Papst Franziskus in Mexiko Reise in ein verwundetes Land

Pfarrer in Mexiko predigen unter Lebensgefahr, wer sich mit den Drogenkartellen anlegt, ist ein toter Mann. Nun kommt Papst Franziskus und will seinen Geistlichen den Rücken stärken.

Papst Franziskus: Besuch in den sozialen Randgebieten Mexikos
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Papst Franziskus: Besuch in den sozialen Randgebieten Mexikos


Irgendwann an diesem kalten Morgen in Morelia erzählt Miguel Patiño Velázquez dann doch die traurige Geschichte. Sie handelt von einem Pfarrer, der sich gegen das organisierte Verbrechen stellte und dafür mit dem Leben bezahlte. Patiño, Bischof im Ruhestand, fällt das Erzählen schwer: Der getötete Pfarrer war ein Freund von ihm.

Es war 1985, als Miguel Ochoa Ávila, Priester einer kleinen Gemeinde im mexikanischen Bundesstaat Michoacán, von einem Gläubigen ein kleines Stück Ackerfläche vererbt wurde. Es war ein vergiftetes Geschenk, denn auf der Parzelle wurde Cannabis angebaut. Als der Pfarrer das öffentlich geißelte, war er eines Tages verschwunden. "Sie haben sich brutal an ihm gerächt", sagt Patiño. "Verprügelt, gefoltert und dann mit Gnadenschuss hingerichtet."

Am Freitag reist Papst Franziskus für eine sechstägige Reise nach Mexiko, er wird auch nach Michoacán kommen. Patiño hält das für überfällig, auch wenn er das so nicht sagen will. "Franziskus will die Menschen begleiten, die terrorisiert werden und sich fürchten", formuliert er diplomatisch und meint damit nicht nur die Bevölkerung. Die Papstmesse am Dienstag in Morelia, der Hauptstadt Michoacáns, soll vor allem den Geistlichen den Rücken stärken.

Bürgerwehr in Apatzingán: Folgen des Staatversagens
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Bürgerwehr in Apatzingán: Folgen des Staatversagens

Ermutigung tut Not: Zwischen 1993 und 2012 wurden fünf Geistliche allein im Sprengel Apatzingán mutmaßlich von den Drogenkartellen getötet, weil sie sonntags gegen die Unterwanderung der Gesellschaft durch die Kartelle predigten. Apatzingán, eine 100.000-Einwohner-Stadt im Herzen Michoacáns, erlangte vor einigen Jahren weltweite Bekanntheit, als Bürgerwehren angesichts der Untätigkeit des Staates die Justiz in die eigene Hand nahmen und die Drogenkartelle vertrieben.

Die Drogenbosse hatten Apatzingán jahrelang im Würgegriff. Die Köpfe wechselten, die Methoden blieben die gleichen. Sie erpressten die Limonenbauern und trieben von der Bevölkerung "Steuern" und von den Geschäftsleuten Schutzgeld ein. Die Verbrecherbanden waren das Gesetz, sie sagten, wo es langging. "Wenn es hieß, es dürften keine Tortillas verkauft werden, dann wurden keine Tortillas verkauft", sagt Patiño. "Irgendwann war selbst das Läuten der Glocken verboten." Öfter bekam der Bischof Besuch von den lokalen Chefs der Banden. "Sag deinen Pfarrern, dass sie sich beruhigen sollen", war so ein typischer Satz, den er zu hören bekam. Dann fuhr Patiño in die Gemeinde und redete seinen Pfarrern gut zu.

Miguel Patiño. "Sie haben sich brutal an ihm gerächt"
AFP

Miguel Patiño. "Sie haben sich brutal an ihm gerächt"

Vergangenes Jahr ging Bischof Patiño in den Ruhestand. Nach 34 Jahren an der Spitze seiner Diözese zog der freundliche Mann mit den silbernen Haaren und den müden Augen ein bitteres Fazit: "Michoacán ist ein gescheiterter Staat."

Das Problem besteht nicht nur in Michoacán. In Mexiko sind seit Beginn der Amtszeit von Präsident Enrique Peña Nieto Ende 2012 elf Geistliche ermordet worden. In den vergangenen 25 Jahren waren es laut einem Bericht des mexikanischen "Centro Católico Multimedial" (CCM, Katholisches Multimediazentrum) insgesamt 44 Kirchenvertreter: Ein Kardinal, 38 Priester, ein Diakon und vier Mönche. Der Vatikan sei über die vielen Morde "zutiefst beunruhigt", sagt Bernardo Barranco, Soziologe und Religionsexperte.

