Pakistan 19-Jährige nach mutmaßlicher Vergewaltigung zum Tode verurteilt

Eine junge Frau aus Pakistan gab an, von ihrem Cousin vergewaltigt worden zu sein. Der Dorfrat beschloss: Die 19-Jährige soll zu Tode gesteinigt oder verkauft werden. Wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs.

Frauen in Pakistan: Mehr als tausend Ehrenmord-Opfer pro Jahr
AFP

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Nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung ist eine 19-Jährige in Pakistan von einem Dorfrat zum Tode verurteilt worden. Der Vorfall ereignete sich in Rajanpur in der Provinz Punjab. Die junge Frau hatte ihren Eltern berichtet, sie sei von einem Cousin im Schlaf überrascht und vergewaltigt worden. "Ich konnte keinen Alarm schlagen, er hatte eine Waffe in der Hand", sagte die Frau der Nachrichtenagentur "Press Trust of India" zufolge in einer Polizeivernehmung.

Nach dem Vorfall hatte sich die Familie Lokalzeitungen zufolge an den örtlichen Dorfrat, den Panchayat, gewandt. Panchayats sind informelle Einrichtungen, die in abgelegenen Siedlungen in Pakistan die Aufgaben von Gerichten übernehmen. Ihre Urteile sind offiziell nicht anerkannt und haben keine bindende Wirkung. Für viele Dorfbewohner allerdings sind die Entscheidungen des Rats unanfechtbar.

Die 19-Jährige wollte, dass der Dorfrat etwas gegen ihren mutmaßlichen Vergewaltiger unternimmt. Doch es kam anders: Der Panchayat befand, die junge Frau habe ihren Cousin verführt und freiwillig mit ihm Sex gehabt. Für diesen außerehelichen Geschlechtsverkehr müsse sie mit dem Tod durch Steinigung bestraft werden - oder verkauft werden. Gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger solle nichts unternommen werden, so der Rat. Eines der vier Mitglieder des Gremiums soll der Vater des Tatverdächtigen gewesen sein, berichtete die pakistanische Zeitung "Express Tribune".

Die 19-Jährige wollte sich dem Urteil nicht fügen und ging zur Polizei. Inzwischen wurden Haftbefehle gegen den Tatverdächtigen und die Ratsmitglieder ausgestellt. Das mutmaßliche Opfer kam vorerst in einem staatlichen Frauenhaus in Rajanpur unter.

Todesurteile durch Panchayats und sogenannte Ehrenmorde sind eine traurige Realität in Pakistan. Die genaue Zahl der Tötungen zur Rettung der Familienehre ist unbekannt, die Dunkelziffer naturgemäß hoch. Für das Jahr 2015 bezifferte die unabhängige Menschenrechtskommission Pakistans die Zahl der umgebrachten Frauen auf 1100, Tendenz steigend. Die meisten Opfer wurden erschossen, aber auch die Zahl tödlicher Säureanschläge sei hoch.

Zuletzt fand der Tod einer pakistanischen Facebook-Berühmtheit große Aufmerksamkeit. Der Bruder von Qandeel Baloch hat gestanden, seine Schwester aus Gründen der Ehre ermordet zu haben. Grund seien ihre "anstößigen Videos" auf Facebook gewesen.

ala



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