Paparazzi-Fotos Grönemeyers Freundin ist tabu

Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Fotos von Herbert Grönemeyer und seiner Freundin Sonja F. sind für die Presse tabu – auch wenn sich das Paar in der Öffentlichkeit zeigt. Schutz der Privatsphäre oder Zensur? Womöglich muss sich nun das Bundesverfassungsgericht mit dem Fall befassen.

Von , Karlsruhe


Selten haben sich Richter des Bundesgerichtshofs so presseunfreundlich gezeigt. Kurz vor zehn Uhr, am Ende der mündlichen Verhandlung über die Klage der Grönemeyer-Freundin Sonja F. gegen die "Bunte", die Fotos des damals noch jungen Paares im Frühjahr 2004 gedruckt hatte, kündigte die Vorsitzende des 6. Zivilsenates und BGH-Vizepräsidentin Gerda Müller an: Das Urteil werde nach Beratung "im Laufe des Tages" in ihrem Dienstzimmer verkündet.

Herbert Grönemeyer: "Symbol der Trauerverarbeitung" in Deutschland
DDP

Herbert Grönemeyer: "Symbol der Trauerverarbeitung" in Deutschland

An sich schon ein bedenklicher Vorgang – denn der BGH muss nach mündlicher Verhandlung öffentlich verkünden. Doch statt den Termin vorher bekannt zu machen und damit Journalisten oder anderen Verhandlungsbesuchern wenigstens die Möglichkeit zu geben, sich im Zimmer der Vorsitzenden eine kurze mündliche Begründung anzuhören, verlas Müller die Entscheidung schnurstracks in aller Heimlichkeit.

Als sich Journalisten eine Dreiviertelstunde später nach dem Termin erkundigten, war schon alles gelaufen. Ursprünglich sollte es noch nicht einmal eine Presseerklärung geben. Doch wenigstens die liegt, auf Protest von Journalisten, inzwischen vor.

Die Entscheidung selbst fiel für die am Verfahren beteiligte Presse nicht vorteilhafter aus: Die Klage der zum Burda-Konzern gehörenden "Bunte Entertainment Verlag GmbH" wurde zurückgewiesen, die veröffentlichten Fotos waren und bleiben tabu.

Dabei ist der Fall für die Auslegung und Anwendung der Pressefreiheit in Deutschland von höchstem Belang. Denn erstmals setzt der BGH nun seine neue Linie fort, die er Anfang März, in Anlehnung an die sogenannte Caroline-Rechtsprechung des Straßburger Menschenrechts-Gerichtshofs, wiederum am Beispiel Caroline von Hannovers gebildet hatte. Bilder von Prominenten oder deren Begleitern, also Ehepartnern oder Geliebten, sollen nur zulässig sein, wenn ihnen und den zum Bild gehörenden Texten ein "Beitrag zu einem Thema von allgemeinem Interesse zu entnehmen sei".

Grönemeyers Freundin in "erkennbar privater Situation"

Dieser Linie ist der Bundesgerichtshof nun weiter gefolgt. Die beanstandeten Aufnahmen zeigten die Freundin des Sängers Herbert Grönemeyer "in einer erkennbar privaten Situation, die in keinem Zusammenhang mit einem zeitgeschichtlichen Ereignis" stehe, erklärte der BGH nun in seiner Pressemitteilung. Ein "Beitrag zu einer Diskussion von allgemeinem Interesse oder eine Information über ein zeitgeschichtliches Ereignis, welches die Veröffentlichung der Bilder hier rechtfertigen könnte", sei weder den Abbildungen noch dem dazu gehörenden Text zu entnehmen.

Der Fall Grönemeyer ist für die Presse gravierend. Der wohl berühmteste Sänger Deutschlands hatte die Trauer über den Tod seiner Frau im Jahr 1998 immer wieder öffentlich verarbeitet: in seinem Bestseller-Album "Mensch", aber auch in zahlreichen Interviews, und noch im SPIEGEL-Gespräch im Februar 2003 hatte er freimütig bekannt: "Ich war immer eine nichtöffentliche Person. Durch den Tod meiner Frau bin ich jetzt genau das Gegenteil."

Der Umstand, dass der Sänger sich dann, nach Jahren öffentlicher Trauerarbeit, einer neuen Frau zuwenden konnte, war der Zeitschrift "Bunte" im Mai 2004 eine Foto-Doppelseite wert. Doch die Richter schrauben nun ihre Ansprüche an das, was sie für berichtenswert halten, so hoch, dass sie nicht einmal in einem solchen Fall der Presse und deren Lesern ein legitimes Interesse an Berichterstattung und Information zubilligen wollen. "Dass ihr Lebensgefährte Teile seines Privatlebens im Rahmen seiner Song-Texte künstlerisch verarbeitet hat, kann nicht zur Folge haben, dass die Klägerin eine Berichterstattung über ihre Privatsphäre hinnehmen müsste", so die BGH-Mitteilung.

