Krankenpfleger gesteht 30 Todesfälle "Er ist zutiefst beschämt"

Krankenpfleger Niels H. steht im Verdacht, mehr als 170 Patienten getötet zu haben. 30 Fälle hat er nun gestanden. Vor dem Landgericht Oldenburg gab ein Psychiater wieder, was der Angeklagte zu seinen Taten zu sagen hat.

Von , Oldenburg

Angeklagter Niels H.: "Voll verantwortlich"
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Angeklagter Niels H.: "Voll verantwortlich"


Wie viele Patienten mussten in Krankenhäusern und einem Seniorenheim sterben, weil sie von Niels H. betreut wurden? Der Krankenpfleger ist wegen Mordes in drei Fällen und Mordversuchs in zwei Fällen vor dem Landgericht Oldenburg angeklagt. Nach Angaben des niedersächsischen Justizministeriums werden jedoch derzeit insgesamt 178 Verdachtsfälle untersucht.

"Nur Sie wissen, was Sie getan haben, Herr H.", hatte Richter Sebastian Bührmann an einem Verhandlungstag im November Niels H. ins Gewissen geredet. Er erinnerte ihn daran, wie viele Menschen verunsichert seien und sich nach Gewissheit sehnten, wie und warum ihre Angehörige sterben mussten.

Der Appell scheint Niels H. überzeugt zu haben.

Der 38-Jährige stimmte schließlich einer Exploration zu, vertraute sich in vier Gesprächen dem forensischen Psychiater Konstantin Karyofilis an und legte nun ein ausführliches Geständnis ab, das Karyofilis am Donnerstag vor Gericht im Auftrag des Angeklagten zusammenfasste: 30 Patienten der Intensivstation des Delmenhorster Klinikums seien in den Jahren 2003 bis 2005 durch sein Zutun gestorben, weitere 60 Personen hätten überlebt. Für die aktuell angeklagten Morde und Mordversuche fühle sich Niels H. ebenso "voll verantwortlich", weitere Taten in anderen Krankenhäusern, einem Seniorenheim oder als Rettungssanitäter streite er allerdings ab.

Staatsanwaltschaft überrascht

Niels H. gab zu, Patienten das Medikament Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) in die Vene gespritzt zu haben - ein Herzmittel, das überdosiert zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall führen kann. So verschlechterte sich der gerade stabilisierte Zustand eines Schwerkranken rapide. Niels H. soll dann versucht haben, die in Lebensgefahr Schwebenden zu reanimieren.

Niels H. wisse, sagte Psychiater Karyofilis, dass er vielen Menschen "massiven Schaden, Leid und Kummer" zugefügt habe. Sein Geständnis sei keineswegs als Entschuldigung zu werten. Sein Tun sei "nicht entschuldbar". Wichtig war Niels H. auch, dass der Gutachter ausrichtet, dass er, Niels H., den Prozess und die Aufmerksamkeit um seine Person nicht genieße. "Das ist nicht der Fall: Er ist zutiefst beschämt."

Die Staatsanwaltschaft wurde einem Sprecher zufolge von der Einlassung des Angeklagten überrascht. Zumal Niels H. angibt, am Klinikum Oldenburg keine Taten verübt zu haben. Eine vom Klinikum in Auftrag gegebene Überprüfung kommt hingegen zu dem Schluss, dass Niels H. durchaus in zwölf Fällen für den Tod von Patienten verantwortlich gewesen sein könnte.

Das Engagement des Niels H.

Ausgerechnet Otto Dapunt stützt nun Niels H.s Geständnis. Dapunt war von Juni 1999 bis März 2014 Chefarzt am Klinikum Oldenburg. Fast drei Jahre lang hat Niels H. in Dapunts Abteilung, der herzchirurgischen Intensivstation, als Krankenpfleger gearbeitet: von 1999 bis 2001.

Dapunt erschien am Donnerstag als Zeuge vor dem Landgericht Oldenburg. Einzelfallanalysen würden ergeben, dass Niels H. zwar "überdurchschnittlich häufig" bei Reanimationen beteiligt gewesen sei, aber das treffe auch auf andere Kollegen zu. Zudem habe Niels H. eben auch die besonders schweren Fälle betreut und sei durch die Rufbereitschaft öfter im Dienst gewesen als andere.

Misstrauisch war Dapunt dennoch. Vor Gericht schilderte er den außergewöhnlichen Übereifer des damaligen Krankenpflegers: Immer sei Niels H. bereit gewesen, Patienten mit schwerem Krankheitsbild zu übernehmen, immer habe er sich engagiert gezeigt, immer habe er sich freiwillig zur Rufbereitschaft gemeldet.

"Nicht von Fachlichkeit geprägt"

Niels H. sei zuweilen auch "hemdsärmelig bis hin zu ruppig" mit den Patienten umgegangen. Aber: "Er war sachlich kompetent, vielleicht auch kompetenter als andere", sagte Dapunt, heute Herzchirurg an der Universitätsklinik in Graz. Nur bei Reanimationen habe Niels H. einen Aktionismus entwickelt, der "nicht von Fachlichkeit geprägt war".

Auch sei es mehrfach vorgekommen, dass Niels H. sich "vordrängte". Selbst wenn es um Patienten ging, die nicht von ihm betreut wurden. Das habe für Unmut bei Kollegen gesorgt, die Niels H. daraufhin signalisiert hätten: "Wir kommen auch ohne dich zurecht."

Ungewöhnlich waren wohl auch Niels H.s Gefühlsausbrüche. Dapunt erinnerte sich, wie Niels H. zwei Patienten in die Leichenhalle gebracht habe und in einem "völlig aufgelösten Zustand" zurückgekehrt sei. Auch sonst habe er sich "emotional stark berührt" vom Schicksal einiger Patienten gezeigt. Gerade im Pflegeberuf sei aber eine gewisse Sachlichkeit notwendig, so Dapunt.

"Mehrfach" habe er die Pflegedienstleitung auf das merkwürdige Verhalten des Pflegers hingewiesen. Die direkten Vorgesetzten von Niels H. hätten dessen überschwängliches Engagement jedoch "nicht negativ ausgelegt". Erst als Niels H. schließlich auf die Station für Kardioanästhesie versetzt worden war - und weiterhin bei reanimationspflichtigen Patienten auftauchte - trennte man sich von dem Krankenpfleger.

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