Fehlerhafte Brustimplantate: Tausendfacher Zorn

Aus Marseille berichtet Annika Joeres

Anklage gegen Jean-Claude Mas: "Aus Kostengründen" Zur Großansicht
AFP

Anklage gegen Jean-Claude Mas: "Aus Kostengründen"

In Frankreich startet der Prozess wegen der gepanschten Brustimplantate PIP: Hunderte Frauen werden nach Marseille reisen, um Jean-Claude Mas auf der Anklagebank zu sehen. Er hat ihre Gesundheit, ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Doch Reue ist von ihm nicht zu erwarten.

Einen solchen Ansturm von Opfern hat die Medizinwelt noch nicht gesehen: Am Mittwoch beginnt im südfranzösischen Marseille der Prozess gegen den Hersteller der mit billigem Industriegel gefüllten Brustimplantate PIP. Mehr als 5000 Trägerinnen aus aller Welt haben PIP-Gründer Jean-Claude Mas verklagt, viele hundert von ihnen werden in Marseille erwartet.

Wegen des großen Andrangs wird der Prozess wegen "schweren Betrugs" nicht im Gericht, sondern in den Messehallen von Marseille verhandelt - schließlich werden neben den Klägerinnen auch Betroffene aus Ländern wie Brasilien und Venezuela, ihre Anwälte und Hunderte Journalisten erwartet.

Es wird allerdings damit gerechnet, dass die Firma Poly Implant Prothèse (PIP) am ersten Tag versuchen wird, den Prozess wegen angeblicher Verfahrensfehler verschieben zu lassen. Ihre Verteidiger wollen Zeit gewinnen und hoffen, dass der mediale Andrang einige Wochen später geringer ausfällt.

"Mas soll es uns ins Gesicht sagen"

Bis heute zeigt Mas keine Reue. Der 73-Jährige hat laut Anklage unweit von Marseille mehr als zehn Jahre lang Brustimplantate verkauft, die gepanschtes Industriegel statt des deklarierten medizinischen Stoffes enthielten. In einer letzten Bilanz geht die französische Arzneibehörde ANSM von mehr als 6600 defekten Implantaten und rund 15.000 Frauen aus, die sich ihre Silikonkissen allein in Frankreich wieder entfernen ließen.

Auch geschätzte 5000 Frauen in Deutschland tragen oder trugen PIP-Implantate - anders als in Frankreich müssen sie aber individuell mit ihrer Krankenkasse über die einige tausend Euro teure Prothesenentfernung verhandeln.

Er habe dies "aus Kostengründen" gemacht, gab der Hauptangeklagte Mas in Verhören unumwunden zu. Fünf seiner Angestellten sitzen ebenfalls auf der Anklagebank. Sie sollen bei dem jahrelangen systematischen Betrug mitgeholfen haben.

Alexandra Blachère schlug als eine der ersten Frauen Alarm, auch sie wird am Mittwoch in Marseille sein. "Mas soll uns ins Gesicht sagen, dass er für ein paar dreckige Euro mehr unser Leben aufs Spiel setzte", so die Französin. Sie und weitere Betroffene wollen vor Gericht ihr Leiden bezeugen.

Geld ist von Mas nicht zu erwarten

Viele von ihnen sind traumatisiert, nehmen Schlafmittel oder Antidepressiva ein und wurden in der Familie oder bei der Arbeit verlacht. Blachère beklagt eine "Hetz-Stimmung" gegen die Opfer. "Wären uns falsche Hüftgelenke eingesetzt worden, würden die Menschen uns bemitleiden. Bei Brustprothesen reagieren viele hämisch", sagt Blachère.

Auch Mas hat sich bislang in Polizeiverhören skrupellos und ohne Reue gezeigt. Hinter der biederen Fassade des 73-Jährigen, einem Mann mit Halbglatze, Krawatte und Brille, verbirgt sich, da sind sich nicht nur die Frauen sicher, ein Betrüger, der bis zu 500.000 Frauen weltweit mit seinen gefährlichen Prothesen in Gefahr gebracht haben soll. Kunden überzeugte er gern, indem er laut Zeugenaussagen auf seinem Firmengelände im BMW mit Vollgas über eine Palette Implantate raste und feixte, dass sie niemals rissen.

Bislang nahm der Mann ohne jede medizinische Ausbildung kein Blatt vor den Mund. Die Opfer hoffen, in Marseille endlich ein Wort der Entschuldigung von ihm zu hören. Geld ist von ihm nicht zu erwarten. Seine Firma hat Insolvenz angemeldet - kurz nachdem seine Prothesen 2010 vom Markt genommen wurden.

Französinnen steht ein staatlicher Entschädigungsfonds für Opfer medizinischer Fehler zur Verfügung. Die Höchstsumme beträgt 4200 Euro. "Viele Leben sind zerstört. Die Europäische Union müsste für die Entschädigung sorgen - schließlich hat sie durch laxe Kontrollen so einen Betrug erst ermöglicht", so Blachère. Zuletzt hatten deutsche Experten gewarnt, die Versprechen der Politiker für bessere Kontrollen seien nicht ausreichend.

