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Baby wegen versuchten Totschlags angeklagt: Familie flieht vor rachsüchtigen Polizisten

Musa Khan muss sich im pakistanischen Lahore vor Gericht verantworten. Er soll Steine auf Polizisten geworfen haben. Das Problem: Musa ist erst neun Monate alt. Jetzt wird gegen unfähige Polizisten ermittelt - und die scheinen sich rächen zu wollen.

Angst vor Gericht: Dem weinenden Musa Khan werden Fingerabdrücke genommen Zur Großansicht
AFP

Angst vor Gericht: Dem weinenden Musa Khan werden Fingerabdrücke genommen

Lahore - Die Behörden in der pakistanischen Metropole Lahore haben die Absurdität der Anklage durchaus erkannt: Da musste sich der gerade mal neun Monate alte Musa Khan wegen versuchten Totschlags vor Gericht verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, an Randalen in einem der Elendsviertel der Stadt teilgenommen zu haben.

Im Gerichtssaal seien dem Baby sogar Fingerabdrücke genommen worden, wobei er bitterlich geweint habe, berichteten pakistanische Zeitungen. "Er kann noch nicht mal seinen Milchflasche richtig aufheben - wie soll er denn Steine auf Polizisten werfen?", fragte der Großvater des Jungen, Muhammad Yasin, Reporter, die sich vor dem Gericht versammelt hatten.

Nach dem peinlichen Vorfall wurde eine offizielle Untersuchung angeordnet, ein Polizeibeamter wurde vom Dienst suspendiert. Jetzt berichteten die Eltern des Kindes, sie müssten sich verstecken, weil sie von Polizeiangehörigen bedroht worden seien. "Wir mussten an einen geheimen Ort ziehen, weil wir arm sind und die Polizei großen Druck auf uns ausübt, um den Fall zu beeinflussen", so Muhammad Yasin. Er wehrte sich gegen Vorwürfe, seine Familie habe ein falsches Baby vor Gericht präsentiert, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Inkompetenz und Sippenhaft

Die Episode offenbart die grotesken Schwächen des pakistanischen Rechtssystems, in dem unterbezahlte und schlecht geschulte Polizisten falsche Beschuldigungen formulieren, die zu jahrelangen Gerichtsverfahren gegen Unschuldige führen.

Die Proteste hatten sich im Februar entzündet, als Angestellte eines Gas-Versorgers Haushalte vom Netz nehmen wollten, die ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten. Der kleine Musa war zusammen mit fünf weiteren Verdächtigen in einem Polizeibericht aufgetaucht.

Das neun Monate alte Baby soll demnach versucht haben, die Arbeiter sowie mehrere Polizisten mit Steinwürfen zu töten. Die Slum-Bewohner erklärten, sie hätten friedlich gegen die Maßnahme demonstriert. "Es waren tagsüber nur Frauen zu Hause", berichtet ein Zeuge. "Später haben wir die Straße blockiert und Sprechchöre angestimmt."

Der Anwalt der Familie, Irfan Sadiq Tarar, erklärte, das Strafgesetzbuch sehe keine Strafverfolgung von Kindern unter sieben Jahren vor. "Der Fall stellt die Effizienz der Polizei im Punjab in Frage", betonte er. Juristen berichten, dass immer wieder ganze Familien bestraft würden. "Es geht darum, sich zu rächen, und das bedeutet, der anderen Partei so viel Leid zuzufügen wie möglich und ganze Familien durch die Hölle zu schicken", sagte ein Anwalt für Strafrecht, Sundas Hoorain.

Anklagen gegen Säuglinge kommen selten vor, aber es gab Fälle, in denen Kinder Opfer der Gesetze gegen Gotteslästerung wurden. Das wird immer wieder von Menschenrechtsorganisationen kritisiert.

Der zuständige Richter hat Musa auf Kaution freigelassen. Bis kommenden Samstag.

ala

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