Missbrauchsopfer aus Pennsylvania "Wer hätte mir diese Geschichte glauben sollen?"

Die Kirche deckte die Beschuldigten jahrzehntelang. 300 Priester sollen mindestens tausend Minderjährige in Pennsylvania missbraucht haben. Nun brechen die mutmaßlichen Opfer ihr Schweigen.


Jahrzehntelang sollen sie sich an mindestens tausend Kindern vergangenen haben: Ermittlungsbehörden im US-Bundesstaat Pennsylvania beschuldigen mehr als 300 katholische Priester des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung.

Die Dunkelziffer der Opfer könnte deutlich höher liegen, glauben die Ermittler. Berichte von Kindern seien verlorenen gegangen, viele würden aus Angst immer noch schweigen. Doch Betroffene, die sich zu Wort melden, berichten von einem jahrzehntelangen Leiden, das nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Familien massiv beeinflusste, wie der Sender CNN von der Pressekonferenz berichtete.

"Ich konnte meiner Frau keinerlei Zuneigung zeigen", sagt der 83-jährige Robert in einem Video, das dort gezeigt wurde. Auch seine Kinder habe er nicht lange umarmen können. Vor 70 Jahren sei er von einem Priester missbraucht worden. Sein Fall ist damit einer der frühesten im Skandal um die katholische Kirche in Pennsylvania.

"Wer hätte mir diese Geschichte glauben sollen?"

"Wer hätte mir diese Geschichte glauben sollen?", sagt Robert heute. Der 83-Jährige glaubt, dass es ihn damals traf, weil er ohne Vater aufwuchs. Daraus hätte sein Peiniger einen Vorteil gezogen.

Roberts Erinnerung ist eine von vielen, die die Ermittler in den vergangenen zwei Jahren gehört haben. Ihre Nachforschungen stützen sich auf Dutzende Zeugenaussagen und eine halbe Million Seiten kircheninterner Dokumente. Fast alle der aufgezählten Fälle seien mittlerweile verjährt, heißt es in dem Bericht. Zudem seien die meisten Verantwortlichen bereits verstorben.

Die Untersuchungen zogen sich über sieben Jahrzehnte hin. Die meisten Opfer waren demnach Jungen, viele von ihnen hatten noch nicht die Pubertät erreicht. Die Täter hätten ihnen Alkohol verabreicht und ihnen pornografische Inhalte gezeigt. Kinder seien begrapscht oder vergewaltigt worden.

In einem Fall soll ein Priester ein siebenjähriges Mädchen in einem Krankenhaus vergewaltigt haben, nachdem ihr die Mandeln entfernt wurden. Ein weiterer Beschuldigter soll einen neunjährigen Jungen dazu gezwungen haben, ihn oral zu befriedigen. Danach "reinigte" er demnach den Mund des Kindes mit Weihwasser.

In dem Video der Ermittlungsbehörden kommt auch die 37-jährige Carolyn zu Wort. Sie berichtet, dass sie ihren Peiniger mit 18 Monaten das erste Mal getroffen habe. Als sie älter wurde, habe er immer seine Hände an ihr gehabt.

"Es ist einsam, wenn dein Wort gegen Gottes Wort steht"

Später wenn sie das Wort "Gott" gehört habe, sei sie an den Missbrauch erinnert worden. Jedes Mal, wenn sie es gehört habe, musste sie an ihn denken. "Ich glaubte immer, mein ganzes Leben sei eine Lüge", sagt Carolyn. "Es ist einsam, wenn dein Wort gegen Gottes Wort steht."

Sie denkt, dass der Bericht Betroffenen helfen werde, die keine Familie haben. "Weil sie jetzt wissen, dass es da draußen viele Menschen gibt, die ihnen helfen und hinter ihnen stehen."

Das Leben unzähliger Menschen wurde durch den Missbrauch zerstört. Das Geschworenengremium berichtete, viele der Opfer seien schwer traumatisiert. Einige hätten Abhängigkeiten von Alkohol oder anderen Drogen entwickelt, manche begingen demnach Suizid.

Die Kirche in Pennsylvania habe die Täter meist jahrelang gedeckt, heißt es in dem Bericht. Auch deshalb könnten viele Vergehen nun nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Das Geschworenengremium forderte Gesetzesänderungen, um unter anderem eine Verjährung bei Kindesmissbrauch abzuschaffen.

sen/AFP

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