Pädophiler Priester Bischof gibt Justiz die Schuld

Wegen eines Missbrauchsfalls in der katholischen Kirche steht er in der Kritik: Jetzt wehrt sich der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Er gibt der Justiz eine Mitschuld daran, dass ein einschlägig vorbestrafter Pfarrer erneut in der Jugendarbeit eingesetzt wurde.


Regensburg - Demonstranten wetterten gestern vor dem Regensburger Landgericht gegen Bischof Müller - heute gab er ihnen die langersehnte Antwort: Nach einer ersten Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Juli 2000 hätten die Richter das Bistum vor Ablauf der Bewährungsfrist vor dem pädophilen Geistlichen warnen müssen, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Stattdessen habe das Gericht damals erklärt, dass es für den Verurteilten keine Einschränkungen für einen allgemeinen pastoralen Einsatz gebe. Das Bistum Regensburg habe "nach bestem Wissen und Gewissen" gehandelt, erklärte der Bischof.

Das Opfer des Pfarrers tue ihm leid: "Für mich als Bischof ist das eine sehr traurige Angelegenheit. Ich bedauere natürlich den Buben." Der ehemalige Pfarrer von Riekofen war gestern zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Zudem ordneten die Richter an, den 40-Jährigen vorerst unbefristet in der Psychiatrie unterzubringen. Ein Gutachter hatte ihn als eindeutig pädophil und in seiner Persönlichkeit schwer gestört bezeichnet.

In seiner Urteilsbegründung hatte der Richter auch das Bistum scharf angegriffen. Die Vorgesetzten hätten gewusst, dass der Pfarrer noch in seiner Bewährungszeit entgegen der gerichtlichen Auflagen bereits wieder in Riekofen tätig gewesen sei. Damit habe man ihn in eine "Versuchungssituation" gebracht. "Es ist so, als stellte die Bank einen wegen Unterschlagung vorbestraften Mann als Kassier ein", erklärte der Richter.

Im Prozess war deutlich geworden, dass das Bistum von Anfang an über die Aktivitäten des Priesters in Riekofen Bescheid wusste. In seiner Personalakte fanden Ermittler sogar Zeitungsausschnitte über seine öffentlichen Auftritte. Eine Kommissarin hatte erklärt, der Pfarrer habe bereits 2001 voll die Seelsorge in Riekofen übernommen und Ministrantenausflüge organisiert. Seine Bewährungsfrist - mit der Auflage, keinesfalls mit Kindern zu arbeiten - dauerte aber bis 2003.

Zudem fanden die Ermittler in der Personalakte Vermerke über ein im Jahr 2000 entstandenes Gutachten eines Sachverständigen, der den Pfarrer bereits damals als pädophil und wiederholungsgefährdet einstufte.

jjc/AP/dpa



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