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Telefonmitschnitt: Islamist Coulibaly rechtfertigte seine Taten vor Geiseln

AFP

Vier Tage nach den islamistischen Anschlägen von Paris kommen weitere Details ans Licht. So soll der Geiselnehmer Amedy Coulibaly seinen Opfern eine Mitschuld daran gegeben haben, dass französischen Militärs gegen Muslime vorgehen.

Paris - Er tötete mindestens vier Menschen, bevor er selbst von der Polizei erschossen wurde: Amedy Coulibaly, der in einem jüdischen Geschäft in Paris zahlreiche Geiseln nahm, soll offenbar versucht haben, seine Taten gegenüber den Opfern zu rechtfertigen.

Die Geiselnahme sei eine Reaktion auf Angriffe des französischen Militärs gegen Muslime im Nahen Osten und in Mali sowie gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), soll der Franzose den Menschen in seiner Gewalt gesagt haben. "Wenn sie (die französischen Soldaten) woanders angegriffen hätten, dann wäre ich nicht hier", zitierte der Sender RTL Coulibaly.

Herausgekommen ist dies offenbar durch Zufall: Der Geiselnehmer hatte nach einem Telefongespräch mit dem Sender BMFTV am Freitag die Telefonleitung nicht richtig geschlossen, sodass die Polizei mithören konnte, was er den Geiseln sagte.

"Sie haben Menschen gefoltert. Sie müssen aufhören, den "Islamischen Staat" anzugreifen, unsere Frauen zu enthüllen, unsere Brüder grundlos in Gefängnisse zu stecken", sagte Coulibaly den Geiseln, die er offenbar mitverantwortlich für das Handeln des französischen Staates machte: "Sie sind es, die die finanzieren. Sie zahlen Steuern und stimmen blind zu", zitiert RTL weiter aus dem Tonmitschnitt. Eine Geisel antwortet: "Wir müssen Steuern zahlen." Darauf entgegnet der Geiselnehmer: "Sie müssen gar nicht, ich zahle meine Steuern nicht."

Zum Schluss gab er sich siegessicher: "Sie haben es nie geschafft, uns zu schlagen. Wo immer sie hingingen, ist es ihnen nie gelungen. Allah ist mit uns."

Coulibalys Familie stammt ursprünglich aus Mali. Der 32-Jährige hatte neun Schwestern. Diese sowie die Mutter des Geiselnehmers drückten den Opfern der Pariser Anschläge am Samstag ihr Beileid aus. "Wir verurteilen diese Taten", schrieben sie in einer Stellungnahme. "Wir teilen diese extremen Ideen absolut nicht."

Neben der Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt soll Coulibaly auch für die tödlichen Schüssen auf eine Polizistin in Montrouge südlich von Paris am Donnerstag verantwortlich sein. Er kannte einen der Angreifer auf die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" und hatte sein Vorgehen laut eigenen Angaben mit den beiden Kouachi-Brüdern abgestimmt. Sie wurden ebenfalls von Einsatzkräften erschossen.

Nach Coulibalys flüchtiger Freundin und mutmaßlichen Komplizin Hayat Boumeddiene wird derzeit gefahndet. Sie soll sich in Syrien aufhalten.

ala/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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1. Leitung nicht geschlossen?
sintgund 11.01.2015
Wenn der andere aufgelegt hat...? Dass man Mobiltelefone auch als Richtmikrophone benutzen kann, wenn der Besitzer gar nicht telefoniert, wollte die Polizei der Bevölkerung wohl nicht aufs Brot schmieren. Wir sind dadurch alle abhörbar, jeder Zeit.
2.
hschmitter 11.01.2015
Gegen Leute, die nicht alle Kekse in der Dose haben, kann man nicht viel ausrichten - auch nicht mit der Speicherung von Daten, die auszuwerten selbst den personellen Aufwand der Stasi überschreitet
3. Um es vorwegzunehmen:
Badischer Revoluzzer 11.01.2015
Auf keinen Fall billige ich die Morde und Gewaltakte dieser Terroisten. Aber hat die Presse schon einmal versucht die Standpunkte dieser Terroristen zu beleuchten und die Hintergründe ihrer Taten zu erforschen? Was treibt Menschen dazu, so brutal zu reagieren. Wer hat mit einem tatsächlichen oder nur gefühltem Unrecht begonnen. Ich bin mir sicher, wir im Westen würden überrascht sein.
4. Frage
singpat 11.01.2015
Zitat von sintgundWenn der andere aufgelegt hat...? Dass man Mobiltelefone auch als Richtmikrophone benutzen kann, wenn der Besitzer gar nicht telefoniert, wollte die Polizei der Bevölkerung wohl nicht aufs Brot schmieren. Wir sind dadurch alle abhörbar, jeder Zeit.
Wenn es so einfach ist, ein Handy von aussen als Richtmikrofon zu steuern, warum hatte das die Polizei nicht bei den anderen Taetern in der Druckerei getan? In diesem Fall hoert man ja nichts davon, dass die Polizei mithoeren konnte, obwohl die Brueder ein Handy hatten und mit Journalisten sprachen. Im Gegenteil, ein in der Druckerei versteckter Mitarbeiter hat die Polizei auf dem Laufenden gehalten. Bin kein Techniker. Wer kann dazu etwas sagen?
5. In einem Punkt hatte er übrigens im übertragenen Sinne recht:
eine-Meinung-unter-Vielen 11.01.2015
Frei nach Schiller: "Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens". Leider werden wir Fanatiker jeglichen Ursprungs nie verhindern, besiegen oder völlig im Zaum halten können. Aber wir können uns bemühen, so vielen Menschen wie möglich ein menschenwürdiges Leben zu bieten und dadurch die Zahl der zukünftigen Fanatiker auf einem möglichst geringen Maß zu halten.
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