Pädokriminalität: Wie Netzwerkfahnder gegen Kinderpornografie kämpfen

Von Michael Jürgs

2. Teil: Immer wieder stoßen die Ermittler auf Mütter, die von nichts wissen wollen

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Seite des BKA: Dunkelfeld der Organisierten Kriminalität

Er weiß, dass trotz aller psychischen Belastungen, die bei Ermittlungen in Sachen Kinderpornografie entstehen, sein Referat begehrt ist bei Kollegen des BKA, weil dort kriminalistisches Gespür entscheidend ist und nicht immer unbedingt nur die Technik.

Eines Tages tauchte in einem von SO 12 überwachten pädophilen Chatroom ein Mann auf, dem Akzent nach Österreicher, der das Foto eines kleinen Mädchens postete. Mit posten wird der schriftliche oder bildliche Anhang von E-Mails bezeichnet. Das Kind hatte einen Balken vor dem Gesicht.

Der Mann, der sie anbot, war ihr Vater. Schaut sie euch genau an, mailte er stolz an die Community, und die mailte ihm anstachelnd zurück, er könne das Mädchen, da er sie schließlich im eigenen Haus zur Verfügung habe, doch auch beim Sex mit ihm, dem Vater, filmen und dies ihnen, seinen guten Kumpeln, als Datei ins Netz stellen. Im Tausch würden sie sich dann mit eigenen Material revanchieren. Er tat es.

Die Beamten in Wiesbaden bekamen täglich mit, was der Vater seinem Kind antat, konnten aber trotz aller Anstrengungen den Mann nicht orten, weil er über anonymisierte IP-Adressen, die irgendwo auf der Welt sein können, online ging.

Irgendwann aber machte er einen für die Ermittler hilfreichen ersten Fehler, weil er im Chat mitteilte, dass er österreichisches Bier möge und dass er in der Nähe von Wien wohne und dass er mal in Bratislava gearbeitet habe. Damit ließ sich sein Dunkelfeld aufhellen, denn endlich gab es Hinweise auf seine Nationalität und sogar auf seine heimische Umgebung.

Entscheidend für den Durchbruch in der Fahndung war jedoch, dass er ein einziges Mal auf einem der zahlreichen geposteten Bilder das Gesicht seiner Tochter ablichtete. Falls Hoppes Leute bei ihren Recherchen auf solche pädosexuelle Trader oder Traveller stoßen - Trader sammeln, versenden oder produzieren Kinderpornografie, Traveller suchen ihre Opfer unter online chattenden Kindern - übernehmen die Beamten vom Referat ZD 13 aus der Abteilung für kriminalpolizeiliche Dienste. So auch in diesem Fall.

Deren Kollegen in Österreich machten sich mit dem Foto des kleinen Mädchens in allen Grundschulen, die im Umkreis von Wien in Frage kamen, auf die Suche. Zeigten überall das Bild, bis sie dabei auf die Lehrerin stießen, die das Kind unterrichtete und natürlich wusste, wo es wohnte. Der Rest war polizeiliche Routine. Der Mann wurde verhaftet. Wie sich bei den Verhören herausstellte, war er nicht der Vater, sondern der Stiefvater des kleinen Mädchens.

Wenige Monate vor dem ersten im Internet dokumentierten Missbrauch war er mit einer neuen Lebensgefährtin, die drei Kinder hatte, in eine gemeinsame Wohnung gezogen und hatte bald begonnen, das Kind, zehn oder elf Jahre alt, zu missbrauchen und dabei die Kleine und sich selbst zu filmen.

Die Mutter, befragt ob sie denn nie Verdacht geschöpft und nie etwas gemerkt habe, sagte aus, sie habe sich nur gewundert, wie oft sich ihr Freund mit ihrer Tochter in sein Arbeitszimmer eingeschlossen habe, und dass sie auch manche Nächte zusammen in einem Bett verbracht hätten. Die Aussage schockte die Ermittler nicht. Ähnliches hatten sie in ähnlichen Fällen schon erlebt, in denen der Missbrauch quasi vor den Augen der Mutter geschah, sie sich aber davor verschloss. So auch hier.

