Zeugenvernehmung im NSU-Prozess: "Eine absolut professionelle Hinrichtung"

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Beate Zschäpe vor Gericht (Archiv): Witwe von NSU-Opfer sagt im Prozess aus

Als der Münchner Gemüsehändler Habil Kilic erschossen wurde, leitete Josef W. die ersten Ermittlungen. Nun hat der Ex-Polizist im NSU-Prozess ausgesagt. Von einem Nebenklage-Anwalt wurde er harsch angegangen. Die Witwe des Ermordeten klagt, mit dem Tod ihres Mannes habe sie alles verloren.

Habil Kilic hat die grüne Markise vor dem Gemüseladen seiner Frau in der Bad-Schachener-Straße gespannt, um die Ware gegen die Sonne zu schützen, der 29. August 2001 ist ein warmer Sommertag in München. Die ersten Kunden und Kundinnen kommen in das Geschäft, in dem es auch Obst und Süßigkeiten gibt. Eine findet den 38-Jährigen gegen 10.40 Uhr auf dem Boden liegend.

Um Kilic herum hat sich auf den weißen Fliesen eine Blutlache gebildet, das ist auf Fotos zu sehen, die nun im NSU-Prozess auf einer Projektionswand gezeigt werden. Kilic liegt ausgestreckt auf dem Rücken, sein Gesicht ist voller Blut.

Zwei Kugeln treffen Kilic, als er am Holztresen steht, abgefeuert aus einer Pistole vom Typ Ceska 83. Ein Projektil dringt in der linken hohen Wangenregion ein und durchschlägt den Gesichtsschädel, das zweite trifft den Hinterkopf, es tritt in der rechten zentralen Stirnregion wieder aus. Kilic stirbt während der späteren Rettungsbemühungen. "Es war eine absolut professionelle Hinrichtung", sagt Josef W. als Zeuge vor dem 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts (OLG). Der Kriminaloberrat a. D. hatte die ersten Ermittlungen in dem Fall geleitet.

Zwei Projektile, sonst nichts

Habil Kilic ist der vierte von insgesamt zehn Mordfällen, für die der NSU verantwortlich gemacht wird. Josef W. berichtet von den schwierigen Ermittlungen. "Jeder Quadratzentimeter" sei in und um den Gemüseladen herum abgesucht worden, die Erkennungsdienste seien "mehrere Tage zugange" gewesen, aber man habe am Tatort weder DNA-Spuren noch andere Hinweise auf die Täter finden können. Zwei Projektile, sonst nichts.

Man sei auch verschiedenen falschen Fährten gefolgt, berichtet der 66-Jährige. So habe es etwa Zeugenaussagen über einen verdächtigen Mann gegeben, der in einem Mercedes mit quietschenden Reifen davongefahren sei - das stellte sich später als Erfindung heraus. Andere Zeugen berichteten damals Josef W. zufolge von zwei jungen und sportlichen Männern auf modernen Fahrrädern, die "wie Kurierfahrer" gewirkt hätten, einer der beiden soll ein Headset getragen haben. Eine genauere Beschreibung konnten die Zeugen damals nicht liefern.

Die Ermittler fahndeten erfolglos nach den Radfahrern, auch Aufrufe in den Medien blieben ohne Ergebnis. "Wir mussten sie natürlich als Zeugen suchen, es gab keine Anhaltspunkte, dass sie die Täter sein konnten", sagt Josef W. vor Gericht. Inzwischen wisse man es besser. "Das waren die Täter."

Eine Polizeiwache nicht weit vom Tatort

Der Mord wird den Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zur Last gelegt. Die Täter müssen sich bei ihrem Vorgehen in der Bad-Schachener-Straße sehr sicher gefühlt haben: Nicht weit von dem Gemüseladen befindet sich eine Polizeidienststelle, viele Sicherheitsbeamte hätten in ihren Pausen in dem Laden eingekauft, so Josef W.

Der frühere Polizeibeamte trägt die meiste Zeit sehr nüchtern und sachlich vor. Ein Vertreter der Nebenklage bringt dann aber eine spürbare Schärfe in den Gerichtsaal. Er wirft Josef W. lautstark vor, die rechtsextremen Hintergründe der Tat nicht ausreichend geprüft zu haben. "Warum haben Sie nicht in diese Richtung ermittelt?", ruft der Rechtsanwalt.

"Wir sind keine, die auf dem rechten Auge blind sind", entgegnet der langjährige Mordermittler und rechtfertigt die Tatsache, dass die Polizei Verbindungen zum Drogenmilieu und zur organisierten Kriminalität prüfte. "Jetzt soll man mal bitte nicht so tun, als ob es keine türkische Drogenmafia gibt."

Es ist der Moment, in dem sich der Vorsitzende Richter Manfred Götzl zum Einschreiten gezwungen sieht. Er ermahnt den Rechtsanwalt der Nebenklage. Dieser möge sich gut überlegen, was er sage: "Jetzt regen Sie sich bitte ab."

"Er war ein sehr guter Mensch für mich"

Und dann sitzt nach der Pause am Nachmittag Pinar Kilic als Zeugin im Gerichtssaal, die Witwe von Habil Kilic. Sie war zum Tatzeitpunkt im Urlaub in der Türkei. Die 51-Jährige tut sich sichtlich schwer, vor Gericht über ihren Mann, seinen Tod und ihr heutiges Leben zu sprechen. "Er war ein sehr guter Mensch für mich", sagt sie. Wie es ihr nach dem Tod ihres Mannes ergangen sei, fragt der Vorsitzende Richter. Was wichtiger sei, entgegnet Pinar Kilic - ihr Schicksal, oder dass "diese Frau" eine Strafe bekomme? Kilics Blick wandert dabei zu Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten.

Sie habe praktisch alles verloren, berichtet Pinar Kilic: ihren Mann, ihre Freunde, ihr Geschäft. Immer wieder sei sie Verdächtigungen ausgesetzt gewesen. "Können Sie sich das vorstellen, was das heißt?" Den Laden habe sie damals aufgegeben, nach "dem Blutbad" in ihrem Geschäft habe sie dort nicht mehr arbeiten wollen. Pinar Kilic zog damals auch in eine andere Wohnung.

"Ich habe keine Nerven mehr, ich kann das nicht mehr", sagt die Witwe, ehe Richter Götzl für eine Pause unterbricht.

Beate Zschäpe wirft während der Aussagen von Pinar Kilic immer wieder einen Blick auf die Frau. Die meiste Zeit jedoch widmet sich die Angeklagte auch am 22. Verhandlungstag anderen Dingen: schenkt sich Wasser aus einem Tetrapak ins Glas, stützt ihren Kopf auf die linke Hand und schaut auf ihren Computer. Als die Bilder des blutüberströmten Habil Kilic gezeigt werden, hebt sich ihr Blick kein einziges Mal.

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