Pädophiler Pfarrer Missbrauch vor der Messe

Pfarrer Andreas L. hat zugegeben, über Jahre hinweg drei Jungen sexuell missbraucht zu haben. Vor dem Landgericht Braunschweig entschied er sich zur Flucht nach vorn - allerdings nicht freiwillig. Und erst recht nicht mit gebotener Einsicht.

DPA

Von , Braunschweig


Nicht der Andy sitzt da auf der Anklagebank des Landgerichts Braunschweig. Sondern der Schatten von Andreas L., ehemaliger Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Joseph in Salzgitter: Ein schmächtiger Mann, 46 Jahre alt, mit dunklen, kurzen Haaren, Kinnbart und Brille, der nicht mehr viel gemein hat mit dem eloquenten Theologen, den seine Gemeinde so schätzte und dem es leicht fiel, in bestimmten Momenten die richtigen Worte zu finden und Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen. In diesen Momenten war er für viele der Andy.

Das Vertrauen ist dahin. Andreas L. hat sich von 2004 bis 2011 an drei Jungen vergangen. Er ist in insgesamt 280 Fällen des teils schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen angeklagt. Etwa 40 Minuten dauerte am Mittwoch das Verlesen der Anklageschrift.

Im Anschluss zogen sich alle Verfahrensbeteiligten zu einem sogenannten Rechtsgespräch zurück, um sich im Vorfeld auf ein Strafmaß zu einigen. Es sei ein regelrechtes "Gezerre" gewesen, sagt später Staatsanwältin Ute Lindemann. Pfarrer L. hatte bei seiner Vernehmung bereits einen Teil der Vorwürfe eingeräumt, die vollständige Dimension des Verbrechens jedoch wollte er nicht zugeben.

Ihm sei "die Sicherung rausgeflogen", sagt der Pfarrer

Nach mehr als einer Stunde nahm ein scheinbar noch mickrigeres Männchen im Saal 141 Platz neben seinem Verteidiger, der verkündete: Die Anklage treffe in vollem Umfang zu, sein Mandant werde ausführlich Auskunft erteilen. Denn nur wenn Andreas L. in diesem Prozess ein umfassendes und vor allem glaubhaftes Geständnis ablegt, kommt er mit sechs bis sechseinhalb Jahren Haft statt bis zu 15 Jahren davon. Ein guter Deal.

Glaubt man dem Pfarrer, so ging es bei dem Missbrauch in Wahrheit nur um tiefe Freundschaft, ehrliche Verbundenheit und emotionale Zuneigung - die körperliche, auferzwungene Nähe verkaufte er am Mittwoch eher als zufällige Begleiterscheinung.

Tatsächlich waren Freundschaft, Verbundenheit und Nähe Gründe dafür, dass jahrelang keiner auf die Idee kam, dass ein katholischer Pfarrer im beschaulichen Salzgitter das Leben dreier Kinder zerstörte.

Er sei aus Überzeugung Priester geworden, sagte Andreas L. vor Gericht. Gottesdienste und Gebete spielten seit der Kindheit eine "ganz besondere Rolle" in seinem Leben. Mit 20 Jahren habe er erstmals gespürt, dass er sich mehr zu Männern hingezogen fühle. Warum aber kleine Jungen? Ihm sei wohl eine "Sicherung rausgeflogen", sagt er und zieht die schmalen Schultern hoch. Es wirkt nicht überzeugend. Auch, weil er seine längste sexuelle Beziehung ausgerechnet mit den drei Jungen hatte, die er missbrauchte.

Er macht dem Kind Komplimente - und missbraucht es

Ob er sich als pädophil bezeichnen würde, will Staatsanwältin Lindemann wissen? Weder ein Ja noch ein Nein würden es treffen, antwortet der Priester. "Es trifft nicht meine Präferenz. Ich habe nie etwas getan, um an Kinder ranzukommen." Wie verträgt sich seine Neigung denn mit dem Selbstverständnis als Pfarrer - und dem Zölibat? "Gar nicht."

Bereits als Kaplan in Braunschweig lernt Andreas L. eine verwitwete Mutter und deren zwei Söhne kennen. Den einen, Nico*, begleitet L. in den Vorbereitungskurs zu dessen Erstkommunion. Die Einladung der Mutter zur Feier nach der Zeremonie nimmt der Kaplan gerne an. Im November 2003 zieht L. nach Salzgitter, wo die Familie lebt, der Kontakt wird intensiver.

Er begleitet die Frau und ihre Söhne zum Schützenfest, macht mit ihnen Ausflüge in den Harz, abends spielen sie Karten oder Mühle. Die zweifache Mutter vertraut dem Pfarrer, vielleicht sieht sie in ihm einen väterlichen Ansprechpartner für die Jungen.

Für sie muss es so gewirkt haben, als seien ihr Sohn Nico und "Andy" enge Freunde geworden. Nach wenigen Wochen vertraut sie dem Geistlichen ihren Sohn an: Er darf die Wochenenden von Freitag bis Sonntag in der Pfarrei verbringen - und dort übernachten. Was die Mutter nicht ahnt: Andreas L. legt sich zu dem Kind ins Bett, überschüttet es mit Komplimenten, wie schön es sei, und streichelt es.

Gemeinsam mit Nico fährt Andreas L. für zwei Tage nach Frankfurt, wo er studiert hat. Er zeigt dem Neunjährigen die Stadt, die Universität. Er nimmt ihn auch mit nach Hamburg ins Musical. Zum zehnten Geburtstag schenkt der Pfarrer Nico eine Reise ins Disneyland nach Paris. Im Hotel "New York, New York" übernachten die beiden erneut in einem Bett. Andreas L. missbraucht den Jungen erstmals sexuell. Ab jetzt wird er es jedes weitere Wochenende mehrmals tun, wenn Nico im Pfarrhaus übernachtet.