Anwalt kritisiert fehlende Aufklärung der Ärzte

Mas hat das billige Silikon in Containern neben seiner Firma versteckt, sobald sich der deutsche TÜV Rheinland anmeldete, seine selbstgewählte Prüfinstanz. Der TÜV hatte seinerseits bereits Anfang 2011 Strafanzeige wegen Betrugs gestellt und tritt in Marseille als Nebenkläger auf. Viele französische Opfer wollen den TÜV lieber auf der Anklagebank sehen.

Dem widerspricht sein französischer Anwalt Olivier Gutkès. "Wir können nicht mehr machen als die Gesetze uns vorschreiben. Dagegen würden sich die zu prüfenden Firmen gerichtlich wehren können."

Tatsächlich will die Europäische Kommission erst in diesem Sommer einen Vorschlag für neue Medizinprodukte-Richtlinien vorlegen - ursprünglich war dies schon für 2012 geplant. "In Deutschland werden die Interessen der Firmen immer noch höher eingeschätzt als die Gesundheit der Verbraucher", sagt Medizinrechtler Michael Graf. Seine Kanzlei vertritt drei Frauen, die in München und Karlsruhe gegen ihre Ärzte, den TÜV, die PIP-Firma und deren Lieferanten vor Gericht ziehen.

Der Jurist vermisst nach diesem "abscheulichen Skandal" auch ein verantwortungsvolleres Verhalten der Ärzte. "Sicherlich würde die Hälfte der interessierten Frauen vor einer Schönheits-OP zurückschrecken, wenn sie vernünftig über die Risiken aufgeklärt würden", so Graf. Vielleicht wird auch der Prozess in Marseille viele Frauen vor künftigen Operationen warnen. Ein Urteil soll Mitte Mai fallen.

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insgesamt 15 Beiträge
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    Seite 1    
1. Kein Titel
wll 16.04.2013
Was soll bitte schon wieder die beschönigende Wortwahl? "Fehlerhaft" heißt IMHO, man wollte ein ordnungsgemäßes Produkt herstellen und es ist unbeabsichtigt etwas schiefgegangen. In diesem Fall war aber von Anfang an ein Betrug an den Kundinnen geplant. Hier sollte man das Kind beim Namen nennen und von "gefälschten" Implantaten sprechen. Bei Arzneimitteln und Flugzeugteilen ist diese Wortwahl ja auch üblich...
2. Minderwertige Implantate sind ne Sauerei, aber ...
bitboy0 16.04.2013
... alleine 15.000 Frauen haben sich das Zeug in Frankreich wieder entnehmen lassen ... demzufolge vorher implantieren lassen?! Und dazu kommen sicher noch viele mehr, die Implantate andere Hersteller haben... dazu noch ganz viele auf der Welt? Ladies ... das ist doch nun wirklich nicht nötig sich einem schrägen Ideal von Frau hinzugeben! Ich als Mann lasse mir auch kein Sixpack implantieren oder einen Bizeps. In wenigen Ausnahmefällen, z.B. nach Brustkrebs, ist das sicher eine Option, aber doch nicht in der Anzahl? Man kann ja etwas für eine gute Figur machen, aber so eine Sucht nach "großen Dingern" kann irgendwo nicht richtig sein und macht die falschen Leute reich!
3. Das ist ja alles schlimm aber...
spon-facebook-1314890360 16.04.2013
Wir reden hier von Brustimplantaten. Das haben sich Frauen freiwillig machen lassen damit sie schöner aussehen. Das waren keine Notfälle wo es um Leben oder Tod ging, sondern einfach darum schönere Brüste zu haben. Viel Geld für "schönere" Brüste auszugeben, man kann sich darüber streiten ob das jetzt moralisch vertretbar ist wo man mit dem gleichen Geld so viel Gutes für diese Welt tun könnte. Die Frau im Artikel hat es auf den Punkt gebracht, nur steht sie auf der "falschen" Seite. Ja bei Hüftgelenken hätte man mit Mitleid. Aber wer eine kaputte Hüfte hat der verdient das Mitleid auch. Er/Sie kann da nichts für. Wärenddessen sind Brustimplantate überflüssig und dienem keinem wichtigen Zweck. Insofern finde ich die Häme sehr gut nachvollziehbar. Außerdem ist noch zu sagen, dass Frauen die sich die Brüste machen lassen wahrscheinlich auch andere Kosmetikprodukte nutzen. Vielleicht sollten sie sich mal über die Nebenwirkungen dieser Produkte aufklären zu lassen und über die Umstände unter denen diese produziert/getestet wurden.
4. Für mich sind solche Menschen, wie hier der Täter
musikimohr 16.04.2013
Für mich sind solche Menschen, wie hier der Täter schlicht krank. Es sind Soziopathen: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91346602.html
5.
altebanane 16.04.2013
Zitat von bitboy0In wenigen Ausnahmefällen, z.B. nach Brustkrebs, ist das sicher eine Option, aber doch nicht in der Anzahl?
10% aller Frauen bekommen irgendwann Brustkrebs. Das wären dann alleine in Deutschland 8 Millionen.
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