Unter den Anbietern gibt es viele Betrüger - zur Freude der Fahnder

Der Österreicher wurde zu neun Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Kinderpornografie im Internet ist ein Delikt von internationaler Dimension. Der Austausch von Daten über große Distanzen und über Grenzen ist problemlos in Sekundenschnelle möglich. Allein in den Vereinigten Staaten gibt es rund 15.000 registrierte Provider, nur tausend von denen sind mit der zuständigen Behörde, dem NCMEC, dem National Center for Missing and Exploited Children, im engen Kontakt und setzen Löschungsersuchen direkt um.

Auf andere hat selbst das großmächtige FBI keinen Zugriff, weil durch einen Umleitungsservice die Websites in den USA zwar gehostet sind, die eigentlich Verantwortlichen aber irgendwo in Osteuropa, gern in Russland sitzen. Bei vielen Betreibern der ermittelten Server handelt es sich um kriminelle Vereinigungen, um Organisierte Kriminalität. Das Geschäftsmodell ist simpel. Bilder, auf denen die sexuell ausgebeuteten und missbrauchten Kinder zu sehen sind, holen sie sich aus dem Internet, basteln daraus eine eigene Website, die zunächst von ihren Zielgruppen frei anklickbar ist.

Sobald die Angefixten mehr von dem Stoff wollen, härtere Drogen, schlimmere Szenen, müssen sie zahlen. Dass es unter den Anbietern viele Betrüger gibt, die kassieren, aber nie liefern, weil sie wissen, dass von ihren speziellen Kunden keiner vor Gericht ziehen wird, um sie zu verklagen, schafft bei allen Ermittlern klammheimliche Freude. Endlich mal trifft Betrug die Richtigen. Bei Europol in Den Haag ist Valerio Papajorgji aus Neapel für den Kampf gegen Kinderpornografie zuständig. Er ist die im großen Netz zuständige Spinne, die child offenders, child molesters, child abusers fangen soll. Um auf diesem Dunkelfeld zu ermitteln, braucht es einen langen Atem. Die Operation "Koala" zum Beispiel begann mit Ermittlungen gegen Pädophile in Australien.

Bei einer Hausdurchsuchung stellten die zuständigen Beamten ein Video sicher, auf dem zu sehen war, wie ein Mann ein kleines Mädchen sexuell missbrauchte. Er redete, stöhnte, brüllte und übertönte ihre Schreie, ihre Bitten, ihr Weinen. Die Australier verstanden nicht, was er sagte, ahnten allerdings, dass es sich um eine europäische Sprache handeln musste.

Am Ende des Missbrauchs: Ein Gruß an den Auftraggeber

Sie schickten den Film zu Interpol nach Lyon, und die gaben ihn weiter nach Den Haag. Von Europol wurde schnell ermittelt, dass der Mann auf dem Video niederländisch mit flämischem Akzent sprach, wahrscheinlich wohl aus Belgien stammte. Alle lokalen belgischen Polizeibehörden bekamen daraufhin Kopien des Materials. Ein Polizist aus einer Provinzstadt erkannte auf den Bildern des missbrauchten Kindes ein kleines Mädchen, das er schon oft auf seinem Weg zum Dienst an der Haltstelle des Schulbuses gesehen hatte. Ihre Adresse mit Hilfe der Schulbehörde zu ermitteln war Routine. Der Einsatz der örtlichen Polizei erfolgte tags darauf.

So schnell wie nur möglich sollten das Mädchen oder andere Kinder vor weiterem Missbrauch geschützt und befreit werden. Wie sich herausstellte, war ihr Vater der Täter. Bei der Hausdurchsuchung wurden viele Videos gefunden, die seine Taten dokumentierten. Der Mann gestand und gab im Verhör den Namen des Produzenten preis. Ein Italiener. Den nahm die Polizia di Sato in Italien kurz vor seiner Flucht in die Ukraine fest, wo er die meisten seiner Filme mit minderjährigen Mädchen produziert hatte. Die italienischen Kriminalbeamten fanden aber nicht nur Filmmaterial, sondern Dateien mit Kunden aus ganz Europa, zu denen, wie sich herausstellen sollte, Lehrer, Fitnesstrainer, Manager und Militärs gehörten, lauter scheinbar anständige Bürger.

