Pädokriminalität Wie Netzwerkfahnder gegen Kinderpornografie kämpfen

Es ist ein Milliardengeschäft mit dem Leiden Tausender Mädchen und Jungen: Pädokriminelle tauschen und verkaufen Kinderpornografie im Netz, ohne jedes Schuldbewusstsein. Spezialfahnder ermitteln weltweit, sie schildern Abgründe - und rare Erfolgserlebnisse.

Von Michael Jürgs

Seite des BKA: Dunkelfeld der Organisierten Kriminalität
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Seite des BKA: Dunkelfeld der Organisierten Kriminalität


Manchmal erleben sie live, was sie einst von ihrem Beruf hat träumen lassen: Spannung, Einsatz, Action. Manchmal begleiten sie Beamte vom zuständigen Landeskriminalamt (LKA) bei einer Razzia vor Ort, sind dabei, wenn Wohnungen, Häuser oder Büros von Verdächtigen durchsucht werden, manchmal begegnen sie noch real und nicht nur auf ihren Bildschirmen virtuell pädokriminellen Triebtätern, deren Spuren sie Wochen zuvor beim Surfen geortet hatten. Das sind die Momente, in denen sie ihren Träumen endlich mal wieder ganz nahe sind. Andererseits müssen die Ermittler der Abteilung SO 12 des Bundeskriminalamtes nicht besonders motiviert werden.

Wenn sie sich erst einmal für die Jagd auf Pädokriminelle entschieden haben, brauchen sie keine besondere Motivation mehr. Sie haben Kinder vor Augen. Sie hören deren Weinen. Sie stellen sich bei jedem Bild von missbrauchten kleinen Mädchen oder Jungen dabei Männer vor, die unsichtbar im Hintergrund bleiben. Täter. Nutzer. Händler. Die wollen sie stellen, die wollen sie erwischen. Allerdings nicht um jeden Preis. Die Grenzen, die der Rechtsstaat setzt, gelten ausnahmslos immer und bei allen Ermittlungen und eben auch hier. Es genügt als Motivation, dass mit jedem festgenommenen Täter ein Kind befreit werden könnte.

Ganz egal, ob sie beim Bundeskriminalamt (BKA) arbeiten oder in den Landeskriminalämtern, ganz egal, ob sie in Berlin fahnden oder in München, in Frankfurt oder in Hamburg, in Dresden oder in Leipzig. Man nennt sie intern Horror-Abteilungen, weil sie sich in den virtuellen Kammern des Schreckens aufhalten müssen auf der Suche nach kinderpornographischen Spuren im World Wide Web. Netzwerkfahnder jedoch ist die bessere Bezeichnung für ihre Pflichten. Und die sind erdrückend.

250.000 Klicks - allein in Deutschland, allein an einem Tag

Nicht nur seelisch, auch faktisch: Allein beim Landeskriminalamt in München werden in einem ganz normalen Jahr durchschnittlich 6000 Spuren im Netz entdeckt, die dann über die IP-Adressen zu den echten Adressen der Verdächtigen führen könnten. Hochrechnungen ergeben sich aus der Zahl der Klicks, die bei Providern registriert worden sind, bevor bestimmte Seiten vom Netz genommen wurden: In Deutschland dürften es rund 250.000 pro Tag sein.

Ließen sich auch mit Tag und Nacht laufenden Suchmaschinen die Websites des Schreckens ermitteln oder gar automatisch nicht nur sperren, sondern löschen? Wirksame Bekämpfung dieser besonders widerlichen Kriminalität ist aber weder allein durch Sperren noch allein durch Löschen zu erreichen. Beides verhindert nur künftig die Sicht aufs angebotene "Material".

Nationale Lösungen bleiben Stückwerk, weil das Internet keine Grenzen kennt. In anderen europäischen Staaten wie Italien Großbritannien, den Niederlanden, in Schweden, Finnland, Dänemark, Frankreich ist die in Deutschland so vehement geführte Debatte um Löschen oder Sperren - und die Sorge vor anderen staatlichen Eingriffen - längst entschieden. Der Zugang zu kinderpornographischen Seiten wurde gesperrt.

Sobald die Nutzer auffliegen, sobald ihre Festplatten beschlagnahmt werden, sobald gegen sie Strafanzeige erstattet wird, sobald sie wissen, zu leugnen ist zwecklos, ziehen sie sich auf die klassische Verteidigungslinie von Pädophilen zurück. Sie hätten doch nur Bilder angeschaut, sie hätten doch keinem Kind weh getan. Dass sie mit jedem Anklicken, mit jedem Tausch, mit jedem neuen Bild in ihrer Datei jedoch die unterstützen, die irgendwo auf der Welt einem Kind weh getan haben und wehtun, dass nur wegen ihrer Neigungen Kinder zu sexuellen Posen oder Handlungen gezwungen werden, dass ihre Sucht den Markt anheizt, weil die Nachfrage das Angebot bestimmt, dass sie indirekt Mittäter sind, ist ihnen kaum zu vermitteln.

Die beste Prävention: Die Identifikation der Täter

Es fehlt das Schuldbewusstsein. Da es die Bilder nun mal schon gebe und das, was auf ihnen gezeigt wird, bereits stattgefunden habe, würden sie doch durch ihre Nachfrage keinen zusätzlichen Schaden anrichten und müssten sich nicht mal schämen. Von solchen Neigungen sind die kommerziellen Betreiber des Geschäfts in der Regel unbelastet. Es ist deshalb schwer, jene zu erwischen, die gegen monatliche Beiträge zwischen 50 und 100 Dollar, überwiesen per Lastschrift oder abgebucht von der Kreditkarte, ihre Ware anbieten. Sie gehören zum Dunkelfeld der Organisierten Kriminalität, ihnen ist egal, ob sie Rauschgift verkaufen, Waffen, gefälschte Arzneimittel oder eben Pornografie mit Kindern.

Über Umsätze und Gewinnmargen auf diesem Markt gibt es nur Vermutungen. Interpol schätzt den Umsatz mit Handel und Herstellung von Kinderpornografie auf weltweit 18 Milliarden Dollar. Das entspricht ungefähr der Summe, die mit illegalem Waffenhandel erzielt wird. Andere Schätzungen gehen eher von fünf Milliarden aus.

Ohne gespeicherte Daten sind die neu ermittelten wertlos. Ohne verwertbare Daten endet die Spur des Geldes im Niemandsland. In dem findet mit Kindern das statt, was allgemein sexuelle Gewalt genannt wird. Ohne den Vergleich mit gespeicherten Daten, dem Vorrat an Erkenntnissen, ist die Jagd auf Pädosexuelle erschwert, manchmal sogar unmöglich, weil man nur durch die IP-Adresse im Internet die nötigen Ermittlungsansätze hat, um sie zu erwischen.

Die Kriminalbeamten, sowohl die beim BKA in Wiesbaden, als auch die in Den Haag bei Europol, haben sich mit den Opfern solidarisiert. Das hilft gegen Anfälle von Resignation. Jedes Bild, sagt Kriminaldirektor Christian Hoppe, der das Referat SO 12 leitet, das zur Gruppe Schwere und Organisierten Kriminalität des BKA gehört, beweise doch, dass zwangsläufig "vorher auch eine sexuelle Handlung stattgefunden haben muss, und wenn es uns gelingt, den Täter zu identifizieren, dann ist das die beste Prävention, denn wir haben ihn sozusagen vom Markt genommen und gleichzeitig möglicherweise ein Kind aus einer aktuellen Gefahr befreit".

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