Terrorverdächtiger Salah Abdeslam Fanatiker und Familienmensch

Warum kehrte der mutmaßliche Pariser Attentäter Salah Abdeslam an seinen alten Wohnort zurück? Wie konnte er sich so lange verstecken? Offenbar hatte er enge Freunde - die ihn bis zuletzt unterstützten.

Mutmaßlicher Terrorist Salah Abdeslam
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Mutmaßlicher Terrorist Salah Abdeslam

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Es war eine Pizzabestellung, mit der sich Europas meistgesuchter Mann offenbar verriet. Die Ermittler in Brüssel stutzten am Freitagnachmittag, als jemand erstaunlich viel Fastfood in eine Wohnung liefern ließ, die von Polizisten observiert wurde - auf der Suche nach dem wohl letzten lebenden Tatverdächtigen der Pariser Terrorserie: Salah Abdeslam, 1,75 Meter groß, 26 Jahre alt. Wenig später wurde er gefasst.

Die Geschichte von Abdeslams Festnahme, wie sie das Onlinemagazin "Politico" rekonstruiert hat, wirft viele Fragen auf: Wieso kehrt einer der Pariser Attentäter ausgerechnet an seinen alten Wohnort zurück? Wieso lässt er sich lebend festnehmen? Und was hatte jener Mann noch vor, der für den Tod von 130 Menschen mitverantwortlich sein soll? (Lesen Sie hier mehr über die Vorbereitungen und den Ablauf der Anschläge.)

Klar ist inzwischen, dass Abdeslam seine ursprünglichen Pläne bereits während der Attentate ad acta gelegt hatte. "Er wollte sich beim Stade de France in die Luft sprengen, machte aber einen Rückzieher", teilte die Pariser Staatsanwaltschaft am Wochenende mit.

Nach Erkenntnissen von Ermittlern rief Abdeslam noch am Tatabend von Paris aus seine Brüsseler Freunde Mohammed A., 27, und Hamza A., 21, an, die ihn daraufhin abholten. Ihr grauer Golf wurde auf der Hin- und Rückfahrt im französischen Cambrai kontrolliert, die Polizei ließ den Wagen aber passieren, weil nach Abdeslam zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefahndet wurde.

Sein Handy und den für ihn bestimmten Sprengstoffgürtel hatte Abdeslam weggeworfen. Hatte er etwa plötzlich Angst bekommen?

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Belgien: Die Jagd auf die mutmaßlichen Paris-Attentäter
Bei der Beantwortung solcher Fragen könnten Zeugenaussagen und Details aus Abdeslams Leben helfen - denn die deuten darauf hin, dass der mutmaßliche Terrorist ebenso Fanatiker wie Familienmensch war.

Während Sicherheitskräfte ihn in der Türkei, in Syrien, Spanien oder Marokko wähnten, verbrachte Abdeslam die vergangenen vier Monate wohl vor allem im Kreise von Freunden und Verwandten - und zwar in seiner Heimat, Brüssels berüchtigter Islamistenhochburg Molenbeek.

Diese "Solidarität von Nachbarn und Familien", so sagte es Belgiens Chefermittler Frederic Van Leeuw dem Sender RTBF, habe das wochenlange Versteckspiel erst ermöglicht. Abdeslam habe auf ein "großes Netzwerk von Freunden und Verwandten" zurückgreifen können.

Recherchen der belgischen Zeitung "La Libre" scheinen das zu bestätigen: Demnach lebte Abdeslam zuletzt wohl im Kellergeschoss unter der Wohnung der Mutter eines Freundes, der gar keine Kontakte in militante Kreise gepflegt haben soll.

Hinweise darauf, dass Abdeslam keineswegs sozial isoliert war, finden sich auch in seiner Vergangenheit: Leute, die ihn kennen, beschrieben ihn als unauffälligen Jungen, einer, der Fußball und Autos mochte, gerne in Klubs tanzte und mit Mädchen flirtete. "Er hatte ein gutes Benehmen und war nicht aggressiv", sagte ein Molenbeeker jetzt der Agentur Reuters, eine Bekannte beschrieb ihn als "sehr netten Jungen".

Sein Bruder Ibrahim, der sich in Paris in die Luft sprengte, soll in Molenbeek die Bar Les Béguines geführt haben - sie war für regen Drogenkonsum bekannt. Die Brüder waren laut "Le Parisien" häufig dort. Anwohner berichteten von viel und lautem Betrieb.

Salah Abdeslam arbeitete als Wartungstechniker bei den Brüsseler Verkehrsbetrieben. Laut "Le Parisien" wurde ihm 2011 wegen zu vieler Fehlzeiten gekündigt. 2012 musste er demnach erstmals wegen eines Einbruchs ins Gefängnis. Drei Jahre später sei der in Marokko geborene Franzose bereits radikalisiert gewesen, sagte ein Freund Abdeslams laut dem französischen Portal "Mediapart" später der Polizei.

"Er dachte, dass Frauen verschleiert sein müssen"

"Er dachte, dass Rockmusik eine Perversität sei, dass man nicht rauchen oder trinken dürfe, dass die Frauen verschleiert sein müssen - andernfalls seien sie Nutten." Schon im Mai hortete Abdeslam demnach zwei Kalaschnikows, eine automatische Pistole und Granaten im Kofferraum seines Autos.

War Abdeslam Teil einer Szene, in der sich abgehängte Jugendliche unabhängig von der Terrororganisation IS radikalisieren? Vieles deutet darauf hin, dass er einer jener Dschihadisten war, über die Chefermittler Van Leeuw jetzt lapidar sagte: "Diese Leute arbeiten freiberuflich."

So habe Abdeslam nach den Terroranschlägen von Paris weitere Anschläge geplant, sagte Belgiens Außenminister Didier Reynders am Sonntag. Der Terrorverdächtige sei laut eigener Aussage bereit gewesen, "etwas in Brüssel zu tun". Zudem seien Ermittler auf "viele Waffen, schwere Waffen" gestoßen.

Ein Mann, der sich von einem Selbstmordanschlag zurückzieht, kehrt in seine Heimat zurück und plant dann weitere Attentate? Viele Fragen sind noch offen, beantworten kann viele davon wohl nur Abdeslam selbst.

Der sitzt nun in einem Hochsicherheitsgefängnis in Brügge, für Mittwoch ist der nächste Gerichtstermin angesetzt. Ob er dann aussagen wird, ist fraglich: Derzeit ist sein Anwalt damit beschäftigt, die geplante Auslieferung nach Frankreich zu vermeiden und eine Klage gegen die französische Staatsanwaltschaft wegen Geheimnisverrats vorzubereiten.


Zusammengefasst: Der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam konnte sich offenbar auch dank der Hilfe von Freunden und Verwandten monatelang vor der Polizei in Brüssel verstecken. Ermittlern zufolge hatte der 26-Jährige ein großes Netzwerk von Unterstützern.

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris

Mitarbeit: Jörg Diehl, Stefan Simons; mit Material von Reuters



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