Sohn von inhaftiertem Drogendealer Unschuldig bestraft

Wenn Eltern ins Gefängnis müssen, bleiben ihre Kinder zurück - und werden so mitbestraft. Der elfjährige Ilja musste mit ansehen, wie maskierte Polizisten seinen Vater im Wohnzimmer überwältigten und abführten. Ein Projekt hilft beiden, sich trotz der Trennung nah zu sein.

Jessica Sommer mit Sohn Ilja: "Das erste Jahr war die schlimmste Zeit"
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Jessica Sommer mit Sohn Ilja: "Das erste Jahr war die schlimmste Zeit"

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Die Fragen sind noch immer unangenehm, aber sie schmerzen nicht mehr so wie früher. Ilja Sommer* weiß jetzt, was er antworten muss, wenn Mitschüler nach seinem Vater fragen. Der Elfjährige sagt dann: "Er wohnt nicht mehr bei uns." Das ist nicht gelogen. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.

Iljas Leben änderte sich gegen halb sechs an einem Montagmorgen vor zwei Jahren, daran erinnert er sich genau. Ein lauter Knall schreckte ihn aus dem Schlaf, ein Spezialeinsatzkommando brach die Wohnungstür auf. "Keine Bewegung, Polizei", riefen die Männer. Ein maskierter Beamter kam in Iljas abgedunkeltes Kinderzimmer, die Waffe im Anschlag, die Taschenlampe blendete den Jungen.

Ilja drängte an dem Polizisten vorbei, raus aus seinem Zimmer, nach rechts, in den schmalen Flur. Er sah, wie sein Vater über den Küchentisch gebeugt lag, die Hände auf dem Rücken. Die Polizisten führten ihn wenig später ab. Ilja, seine kleine Schwester, sein kleiner Bruder und seine Mutter blieben ratlos zurück. Ein paar Beamte durchsuchten die Wohnung, dann machte Jessica Sommer* ihren Kindern Frühstück. So wie an jedem anderen Tag auch.

Auf den Tag genau zwei Jahre später sitzt Ilja im Wohnzimmer und daddelt Fußball auf der Spielekonsole. Die Familie lebt in einer ruhigen Wohngegend irgendwo in Baden-Württemberg. Der Raum ist hell und aufgeräumt, die Couch cremefarben, die Vorhänge weiß. Durch die geöffnete Balkontür dringt leise das Brummen eines Rasenmähers. Auf einem Regal über dem Flachbildfernseher stehen alte Urlaubsfotos, sie zeigen die Familie, als sie noch komplett war. "Mein Vater hat sich auch gut mit meinen Freunden verstanden", sagt Ilja. "Wir haben zu viert lustige Sachen gemacht. Manchmal stelle ich mir vor, dass wir wieder zusammen Fußball spielen oder Rad fahren."

Er brauchte Antworten, doch er bekam kein Wort heraus

Ilja Sommer heißt eigentlich anders. Die Leute sollen nicht erfahren, wo sein Vater steckt. Dann würden sie ihn anders behandeln, fürchtet Ilja. "Ich will kein Außenseiter werden", sagt er. "Wir haben eigentlich fast gar keine Freunde mehr", sagt seine Mutter.

Wenn Väter oder Mütter ins Gefängnis müssen, leiden auch die Kinder. Sie sind unschuldig und werden doch mitbestraft, empfinden Verunsicherung, Wut, Scham. Oft bekommen sie keine richtige Erklärung, denn auch die Eltern sind häufig überfordert. Notlügen wie "Papa ist auf Montage" sollen das lange Fehlen des Vaters erklären.

In Deutschland gibt es derzeit etwa 60.000 Gefangene, rund 95 Prozent davon sind männlich. Wie viele von ihnen Kinder haben, ist nicht bekannt.

Im vergangenen Jahr startete in Baden-Württemberg ein Projekt, das sich um die betroffenen Familien kümmert. Betreuer vom Projekt Chance helfen den Kindern, den Inhaftierungsschock zu mildern, die lange Trennung zu überbrücken und die Rückkehr des Inhaftierten in die Familie zu erleichtern. Seit Juli 2011 werden auch die Sommers betreut.

Manchmal hat Ilja einen Alptraum: Sein Vater kommt zurück und wird einen Tag später gleich wieder verhaftet. Die Situation belastet ihn. Iljas Schwester ist sieben, sein Bruder drei. "Die Kleinen gehen anders damit um, sie machen sich nicht so große Gedanken", sagt seine Mutter.

