Hamburger Piratenprozess Staatsanwaltschaft fordert bis zu zwölf Jahre Haft

Der mutmaßliche Kommandeur der Piraten soll für zwölf Jahre ins Gefängnis, die Mitangeklagten für mindestens viereinhalb Jahre: Im Hamburger Prozess gegen zehn wegen Schiffsentführung angeklagte Somalier hat die Staatsanwaltschaft plädiert - durchaus überraschend.

dapd

Von Simone Utler


Hamburg - Es ist ein Mammutverfahren. Seit November 2010 wird zehn Somaliern in Hamburg wegen erpresserischen Menschenraubs und Gefährdung des Seeverkehrs der Prozess gemacht. 20 Verteidiger sind anwesend, jedes gesprochene Wort muss übersetzt werden. Nun scheint das Verfahren dem Ende entgegenzugehen. Die Staatsanwaltschaft hat ihr Plädoyer gehalten.

Darin forderte die Anklagebehörde langjährige Haftstrafen für die Piraten. Für den Überfall auf den deutschen Frachter "Taipan" am Ostersonntag 2010 sollen die sieben erwachsenen Angeklagten für sechs bis zwölf Jahre ins Gefängnis, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers, sagte. Für die drei angeklagten Jugendlichen und Heranwachsenden forderte die Anklagebehörde vier bis fünfeinhalb Jahre Jugendstrafe.

Damit bekräftigte die Staatsanwaltschaft weitgehend ihre Forderungen vom Januar. Damals hatte sie bereits plädiert. Wegen weiterer möglicher Zeugen aus Indien und des Geständnisses eines der Angeklagten, verhandelte das Gericht jedoch weiter.

Das Geständnis und die daraus gewonnenen Erkenntnisse hatten tatsächlich Einfluss auf das nun gehaltene Plädoyer. "In zwei Fällen ist die Staatsanwaltschaft von den damaligen Forderungen abgewichen", sagte Möllers. Einer der Angeklagten gilt aufgrund des Geständnisses seines Mitangeklagten als Kommandeur des Angriffs und soll jetzt für zwölf statt zehn Jahre hinter Gitter.

"Überzeugender Einblick in Piratenattacken"

Für den Somalier, der vor Gericht ausgepackt hatte, senkte die Staatsanwaltschaft ihre Forderung für das Strafmaß von acht auf sechs Jahre. Entscheidend sei neben dem Geständnis die Aufklärungshilfe gewesen, die der Angeklagte geleistet habe. "Er hat uns damit einen überzeugenden Einblick in Ausmaß und Strukturen der Piratenattacken geliefert", so Möllers.

Laut Aussage des Mannes gab es bei dem Angriff auf die "Taipan" eine klare Rollenverteilung. Er selbst sei als Dolmetscher angeheuert worden, um mit der Besatzung zu sprechen. Seine Komplizen hätten von den Hintermännern des Überfalls Kalaschnikow-Sturmgewehre und Panzerfäuste erhalten. Zur Aufteilung eines Lösegeldes und zum Umgang mit Geiseln seien vor der Kaperfahrt präzise Absprachen getroffen und in Verträgen festgeschrieben worden.

Die zehn Angeklagten sollen das Hamburger Frachtschiff mehr als 530 Seemeilen (rund 980 Kilometer) vor dem somalischen Festland beschossen und gekapert haben. Ein niederländisches Marinekommando konnte die 15-köpfige Besatzung befreien, die zehn mutmaßlichen Piraten wurden an Bord des Containerfrachters festgenommen und später an die deutsche Justiz übergeben. Es ist das erste Mal, dass mutmaßliche Seeräuber aus Somalia vor einem deutschen Gericht stehen.

Termin für Urteile noch nicht bekannt

Das Plädoyer kam am Donnerstag für alle überraschend. Seit Wochen hatte der Staatsanwalt seinen Abschlussvortrag dem Behördensprecher zufolge vorbereitet und angekündigt, ihn zeitnah halten zu wollen. Das genaue Datum war jedoch nicht bekannt.

Die Staatsanwaltschaft ließ es sich nicht nehmen, einige der 20 Verteidiger für ihre "Verzögerungstaktik" zu rügen. "Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätte die Beweisaufnahme bereits im Sommer 2011 abgeschlossen werden können", betonte Behördensprecher Möllers. Unnötig seien beispielsweise der zu Prozessbeginn wochenlang geführte Streit über die Altersfrage einiger Angeklagter sowie die endlose Befragung einiger niederländischer Zeugen gewesen. Auch die Befragung der Sachverständigen zu den allgemeinen Verhältnissen in Somalia sei überdehnt worden. Insgesamt seien mehr als 200 Beweisanträge gestellt worden, die das Gericht fast alle abgewiesen habe, so Möllers.

