Paramilitärs in Mexikos Drogenkrieg Mit Killern gegen Killer

Sie haben Erfolg, wo der Staat versagt: Im mexikanischen Drogenkrieg mischen sich immer öfter paramilitärische Gruppen in den Kampf gegen die Kartelle ein. Die Politik lässt die brutalen Einheiten gewähren  - oder beauftragt sie sogar.

Aus Mexiko-Stadt berichtet

AFP

Wer will den Überblick behalten in Mexikos Drogenkrieg? Fast im Monatsrhythmus tauchen neue Kleinst-Kartelle oder Killer-Kommandos auf, Gruppen, die sich "Neue Leute" oder "Tempelritter" nennen. Manche hören auf düstere Namen wie "Hand mit Augen".

Längst ringen nicht mehr nur die sieben mächtigen Mafia-Banden um Reviere und Routen für ihr Rauschgift; der Drogenkrieg hat sich mancherorts zu einem unüberschaubaren urbanen Stellungskrieg vieler kleiner Banden entwickelt. Immer öfter gerät die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten: Bedrohte Lehrer in Acapulco, erpresste Kneipiers in Monterrey, ermordete Journalisten in Mexiko-Stadt, Entführte fast überall. Jetzt ist die Gewalt auch in der Hafenstadt Veracruz angekommen. Dort wurden seit Ende September Dutzende Leichen Exekutierter gefunden.

Die neu entstandenen Gruppierungen sind Abspaltungen der Großkartelle, andere erledigen für sie die Exekutionen, erpressen das Schutzgeld. Einige machen sich selbständig, wenn ihr Anführer geschnappt wird.

"Wir sind der bewaffnete Arm des Volkes"

Von den meisten dieser neuen Einheiten erfahren Medien und Bevölkerung erst dann, wenn wieder einmal ein Zettel an einer Leiche heftet und sich eine Bande so zu dem Mord bekennt. Keine aber ist bisher so offensiv und so ungewöhnlich aufgetreten wie vor einem Monat im Bundesstaat Veracruz die "Mata-Zetas", die selbst ernannten Gegner des gefürchteten "Zeta-Kartells".

In einem bizarren Bekennervideo erklären sich die "Mata-Zetas" verantwortlich für den Mord an 35 Menschen im September in Veracruz. Bei den Opfern soll es sich wiederum um Mitglieder des brutalen Groß-Kartells "Zeta" handeln.

In dem fünf Minuten dauernden Video sitzen fünf maskierte, schwarz gekleidete Männer an einem Tisch, vor sich Wasserflaschen. Der Wortführer, ein korpulenter Mann, spricht in flüssigem und gebildetem Spanisch: "Wir entführen nicht, wir erpressen nicht, wir sind der bewaffnete Arm des Volkes". Die "Mata-Zetas" bezeichnen sich als "anonyme Krieger" und "stolze Mexikaner". "Unsere einzigen Gegner sind die Zetas. Wir respektieren die Sicherheitskräfte."

Vor allem dieser Satz ist für Edgardo Buscaglia der Beweis, dass es sich bei den "Mata-Zetas" um eine klassische paramilitärische Gruppe handelt. "Ihrer Auffassung nach unterstützen sie den überforderten Staat und seine Sicherheitskräfte im Kampf gegen bestimmte Verbrecherbanden", sagt der Experte für Organisierte Kriminalität.

Paramilitärs seien ein bekanntes Phänomen in Mexiko. Es gab sie schon in den siebziger Jahren im Bundesstaat Guerrero und in den neunziger Jahren in Chiapas. Dort kämpften sie jeweils gegen linke Rebellenbewegungen. Die Gruppen setzten sich aus Militärs oder Ex-Militärs zusammen, die von Unternehmern und Großgrundbesitzern angeheuert wurden.

Auf allen Ebenen ist der Staat von der Korruption zerfressen

Insgesamt 167 paramilitärische Gruppen zählen Buscaglia und sein Team vom International Law and Economic Development Centre derzeit in elf der 32 mexikanischen Bundesstaaten. "Das ist aber keine abschließende Zahl. Wir vermuten, dass es in 17 Staaten diese Söldner-Banden gibt", sagt der Leiter des Zentrums. Das wäre auf mehr als der Hälfte des mexikanischen Territoriums.

Bevor der mexikanische Präsident Calderón den Kartellen Ende 2006 den Krieg erklärte, existierten lediglich ein gutes Dutzend dieser Mörderbanden. Der rasante Anstieg der Killer-Kommandos wundert den Experten aber nicht: "Der schwache Staat und der verfehlte Kampf gegen die Organisierte Kriminalität sind der Grund für ihre Zunahme". Die Regierung habe zwar mehrere zehntausend Soldaten und Bundespolizisten in den Kampf gegen die Mafia-Verbände geschickt, aber das Ergebnis sei nicht weniger Gewalt, sondern mehr.

Der Staat sei schwach, weil er auf allen Ebenen von der Korruption zerfressen sei, sagt der Jurist Buscaglia. Und so dreht sich die Spirale des Todes immer schneller: 50.000 Menschen starben innerhalb von fünf Jahren in Mexikos Drogenkrieg. Dem Präsidenten ist sein Kampf gegen die Kartelle längst außer Kontrolle geraten.