Im Januar 2005 darf der Zehnjährige seinem erwachsenen Freund gar allein mit dem Zug in den Skiurlaub nachreisen, die Mutter hat die Bahnhofsmission beauftragt und dem Jungen ein Handy mitgegeben. Es wird nicht der einzige Skiurlaub bleiben, den die Mutter erlaubt. Zweimal fährt ihr Sohn mit dem Pfarrer auch in einen Ferienpark.

Andreas L. hat ihr volles Vertrauen - und das des Kindes.

Die sexuellen Handlungen an Nico steigern sich an Anzahl und Intensität: Der Pfarrer vergeht sich im Schlafzimmer seines Pfarrhauses abends und nachts an dem Jungen - und morgens vor der Messe. Gegen seinen Willen fotografiert er den Genitalbereich des Kindes, brennt sich die Bilder auf eine CD. Er nennt Nico "kleiner Bär", sich selbst "kleiner Tiger".

Das Bistum lässt den Pfarrer weiter mit Minderjährigen arbeiten

Nico fehlt der Mut zur Gegenwehr. Die zaghaften Versuche, die er unternimmt, will der Pfarrer nicht registriert haben. Nur zufällig kommt Nico die Mutter zur Rettung: Andreas L. überhäuft den Jungen mit teuren Geschenken wie Fotoapparat, Handy und Computer. Sie will das nicht. Zudem stört es sie, wie sich der Geistliche plötzlich in die Erziehung ihrer Kinder einmischt - und sie hat erfahren, dass ihr Sohn im Schlafzimmer des Priesters übernachten musste.

Andreas L. macht ihr Vorwürfe, sie werde ihren Ansprüchen als Mutter nicht gerecht und fragt sie in einem Brief: "Nimmst du Nico übel, dass er so strahlt, wenn er von mir nach Hause kommt?" Es kommt zum Bruch. Die Frau wendet sich ans Bistum, dessen Leitung verhängt dem Pfarrer ein Kontaktverbot zu dem Zwölfjährigen. Allerdings nur kirchenintern - weder Staatsanwaltschaft noch andere Eltern werden informiert. Das Bistum lässt Andreas L. zudem weiterhin mit Minderjährigen arbeiten.

Und so kommt es, dass sich der Priester erneut zwei Kommunionskindern, einem Brüderpaar, zuwendet. Er vergeht sich erst an dem einen, dann an dem anderen. Einmal im Skiurlaub, den Andreas L. gemeinsam mit der kompletten Familie verbringt. Während der eine Junge im Zimmer mit seinen Eltern übernachtet, teilt er sich mit dem jüngeren ein Doppelzimmer. Wieder ahnen die Eltern nichts. Sie schicken ihre Söhne gar mit Andreas L. allein nach Ägypten und Usedom - ins Dreierzimmer.

Nach seiner Festnahme sagte Andreas L. über die sexuellen Handlungen: "Das waren nur Quickies, die nie länger als zehn Minuten dauerten." Erbost hält ihm Staatsanwältin Lindemann diesen Satz am Mittwoch vor. Ruhig antwortet L., er habe damit nur ausdrücken wollen, dass es "keine abendfüllenden Orgien" gewesen seien. Darauf angesprochen, dass er einen der Brüder gar in seinem Elternhaus missbrauchte, sagt L. verharmlosend: "Das war eine ganz, ganz schnelle Veranstaltung."

An das Kontaktverbot mit Nico, seinem ersten Opfer, hält sich Andreas L., bis sich die beiden im Oktober 2010 zufällig auf der Straße begegnen. "Er hat mich in den Arm genommen, darüber war ich sehr erstaunt", behauptet Andreas L. vor Gericht. Der inzwischen 17-Jährige habe ihm seine Handynummer gegeben und ihn aufgefordert, sich zu melden. "Er hat mir ganz deutlich vermittelt, dass er Kontakt zu mir haben möchte."

"Dein kleiner Tiger", unterschreibt er Briefe

Staatsanwaltschaft und die Nebenklage-Vertreter zeigten sich am Mittwoch entsetzt über die "beschönigenden Aussagen" des Angeklagten und verwiesen auf die Aussagen, die Nico in den Vernehmungen gemacht hat: Der Junge sei verzweifelt gewesen.

Andreas L. zeigt sich uneinsichtig, zeichnet das Bild einer Beziehung von gegenseitiger Zuneigung. Nico sei "wie ein Sohn" für ihn und "sehr anhänglich" gewesen, gemeinsam hätten sie "lustige, entspannende, fröhliche Stunden" verbracht. Vor Gericht suggeriert er, der Junge habe die sexuellen Handlungen gesucht.

Nach der Zufallsbegegnung auf der Straße schreibt Andreas L. dem Teenager einen Brief, in dem er zugibt, dass es ihn "viel Kraft" gekostet habe, sich an das Kontaktverbot zu halten und unterschreibt mit: "Dein Andy, dein kleiner Tiger."

Nach Erhalt des Briefes vertraut sich Nico seiner Mutter an, die erneut das Bistum einschaltet und den Geistlichen anzeigt. Dem Brief hatte Andreas L. Geld für eine Telefonkarte beigelegt und Nico aufgefordert, ihn anzurufen. Er schrieb: "Wenn ich im Gottesdienst bin, rufe ich zurück."

*Name von der Redaktion geändert.

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