Peinliche Polit-Posse in Schwerin Sex, Lügen und ein Laptop

Der Schweriner CDU-Stadtpräsident Andreas Lange galt als Polittalent im Nordosten. Dann überließ er einer Prostituierten seinen Dienstcomputer - jetzt ist seine Karriere am Ende. SPIEGEL ONLINE traf Ex-Hure Isabel, die den Skandal ausgelöst hat.

Von , Schwerin


Schwerin - Ruft man Isabel K. auf dem Handy an, dröhnt statt des Freizeichens eine Pop-Hymne aus dem Hörer: "Es ist zu spät, sich zu entschuldigen", röhrt da eine Männerstimme auf Englisch. Und noch ehe Isabels rauchiges "Ja" die Musik schließlich ablöst, schwant dem Anrufer, dass er es mit einer sehr resoluten Person zu tun haben wird.

K. trägt eine dreiviertellange Stoffhose, Stiefel, einen Wollpullover. Ihre Haare sind kurz und blond, die Fingernägel lang und rot, das Gesicht blass und gepierct. Die 24-Jährige könnte Krankenschwester sein, Schuhverkäuferin oder Lehramtsstudentin, doch Isabel hat keinen Schulabschluss und arbeitete zuletzt als Prostituierte. Drei Jahre lang schaffte sie in Appartements, in der Hamburger Herbertstraße und in ihrer Wohnung mitten in Schwerin an. "Ich habe viel Geld verdient", sagt sie.

Jetzt sitzt die junge Frau an einem Glastisch in ihrer schmucken Einbauküche und zieht ruhig an einer Zigarette mit weißem Filter, Marke "Davidoff". "Ja", haucht sie und bläst dabei den Rauch gen Zimmerdecke, "diese Sache ist ganz schön aufregend."

"Diese Sache" ist die tragische Geschichte eines Mannes, der als konservativer Polit-Aufsteiger von sich reden machte und inzwischen tief gefallen ist. Eines Mannes, der "die Begeisterung und das Selbstwertgefühl der Schweriner stärken" wollte, als er im Mai sein Amt als Stadtpräsident, also als Vorsitzender des Gemeinderats antrat. Und der damals von sich sagte, er wolle "kein politischer Eunuch sein".

Die Provinz-Politposse, deren Protagonist der Stadtpräsident ist, nimmt ihren Anfang am 30. Oktober. Morgens um halb sieben klingeln Kriminalpolizisten und eine Staatsanwältin Isabel aus dem Bett. Die Beamten haben einen Durchsuchungsbeschluss - es geht um Bandendiebstahl, in den K.s Lebensgefährte verwickelt sein soll - und stellen die Wohnung auf den Kopf. Erst nach Stunden rücken sie ab, nicht ohne jedoch zuvor einen Laptop der Marke "Dell" zu beschlagnahmen, der politisch brisant werden soll.

Offene Rechnung: Liebesdienste im Wert von 4200 Euro

Denn dieser Computer, so will es Isabel den Ermittlern sogleich zu Protokoll gegeben haben, gehört dem Schweriner CDU-Stadtpräsidenten Andreas Lange, 33. Der sei seit Januar 2007 regelmäßig ihr Freier gewesen, erinnert sich die Blondine im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Seinen Laptop habe er bei ihr als Pfand für seine Schulden hinterlegt. Liebesdienste im Wert von 4200 Euro habe der Rechtsanwalt damals nicht bezahlt, behauptet Isabel, die nach eigenen Angaben inzwischen nicht mehr als Prostituierte arbeitet, sondern Arbeitslosengeld bezieht.

Lange, der gestern von seinem Amt zurückgetreten ist, weil er "weiteren Schaden für die Stadt, die Stadtverwaltung und für meine Familie abwenden" will, hat bislang nicht bestritten, Kontakt zu K. gehabt zu haben. Der Computer sei jedoch kein Pfand gewesen, sondern von ihm schlichtweg in der Wohnung vergessen worden, erklärte er Journalisten. Auch hätten sich keine sensiblen Daten auf dem Rechner befunden. Mehr könne er wegen seiner anwaltlichen Schweigepflicht nicht sagen.

"Das stimmt so natürlich nicht", sagt Isabel und zündet sich die nächste Zigarette an. "Auf dem USB-Stick, der in der Computertasche lag, waren Adresslisten, Finanzplanungen und Kalkulationen der Stadt. Ich glaube nicht, dass die für meine Augen bestimmt waren." Reporter des NDR und der "Schweriner Volkszeitung" hätten die Dokumente ebenfalls gesehen. Gestern Abend dann sei der Datenträger von der Polizei beschlagnahmt worden.

"Computer? Da bin ich gut drin!"

"Wir haben außerdem noch gemeinsam das Passwort geändert, damit ich Zugriff auf den Rechner habe. Ich hätte ihn ja verkauft, wenn ich das Geld von Andreas nicht bekommen hätte", so Isabel. Das alte Kennwort habe "Friedrich1" gelautet. Doch nachdem ihr Anwalt dem säumigen Zahler am 26. November eine Klage ins Haus schickte - in dem Dokument sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE detailliert sexuelle Dienstleistungen aufgeführt -, übergab Lange seinem Juristenkollegen wenige Tage später 3000 Euro in bar.

"Ich kann nicht sagen, dass er mir leid tut", sagt Isabel. "Er hätte eben am besten gleich bezahlt." In ihren Augen sei Lange ein labiler, leicht zu beeinflussender Mensch und "schwieriger Kunde" gewesen, der eigentlich Hilfe brauche. "Ich habe nie verstanden, warum er ausgerechnet in der Stadt, in der er ziemlich bekannt war, zu Prostituierten ging. In meinen Augen war das dumm." Doch sei es nicht "ihre Aufgabe gewesen", so rechtfertigt sich Isabel wohl vor allem vor sich selbst, "auf Andreas aufzupassen".

Dem Ex-Stadtpräsidenten, der gestern und heute nicht auf Anrufe und E-Mails von SPIEGEL ONLINE reagierte, droht nun weiteres Ungemach: Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Schwerin gegen ihn. Der 33-Jährige steht im Verdacht, Verwahrungsbruch begangen und gegen das Landesdatenschutzgesetz verstoßen zu haben. Eine hohe Strafe hat der Anwalt wohl nicht zu befürchten, doch der Schaden für seine politische und berufliche Karriere dürfte immens sein.

Isabel ist unterdessen guter Dinge. Mit ihrer Vergangenheit als Hure habe sie abgeschlossen. "Ich muss schließlich an meine Tochter denken, die wird auch älter und irgendwann bekommt sie das mit", sagt sie. Gefragt, was sie denn beruflich machen wolle, antwortet die Blondine mit dem braven Gesicht, ohne einen Moment zu zögern: "Was mit Computern. Da bin ich gut drin!" Dann prustet sie los.



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