Bald wird gewählt - da ist jedes Mittel zur Verbrechensbekämpfung recht

Diese Schwäche nutzen die paramilitärischen Gruppen. Als Söldnertruppen böten sie sich an, bestimmte Territorien von gegnerischen Gruppen zu säubern, erklärt Buscaglia. Auftraggeber seien Unternehmer, die genug hätten von Schutzgelderpressungen und korrupten Polizisten, aber auch Landes- oder Gemeinderegierungen. Mitunter sind es Verbrecherorganisationen selbst, die auf die Hilfe der "Paras" zurückgreifen.

In den besonders umkämpften Staaten versuchten die Machthaber mit Hilfe der paramilitärischen Gruppen, die Vormachtstellung eines Kartells zu stärken. "Dann lassen die Zahlen der Gewalttaten nach, weil wieder eine Mafia die Oberhand hat", sagt der Experte Buscaglia.

Um die erschreckenden Opferzahlen zu drücken, sei der Regierung jedes Mittel Recht. Man dürfe nicht vergessen, dass in weniger als einem Jahr in Mexiko ein neuer Präsident gewählt wird. "Staatschef Calderón muss bis zu den Wahlen im Juli 2012 ein Ergebnis präsentieren, wenn er eine verheerende Niederlage für seine Partei vermeiden will". Gelingt es zum Beispiel mit Hilfe der Paramilitärs, die "Zetas" aus Veracruz zu vertreiben, sei ein wichtiges Ziel erreicht.

Der Küstenstaat sei seit Jahren in Hand der "Zetas", dem brutalsten und blutrünstigsten Kartell, einst geformt aus desertierten Elite-Soldaten. Veracruz ist einer der strategisch bedeutendsten Bundesstaaten Mexikos: An der Golfküste gelegen verfügt er als wichtigster Atlantik-Hafen über eine hervorragende Infrastruktur, grenzt im Süden an Chiapas, Grenzstaat zu Guatemala und im Norden an Tamaulipas, Grenzstaat zu den USA. Wer in Veracruz das Sagen hat, kontrolliert die Transportwege durch ganz Mexiko.

Kurz- und mittelfristig, befürchtet Buscaglia, werde die Gewalt in Mexiko weiter ansteigen. "Es gibt Hinweise auf Söldner-Truppen in Chiapas, die wohl die "Zetas" auch an der Grenze zu Guatemala bekämpfen sollen." An Nachwuchs für die Paramilitärs mangele es nicht: "Mexiko ist ein Basar für illegale Sicherheitsdienste. Hier gibt es russische, ukrainische und chinesische Söldner", sagt der Experte pessimistisch. "Nichts ist einfacher, als 20 Männer für irgendeine Schmutzarbeit zu rekrutieren."



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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
DorianH 02.11.2011
1. ....
Zitat von sysopSie haben Erfolg, wo der Staat versagt: Im mexikanischen Drogenkrieg*mischen sich immer öfter paramilitärische Gruppen in den Kampf gegen die Kartelle ein.*Die Politik*lässt die brutalen Einheiten gewähren* - oder beauftragt sie sogar. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,795250,00.html
Tja, da geht wohl ein Staat grade langsam aber sicher den Bach runter.....
PeteLustig, 02.11.2011
2. .
Zitat von DorianHTja, da geht wohl ein Staat grade langsam aber sicher den Bach runter.....
Falsch, in unkontrollierbar und für Ordnungsbehörden lebensgefährliche gewordene Gegenden stellen diese Maßnahmen die einzige effektive Taktik gegen das Chaos dar. Indiens Polizei räumte mit Hilfe der Encounter Squads auf vergleichbare Weise auf im Mafia-Molloch Mumbai.
kornfehlt 02.11.2011
3. ich vermute,
dass ein grossteil der foristen hier die sonderbehandlung der drogenkriminellen in einem resozialisierungsprogramm auf fuerteventura, nachndeutschen vorbild, bevorzugen würde. Natürlich auf kosten derer, die tatsächlich steuern zahlen.
Shivon 02.11.2011
4. Friedefreudeeierkuchen
Zitat von kornfehltdass ein grossteil der foristen hier die sonderbehandlung der drogenkriminellen in einem resozialisierungsprogramm auf fuerteventura, nachndeutschen vorbild, bevorzugen würde. Natürlich auf kosten derer, die tatsächlich steuern zahlen.
Ich vermute dass ein grossteil der foristen hier die sonderbehandlung der drogenkriminellen in einem Knast in Mexiko nach mexikanischen vorbild, bevorzugen würde. Natürlich auf kosten derer, die tatsächlich steuern zahlen. Können wir uns so einigen? Ein guter Freund würde ja in alter Tradition sagen, dass man die Idioten an die Wand stellen sollte und erschießen sollte. Mag jetzt zwar hart und grad nicht human klingen, aber diese Drogenbosse sowie die Leute die entscheidungsgewalt innerhalb der organisationen haben, haben mMn nichts besseres verdient, weil sie noch viel größere Schäden in der mexikanischen und in der amerikanischen Gesellschaft anrichten.
dz-015 02.11.2011
5. Drogen
Wären Drogen weltweit legalisiert gäbe es keine Drogenkartelle und somit auch keine Drogen bedingten Morde.
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