Jetzt darf er eine halbe Stunde täglich raus

Jakub Sommer* sitzt auf einer Parkbank am Klinikum Weissenhof und sieht anders aus, als man es von einem Heroinabhängigen erwartet: Ein sportlicher Mann, er trägt Jeans und Lederjacke, Gel hält die schwarzen Haare in Form. Wegen Drogenhandels bekam er sieben Jahre und drei Monate Haft. Weil er selber abhängig war, wurde er nach Paragraph 64 Strafgesetzbuch verurteilt: Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Maßregelvollzug.

Vor kurzem hat Jakub Sommer eine neue Lockerungsstufe erreicht. Er darf jetzt täglich eine halbe Stunde mit seiner Familie auf dem Klinikgelände spazieren gehen - ohne Aufsicht.

Als er Ende Mai 2010 verhaftet wurde, konnten seine Frau und die Kinder ihn nur alle 14 Tage für eine halbe Stunde besuchen. Ein Jahr lang saß der 32-Jährige in U-Haft und wartete auf seinen Prozess.

Ilja wollte ihn fragen: Warum bist du im Gefängnis? Warum hast du das gemacht? Er brauchte Antworten, doch bei den kurzen Besuchen bekam er kaum ein Wort heraus. Und sein Vater wusste nicht, was er sagen sollte. "Wir konnten anfangs gar nicht darüber reden", sagt Jakub Sommer. "Ilja hat viel geweint, wenn wir wieder nach Hause gefahren sind", erinnert sich die Mutter.

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Für Jakub Sommer ist es nicht die erste Haft. Zum ersten Mal hat Ilja seinen Vater verloren, da war er vier. Jakub Sommer war zwei Jahre eingesperrt, dann drei Jahre zurück, jetzt ist er wieder weg. In den Wochen vor dem Urteil sagte Ilja: "Wenn er zehn Jahre ins Gefängnis muss, braucht er gar nicht erst wiederzukommen."

Sie hätten ein gutes Verhältnis gehabt, erzählt der Vater. "Ich habe viel mit meinem Sohn unternommen, wir waren joggen und Fußball spielen." Erst im letzten halben Jahr vor der Verhaftung habe er nachgelassen, da wurde es ihm alles zu viel, die Drogen, die Familie. "Ich war ein Mann mit zwei Gesichtern."

Die Nachbarn wissen zwar nichts Genaues. Aber sie wissen, dass etwas vorgefallen ist und dass Jakub Sommer nicht mehr bei der Familie wohnt. In der Grundschule prügelte sich Ilja, weil er nach der Verhaftung seines Vaters gehänselt wurde.

Ein Junge aus der Nachbarschaft wollte nicht locker lassen. "Wo ist dein Vater? Sag's doch, sag's doch", zog er Ilja auf. Der lief heulend nach Hause. Als er wieder rausging, begann das Spiel von vorne, irgendwann sagte Ilja: "Das geht dich einen Scheißdreck an." Die Wahrheit hat er nur seinen zwei besten Freunden erzählt.

Im September 2011, eineinhalb Jahre nach der Verhaftung, sprachen Vater und Sohn zum ersten Mal allein miteinander. Ihre Betreuerin vom Projekt Chance hatte das Gespräch vorbereitet.

Wegziehen, neu anfangen?

"Das war gut", sagt Jakub Sommer. "Ich habe vorher nie so offen mit meinem Sohn geredet." Es sei beinahe wie mit einem Erwachsenen gewesen. "Ich wusste gar nicht, dass er sich mit solchen Fragen beschäftigt."

Ilja sagt, er habe die meisten Fragen beantwortet bekommen. Er findet, sein Vater sei immer noch ein guter Vater. "Ich habe mich jetzt an die Situation gewöhnt." Er wirkt gefestigt, geht inzwischen auf das Gymnasium, hat ordentliche Noten, macht nach der Schule Leichtathletik, besucht Zeichenkurse.

Vater und Sohn sind sich durch die Trennung nähergekommen. "Ich habe einen Fehler gemacht, ich muss dafür leiden", sagt Jakub Sommer. "Aber die Kinder leiden umsonst. Das habe ich gar nicht so richtig wahrgenommen."

Jakub Sommer hat einen Plan. Wenn er rauskommt, würde er gerne wegziehen. "Irgendwo neu anfangen", sagt er auf der Bank im Klinikpark.

"Hmmm, nee", sagt Ilja auf der Couch im Wohnzimmer. "Dann müsste ich wieder neue Freunde finden."

Wenn alles gut läuft, könnte Jakub Sommer in eineinhalb Jahren frei sein. Vielleicht liegt die schwerste Zeit dann hinter der Familie. Vielleicht fangen die neuen Probleme dann aber auch erst an.

*Name von der Redaktion geändert



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