Die Folgen, die solche elitären und zugleich höchst subjektiven Maßstäbe für die Prominentenberichterstattung sowohl in der Boulevard- als auch in der seriösen Presse haben, sind kaum abzusehen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Robert Hut, 19.06.2007
1. Was soll das?
Wieso ist der Spiegel plötzlich d´accord mir der Bunte? Wieso soll es erwähnenswert sein, wer es wann mit wem treibt? Können wir nicht WIRKLICHE Nachrichten zu sehen und zu hören bekommen, muss es dieser Klatsch sein? Denn es ist Klatsch und Tratsch, nichts anderes. Mieses Voyeurstum, allerunterste Schiene. Und nur durch Medien wie SpOn und Bunte werden auch solche Kreaturen wie Paris Hilton, Verona Phoot, Verona Kerth, Gülcan und wie sie alle heissen "geboren", die sich dadurch auszeichnen, nichts zu sein und zu können.
Stuntschaf, 19.06.2007
2. völlig korrekte entscheidung
richtig so. die presse mischt sich viel zu sehr in das privatleben von prominenten ein. ich kann nicht erkennen, inwieweit der öffentlichkeit etwas entgeht, wenn sie nicht weiss, wie grönis freundin aussieht. es ist ja wohl echt lächerlich, öffentliches interesse zuvorzuschieben, nur weil der mann jahre nach dem tod seiner frau jetzt wieder ne freundin hat.
calamari1968 19.06.2007
3. Klasse endlich!
Das wurde ja auch mal Zeit! Was da zum Teil abläuft ist keine Presse, sondern mieseste Geschäftemacherei auf Kosten anderer. (Diana war wohl eines der bekanntestens Opfer) Was geht es die Welt an, on Grönemyer oder andere eine neue Freundin haben und mit der irgendwo Urlaub machen. NIEMAND hat das zu interessieren. Das hat auch gar nichts mit Zensur zu tun, sondern mit dem Schutz von Privatssphäre und darauf hat jeder ein Recht! Dieses Urteil hätte allerdings sehr laut und groß verkündet gehört und nicht so wie es geschehen ist. Jetzt muß es aber weitergehen und das ganze auch noch ins Strafgesetzbuch, damit diese Art von Presse endlich aufhört zu existieren! Calamari1968
holgerpeine 19.06.2007
4. Was für ein tendenziöser Artikel - peinlich für den SPIEGEL, finde ich!
"Die Folgen, die solche elitären und zugleich höchst subjektiven Maßstäbe für die Prominentenberichterstattung sowohl in der Boulevard- als auch in der seriösen Presse haben, sind kaum abzusehen." Wie bitte? Hier hat wohl das Prinzip "Eine Krähe (SPIEGEL) hackt der anderen (Bunte) kein Auge aus" dem Autor die Feder geführt. Was ist denn "seriös" daran, einen Prominenten, der nicht gerade als solcher unterwegs ist (Auftritt, PR-Termin o.ä.) abzufotografieren und ihn als Privatmenschen (und auch noch Unbeteiligte wie Lebenspartner etc.) in die Öffentlichkeit zu zerren? Das Privatleben von Prominenten hat für die Medien tabu zu sein - so einfach ist das! Kapiert das doch endlich und stellt die Menschenwürde von Prominenten über das Geschäftseinteresse an einer höheren Auflage. Juristische Haarspaltereien wie "Wer öffentlich über Privates gesprochen hat, hat sich damit selbst in zur vollständig öffentlichen Person gemacht" sind doch lächerlich. Ich kann nur jedem Journalisten wünschen, der meint, "die Öffentlichkeit" (in Wahrheit meint er nur sich selbst und sein Medium) habe ein Recht, Privates über Prominente zu erfahren, dass er selbst einmal in diese Situation gerät.
Zebrazilla, 19.06.2007
5. Gleicher als Andere?
Mhm, in wie weit das Privatleben von Herrn Grönemeyer von nationalem Interesse ist, sei mal dahin gestellt, ebenso wie das aufklärerische Selbstbild des Boulevardjournalismus. Trotzdem ist Grönemeyer eine Person, die bewusst einen Lebensweg gegangen ist, der ein gesteigert Maß an Öffentlichkeit bedeutet, und von dieser ja auch profitiert. Und wieso bitte sollte GOOGLE Street View mich nackt und nasebohrend ohne rechtliche Bedenken auf dem TimeSquare fotografieren dürfen, eine potentielle Frau Grönemeyer aber nicht, nur weil deren Konterfei sich nicht mit einer gewissen Thematik deckt? Das ist albern! Entweder wir sind alle öffentlich, oder jeder hat ein uneingeschränktes Recht am eigenen Bild. Insofern bleibt schon die fade Idee, man könne sich Privatsphäre kaufen, bzw. aufgrund eines gewissen Bekanntheitsgrades erstreiten. Achja, und was bitte sind WIRKLICHE Nachrichten? Meines Erachtens gibt es sowas nicht mehr, seitdem es Nachrichtenagenturen gibt, und Meldungen eine Ware geworden sind ... .
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