Die Italiener gaben ihren Fund weiter nach Den Haag. Dort wurden die Kunden identifiziert, was meist sogar einfach war, weil viele Sammler von kinderpornografischen Darstellungen ihre E-Mails unverschlüsselt verschickt hatten oder in ihrer Gier so blöd waren, dem Produzenten ihre Postadresse anzugeben. Bei dem Ukrainer konnten sie gegen entsprechenden Aufpreis auch eigens für sie gedrehte Filme bestellen, in denen ihre besonderen Wünsche berücksichtigt wurden: bestimmte sexuelle Stellungen, bestimmte Kleidung oder gar am Ende des gefilmten Missbrauchs ein persönlicher Gruß des Kindes an den Kunden, der die Ware bestellt hatte.

Sobald sie identifiziert waren, übermittelte Europol Name und Adresse an die Polizeibehörden der entsprechenden Staaten. Mehr als hundert Männer wurden bei einer in Europa zeitgleich durchgeführten Razzia festgenommen: Kinderschänder ebenso wie die Produzenten des Materials oder Händler, die es im Internet verbreiteten. In Deutschland stieg die Zahl der Opfer unter sechs Jahren von 1475 auf 1849. Pädosexuelle schrecken auch vor Unzucht mit Kleinstkindern nicht zurück. Auch nicht in der eigenen Familie.

In Berlin stand ein 25-jähriger Vater vor Gericht, der seinen Sohn missbraucht hatte. Begonnen hatte er damit, als der Säugling zwei Monate alt war. Er filmte seine Perversionen und speicherte sie auf der Festplatte seines Computers. Da entdeckte sie die Mutter des Babys und alarmierte die Polizei. Der Mann, damals Berufssoldat bei der Bundeswehr, wurde festgenommen. Außer den Beweisen vom Missbrauch seines eigenen Kindes "widerwärtige, abartige Handlungen" , wie es im Urteil hieß, "fanden die Beamten noch 1400 Dateien anderer Kinder. Weil er gestand und gegen einen Kunden von kinderpornografischen Aufnahmen ausgesagt hatte, wurde er nicht für acht Jahre, wie vom Staatsanwalt gefordert, sondern für fünf Jahre ins Gefängnis geschickt.

Missbrauch an Zwei- oder Dreijährigen ist eigentlich treffender mit dem Begriff Folter zu bezeichnen. Im Frühjahr 2010 wurde in England ein 28-jähriger Vater verhaftet, der ebenfalls sein eigenes Kind, ebenfalls ein Säugling, auf brutalste Weise sexuell missbraucht hatte. Der Mann hatte danach Fotos ins Netz gestellt, die dokumentierten, wie er das Baby vergewaltigte. Aufgefallen war er den Ermittlern des Bundeskriminalamtes, die nach kinderpornografischem Material suchten, das von kriminellen Händlern im Internet angeboten wurde. Als ihre Kollegen in Großbritannien den Mann festnahmen, waren sie natürlich nicht dabei. Aber es war einer jener Tage, an denen sie wieder mal wussten, wie wichtig ihre Arbeit ist.

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Michael Jürgs, Journalist und Autor, war unter anderem Chefredakteur des "Stern". Er hatte insbesondere mit Biografien über Romy Schneider, Günter Grass oder Axel Springer sowie mit Sachbüchern wie "Der kleine Frieden im Großen Krieg" oder seiner Bilanz der deutschen Einheit unter dem Titel "Wie geht's, Deutschland?", die zum Teil verfilmt wurden, großen Erfolg. Seine Streitschrift "Seichtgebiete – warum wir hemmungslos verblöden" stand monatelang auf den Bestsellerlisten.

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