Warum die Regierung den Papst beeinflussen will

So gleicht der Pastoralbesuch von Franziskus in Mexiko einer Reise in ein verwundetes Land: Ecatepec, Chiapas, Michoacán, Ciudad Juárez. Jeder Halt eine Problemzone, jede Messe politischer oder religiöser Sprengstoff:

  • Ecatepec, die Peripherie von Mexiko-Stadt, ist gezeichnet von Armut und Kriminalität.
  • In San Cristóbal de las Casas im Bundesstaat Chiapas ehrt Franziskus den von Mexikos Klerus und Regierungen zeitlebens geächteten linken Bischof Samuel Ruiz, der sich für die Rechte der Indigenen einsetzte.
  • Und Ciudad Juárez steht nicht nur für Flüchtlinge und die Opfer der Migration, sondern auch für Feminizide. Hunderte Frauen wurden und werden in der Grenzstadt ermordet, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen wurden.

Eine politischere Agenda hat noch kein Papst vorher in das Land mitgebracht, das zu den katholischsten und vor allem vatikantreuesten der Welt gehört. Sehr zum Missfallen der Regierung. Diese versucht mit dezentem diplomatischem Druck, Einfluss auf die öffentlichen Botschaften des Papstes zu nehmen.

Gerade jetzt, wo Staatschef Peña Nieto versucht, Mexiko als Paradies für Investoren darzustellen, passt ein Papst nicht ins Bild, der vor den Augen der Welt den Finger in die Wunden legt. Auch dem überwiegend konservativen Teil des mexikanischen Klerus missfallen die Stationen der Reise von Papst Franziskus. Er hält mehrheitlich nichts von dessen Sozialagenda.

Johannes Paul II. 1979 in Mexiko: Zahl der Katholiken seither gesunken
AP

Johannes Paul II. 1979 in Mexiko: Zahl der Katholiken seither gesunken

Dabei ist dies genau der Weg, um zu verhindern, dass die Gläubigen weiterhin in Scharen die Kirche verlassen. Als Papst Johannes Paul II. im Januar 1979 seine erste von fünf Pastoralreisen nach Mexiko machte, erklärten sich noch 96,2 Prozent der Mexikaner für katholisch. Heute sind es noch knapp über 80 Prozent.

Für Kirchenkritiker Barranco ist das kein Wunder: "Die Gläubigen finden in der Katholischen Kirche keine Heimat mehr. Sie ist in Mexiko besessen von der Moralagenda mit Abtreibung und Homo-Ehe, hat aber keine Sensibilität für die Armen und Entrechteten. Diesen Wechsel der Agenda will Franziskus hier vermitteln: Weniger Moral, mehr Seelsorge."

Zum Autor

Klaus Ehringfeld lebt als freier Korrespondent in Mexiko.

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Sie kämpfen um die Macht und das Geld - mit brutalsten Mitteln: In Mexiko haben Drogenkartelle dem Staat und ihren Rivalen den Krieg erklärt. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Syndikate welche Regionen kontrollieren, und erklärt, wer die Hintermänner sind.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
wortmacht 12.02.2016
1.
Einem zerrissenen Land täte es besser solch Aberglauben los zu werden als ihn zu vertiefen.
SvenMeier 12.02.2016
2. Wenn eines Tages Drogen in den USA und Mexiko legal sind
..., dann wird dieses geschundene Land endlich seine Plagen abschütteln können.
demophon 12.02.2016
3. Machtloser Papst
An der Macht der mexikanischen Drogenkartelle, die sich auch schon weit in die Nachbarländer bis Costa Rica im Süden und Kandada im Norden ausgebreitet haben, wird auch der Papst nichts ändern können. Das schaffen ja noch nicht einmal die Regierungen der betroffenen Staaten. Das Morden wird weitergehen.
heitergehtsweiter... 12.02.2016
4. Qualifizierte Vorschläge...
Ich fasse die ersten beiden Kommentare zusammen: Die Lösung des Problems der unfassbar brutalen Drogengewalt in Mexiko liegt also darin, dass man sämtliche Religionen verbietet und dafür sämtliche Drogen legalisiert. Interesannter Ansatz. Bin auf weitere Lösungsvorschläge gespannt.
Kater Bolle 12.02.2016
5. Ich frage mich.....
wo die größeren Verbrecher dort sitzen. In den dortigen kriminellen Organisationen oder Regierung und Beamten? Zur aussichtslosen Lage der kleinen Leute in Mexico hat auch das nordamerikanische Freihandelsabkommen einen entschiedenen Beitrag geleistet. Dort kann sich jeder live anschauen, was das Ziel von TTIP ist. Eine steinreiche kleine Oberschicht und der Rest..........
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