Die Anwälte hatten seit dem ersten Prozesstag besonders auf die schwierigen Lebensumstände in Somalia abgestellt. Die Verteidigung sollte noch am Nachmittag mit ihren Plädoyers beginnen. Gerichtssprecher Conrad Müller-Horn rechnete jedoch nicht damit, dass alle 20 Anwälte ihre Anträge noch an diesem Tag abschließend vortragen würden. Wann das Gericht die Urteile verkünden wird, konnte er nicht sagen.

Drei der zehn Angeklagten waren Mitte April aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Das Gericht hatte die Haftbefehle gegen die somalischen Jugendlichen und Heranwachsenden aufgehoben, weil die Verhältnismäßigkeit nach fast zwei Jahren U-Haft nicht mehr gegeben war.

mit Material von dpa

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
deccpqcc 06.09.2012
1.
Zitat von sysopdapdDer mutmaßliche Kommandeur der Piraten soll für zwölf ins Gefängnis, die Mitangeklagten für mindestens viereinhalb Jahre: Im Hamburger Prozess gegen zehn wegen Schiffsentführung angeklagte Somalier hat die Staatsanwaltschaft plädiert - durchaus überraschend. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,854317,00.html
ui ui, der staatsanwalt fordert haftstrafen. da hört man die herrschaften von der piratenversteher-industrie ja jetzt schon aufheulen. ob die 20 rechtsanwälte (pro pirat 2 pflichtverteidiger, man gönnt sich ja sonst nix) mit ihren plädoyers nun schnell zu potte kommen ist wohl kaum zu erwarten. wenn man seit 2010 recht üppig von dieser ganzen farce lebt hat man wohl kaum ein interesse daran das ganze schnell zu beenden.
peschko 07.09.2012
2. Tja
Zitat von sysopdapdDer mutmaßliche Kommandeur der Piraten soll für zwölf ins Gefängnis, die Mitangeklagten für mindestens viereinhalb Jahre: Im Hamburger Prozess gegen zehn wegen Schiffsentführung angeklagte Somalier hat die Staatsanwaltschaft plädiert - durchaus überraschend. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,854317,00.html
Im Grunde ärgern mich die mit diesem Akt über Jahre verbundenen Ausgaben. Auch verstehe ich die Korrelation zwischen Lebensumständen und der Straftat nicht - es handelt sich hierbei nicht um Mundraub. Piraten kapern Schiffe, um Geld bezüglich Fracht und Personal zu erpressen. Wäre das Personal unerpressbar, würden die Piraten es wohl über Bord werfen....(bitte diesbezüglich keine Interpretationen, wir leben in einem "Gott-sei-Dank" Rechtsstaat) Was passiert eigtl. mit den aus der U-Haft entlassenen und denjenigen, die ihre Strafe nach nach etlichen Jahren rechtlich verbüßt haben? Um die mit diesem Akt verbundenen Kosten zu decken, würde ich empfehlen, die Gefangenen der deutschen Sprache zu unterrichten und ihnen ferner eine Ausbildung zu ermöglichen. Sollten die Gefangenen clever genug sein und zielstrebig lernen, so könnten sie nach Haftentlassung vernünftige Arbeit finden und dadurch implizit die Kosten decken... quasi der Weg vom Pirat zum wertvollen Mitglied der Gesellschaft. Ob das gelingen kann? Naja, vielleicht ist diese Überlegung auch völliger Unsinn, denn damit wäre indirekt auch der Anreiz zur Piraterie deutscher Schiffe geschaffen. In vielen Fällen ist es wohl nicht so leicht, Nutzen und Aufwand im Vorfeld zu planen.
maledicto 08.09.2012
3. tite
Zitat von deccpqccui ui, der staatsanwalt fordert haftstrafen. da hört man die herrschaften von der piratenversteher-industrie ja jetzt schon aufheulen. ob die 20 rechtsanwälte (pro pirat 2 pflichtverteidiger, man gönnt sich ja sonst nix) mit ihren plädoyers nun schnell zu potte kommen ist wohl kaum zu erwarten. wenn man seit 2010 recht üppig von dieser ganzen farce lebt hat man wohl kaum ein interesse daran das ganze schnell zu beenden.
Ach wissen Sie... Strafe muss schon sein, allerdings finde ich es vollkommen richtig, dass die Lebenssituation in Somalia beleuchtet wird, um die Hintergründe der Taten besser verstehen und gerechter urteilen zu können. Es werden wohl sehr wenige "Piratenversteher" (ist Ihre Shift-Taste eigentlich defekt oder sind Sie nicht der Groß- und Kleinschreibung mächtig?) "aufheulen", weil es den Piraten in einem deutschen Gefängnis wohl wesentlich besser gehen wird als in Somalia - abgesehen vom Entzug der Freiheit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.