli verschwindet der achtjährige Dennis R. aus dem einsam gelegenen Ferienzeltlager Selker Noor in Schleswig-Holstein. Zwei Wochen später wird er ermordet und vergraben in einer Düne bei Skive/Holstebro in Dänemark gefunden. Der Tatverdacht gegen einen Betreuer erhärtet sich damals nicht.
1998
Der elfjährige Nicky V. verschwindet unter nicht geklärten Umständen aus einem Zeltlager bei Brunssum in den Niederlanden. Einen Tag später wird die Leiche des Jungen in einer Fichtenschonung gefunden.
5. September 2001
Am 5. September wird der neunjährige Dennis K. aus einem Schullandheim in Wulsbüttel entführt. Zwei Wochen später finden Pilzsammler die Leiche des ermordeten Jungen bei Kirchtimke, etwa 45 Kilometer entfernt.
7. April 2004
Am 7. April verschwindet der elfjährige Schüler Jonathan aus einem Schullandheim im Ferienort Saint-Brevin-les-Pins in Westfrankreich. Im Mai wird er etwa 30 Kilometer entfernt in einem Teich bei Guerande im Département Loire-Atlantique tot aufgefunden.

Gründung der Soko Dennis
5. September 2001
Dennis K. verschwindet in der Nacht aus dem Schullandheim.
6. September 2001
Die Polizei durchkämmt Wulsbüttel. Im Internet veröffentlichen die Fahnder ein Bild von Dennis.
11. September 2001
Die Soko "Dennis" wird eingerichtet - bis heute hat sie Bestand und versucht, ähnliche Fälle aufzuklären. Am Abend durchsuchen 200 Beamte und 40 Polizeihunde ein weites Gebiet um das Schullandheim. Sie finden keine Spur.
13. September 2001
150 Beamte und 80 Soldaten starten am Morgen zu einer großen Suchaktion.
14. September 2001
Mehrere hundert Jäger suchen in ihren Revieren nach Dennis.
15. September 2001
Die Suche läuft weiter. Mittlerweile beteiligen sich mehr als 500 Jäger und freiwillige Helfer.
18. September 2001
Die Polizei verteilt 5000 Flugblätter rund um Wulsbüttel.
19. September 2001
Die Wasserschutzpolizei sucht Seen mit einem Sonar-Boot ab.
20. September 2001
Pilzsammler finden die Leiche eines Kindes.
21. September 2001
Nach Angaben der Ermittler handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Dennis. Er wurde erstickt.
22. September 2001
Das Ergebnis der DNA-Analyse liegt vor. Jetzt steht mit Sicherheit fest, dass es sich bei der Leiche um Dennis handelt.
27. September 2001
Bei einer öffentlichen Trauerfeier nehmen mehrere hundert Menschen Abschied von Dennis. Er wird anschließend im engsten Familienkreis beigesetzt.
22. Dezember 2001
Die Polizei geht jetzt davon, dass Dennis einem Serientäter zum Opfer gefallen ist.
10. Februar 2011
Die Fahnder präsentieren eine neue Spur in dem Fall. Ein Jogger will den Jungen und den möglichen Mörder in einem Auto gesehen haben.
13. April 2011
Widerstandslos lässt sich Martin N. festnehmen. Er schweigt zu den Vorwürfen, Dennis K. und andere Jungen getötet zu haben.
14. April 2011
Martin N. gesteht drei Morde und etwa 40 Missbrauchsfälle. Es habe Phasen gegeben, in denen er "auf Jagd" gegangen sei, sagt er. Mal habe er "irgendwie den Drang" gehabt, dann "wieder lange Zeit" gar nicht, dann habe mal wieder eine Woche dazwischen gelegen. Aber wenn er loszog, dann in der Nacht. Dann stieg er in Wohnhäuser ein, schlich sich in die Kinderzimmer.
15. April 2011
Die Polizei informiert die Öffentlichkeit über die Festnahme des 40-Jährigen in Hamburg.
10. Oktober 2011
Vor dem Landgericht Stade beginnt der Prozess gegen Martin N. wegen dreifachen Mordes und sexuellen Missbrauchs. Etwa 20 Fälle sind allerdings verjährt.