Mord an Holocaust-Überlebender in Paris "Antisemitismus ist eine nationale Krankheit"

Die Ermordung der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll hat in Frankreich eine Debatte über Antisemitismus ausgelöst. Im Fokus stehen arabischstämmige Vorstadtjugendliche.

Gedenken an Mireille Knoll
AFP

Gedenken an Mireille Knoll

Von , Paris


So viel ist sicher: Dieser Mord hat Folgen. Am vergangenen Freitag soll in Paris ein 29-jähriger Mann seine 85 Jahre alte Nachbarin getötet haben. Das Mordopfer ist die jüdische Französin Mireille Knoll, eine Holocaust-Überlebende. Der mutmaßliche Mörder ist ein junger Muslim.

Die Juden Frankreichs rufen nun für diesen Mittwoch zur Demonstration auf dem Pariser Platz der Nation auf. "Die ganze Gesellschaft wird sich uns anschließen", sagt Robert Ejnes, Exekutivdirektor des Rats der jüdischen Einrichtungen Frankreichs (Crif), im Gespräch mit dem SPIEGEL. Er zählt zu den Verfassern des Demonstrationsaufrufs.

Die Ermordung Knolls hatte im ganzen Land Entsetzen ausgelöst. Elfmal soll der Täter auf die Seniorin eingestochen haben, Rettungskräfte fanden sie später leblos im Schlafzimmer. In der Wohnung war zudem Feuer gelegt worden, weshalb Nachbarn den Notruf gewählt hatten. Die Polizei fasste später zwei Verdächtige, von denen aber nur der 29-Jährige für den Mord verantwortlich sein soll.

Brandspuren am Tatort
AP

Brandspuren am Tatort

Geht es nach Robert Ejnes, soll dieses Mal alles anders sein als bei einem ähnlichen Fall vor einem Jahr. Am 4. April 2017 hatte ein Mann die 65-jährige Jüdin Sarah Halimi aus dem Fenster geworfen - nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt von jenem Haus, in dem am Freitag Mireille Knoll getötet wurde. Halimi und Knoll wurden beide Opfer brutaler Gewalt, und den bisherigen Ermittlungen zufolge verbindet die Fälle noch mehr: Demnach waren die Täter jeweils junge, kleinkriminelle Muslime aus der direkten Nachbarschaft. Beide Male kannten sich Opfer und Täter seit Jahren.

Die Taten mögen sich in einigen Punkten ähneln, aber die Hintergründe unterscheiden sich stark - davon jedenfalls geht Ejnes aus: "Auf den Mord an Halimi folgte eine lange Zeit des Schweigens, sowohl von Politik als auch von den Medien", sagt er. Diesmal aber erreichte Ejnes schon am Dienstagmorgen ein Appell der Regierungspartei von Präsident Emmanuel Macron, La Répuplique en Marche, dem Demonstrationsaufruf zu folgen.

Ist diese Aufforderung das offizielle Eingeständnis eines neuen Antisemitismus in Frankreich, gegen den man schleunigst auf die Straße gehen muss? Ejnes zufolge gab es seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis ins Jahr 2006 in Frankreich keinen einzigen Mord, der sich spezifisch gegen Juden richtete. Doch seit 2006 habe es elf Opfer gegeben, sagt Ejnes, "die nur sterben mussten, weil sie Juden waren".

Mord aus Rache?

Aufsehen erregten vor allem zwei Terrorakte, die sich gegen französische Juden richteten. Im März 2012 brachte Mohammed Merah drei jüdische Schulkinder in Toulouse um. Drei Jahre später, im Januar 2015, ermordete Amedy Coulibaly in einem Pariser Supermarkt vier Juden. Merah berief sich auf die Terrororganisation al-Qaida, Coulibaly auf den "Islamischen Staat".

Die Mordfälle Halimi und Knoll jedoch liegen anders. Die mutmaßlichen Täter sind Kleinkriminelle aus der Nachbarschaft, keine Terroristen. Im Fall Halimi handelte der mutmaßliche Täter, der während der Tat islamistische Parolen gerufen haben soll, unter Einfluss von Cannabis und landete nach seiner Festnahme in der Psychiatrie. Noch im Januar 2018 hatte eine Untersuchungsrichterin eine antisemitische Tat ausgeschlossen - und diese Entscheidung erst revidiert, nachdem Staatsanwaltschaft und Nebenkläger Einspruch erhoben hatten.

Im Fall Knoll hatte der mutmaßliche Täter gerade eine langjährige Freiheitsstrafe abgesessen und hegte offenbar auch Rachemotive. Die Pflegerin der 85-Jährigen hatte ihn zuvor bei der Polizei angezeigt, weil er sich an ihrer Tochter vergangen haben soll. Diesmal klärte sich die Frage sehr schnell, ob es ein antisemitisches Motiv gab: Bereits am vergangenen Montag, drei Tage nach der Ermordung Knolls, erhob die Staatsanwaltschaft diesen Vorwurf. Für Crif-Direktor Ejnes ist die Sache deshalb klar: "Wir haben das Ergebnis der Polizei-Ermittlungen abgewartet. Nun wissen wir, dass die Polizei die Beweise für den antisemitischen Charakter der Tat hat", sagt er.

"Verlorene Gebiete der Republik"

Dabei geht es nun um einen ganz anderen Antisemitismus als den der Terroristen. "Der Antisemitismus ist eine nationale Krankheit", sagt Ejnes. Er spricht von den "verlorenen Gebieten der Republik", ein Begriff, der auf die französischen Vorstädte zielt, die von arabischstämmigen Jugendbanden unsicher gemacht werden. "Tausende von Juden", so Ejnes, seien innerhalb Frankreichs umgezogen, weil sie täglichen Aggressionen meist arabischstämmiger Jugendlicher ausgesetzt seien.

Wie groß ist das Problem?

Im vergangenen Jahr brachten viele Politiker den Mord an Halimi gerade deshalb nicht öffentlich ins Gespräch, weil sie die Gefahr sahen, damit einen Pauschalverdacht gegen die Vorstadtjugendlichen zu nähren - noch dazu im damaligen Präsidentschaftswahlkampf. Das empfanden viele einflussreiche jüdische Intellektuelle als Heuchelei. "Justiz und Presse trauen sich nicht, von Antisemitismus zu sprechen", klagte der etwa der Philosoph Bernard-Henri Lévy.

Das ist nun anders. Alle großen französischen Medien berichten über den Fall im Zusammenhang mit dem Antisemitismus-Vorwurf. Zahlreiche Politiker greifen das Thema auf - was wohl auch damit zu tun hat, dass sie sich nicht mehr dem Vorwurf ausgesetzt sehen, Argumente des rechtsextremen Front National zu übernehmen. Die Angst davor hatte im Wahlkampf 2017 zum Schweigen über den Mord an Halimi beigetragen.

Wie groß also wird am Mittwoch die Kundgebung zum Gedenken an Mireille Knoll sein? 1942 war Knoll bei einer von den deutschen Besatzern befohlenen Razzia in Paris nur dank des brasilianischen Passes ihrer Mutter entkommen. So werden nun wohl viele Pariser nicht unbedingt gegen Muslime auf die Straße gehen - sondern um eine Holocaust-Überlebende zu ehren.

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