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22. Februar 2013, 15:24 Uhr

Sportstar unter Mordverdacht

Pistorius kommt gegen 85.000 Euro Kaution frei

Oscar Pistorius steht unter Mordverdacht, doch vorerst ist er ein freier Mann: Das Gericht in Pretoria hat einem Antrag der Verteidigung stattgegeben. Gegen eine Kaution von etwa 85.000 Euro und unter strengen Auflagen darf der Sportstar den Polizeigewahrsam verlassen.

Pretoria - Erleichterung im Lager von Oscar Pistorius: Der unter Mordverdacht stehende Sportler kommt gegen Kaution frei. Das hat das Magistratsgericht von Pretoria entschieden. Fast zwei Stunden lang erläuterte Richter Desmond Nair alle Aspekte der vergangenen Anhörungen - als er seinen Entschluss schließlich verkündete, war im Gerichtssaal ein lautes "Yes" zu hören. Pistorius weinte.

Die Höhe der Kaution beträgt eine Million südafrikanische Rand - umgerechnet rund 85.000 Euro. Nach eigenen Angaben verdient Pistorius jährlich knapp eine halbe Million Euro. Am 4. Juni muss er erneut vor Gericht erscheinen und bis dahin eine Reihe von Auflagen erfüllen:

Ein entscheidender Punkt für die Freilassung war eine mögliche Fluchtgefahr. Pistorius habe die Mittel, das Land zu verlassen - so hatte die Staatsanwaltschaft argumentiert. Der weltberühmte Angeklagte solle keine Sonderbehandlung erfahren. Die Verteidigung hatte diese Annahme zurückgewiesen: Der beinamputierte Sportler habe weder die Absicht noch die Möglichkeit Südafrika unerkannt zu verlassen.

Richter Nair folgte der Sicht der Verteidigung: Es besteht seiner Meinung nach kein Fluchtrisiko.

Weitere Punkte, die laut Nair für eine Freilassung gegen Kaution sprechen:

Diese Punkte wertete der Richter zusammengenommen höher als die seiner Meinung nach berechtigte Anklage der Staatsanwaltschaft wegen "premeditated murder" ("vorsätzlicher Mord"), bei der eine Kaution nur unter außergewöhnlichen Umständen gewährt werden kann. Auch die ausführliche eidesstattliche Erklärung von Pistorius würdigte der Richter.

Pistorius hatte seine Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag durch die geschlossene Toilettentür in seinem Haus erschossen. Er habe sie für einen Einbrecher gehalten, beteuerte der 26-Jährige. Es sei ein schreckliches Versehen gewesen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm jedoch Vorsatz vor.

Verteidigung spricht von fahrlässiger Tötung

"Ich sage nicht, der Mord war Tage oder Wochen vorher geplant", so Staatsanwalt Gerrie Nel in seinem Schlussstatement am Vormittag. Aber Pistorius habe töten wollen. Der 26-Jährige müsse sich darüber im Klaren sein, dass in seinem Fall eine lange Haftstrafe "nahezu garantiert" sei.

Pistorius-Anwalt Barry Roux hatte hingegen von "culpable homicide" gesprochen - was mit einer fahrlässigen Tötung im deutschen Strafrecht vergleichbar ist. Er betonte noch einmal, Pistorius habe Steenkamp nicht töten wollen. Schon in den vergangenen Tagen hatte Roux die seiner Ansicht nach schwachen Beweise der Mordanklage bemängelt.

Die Kautionsverhandlung dauerte mit insgesamt fünf Anhörungen ungewöhnlich lange. Großes Aufsehen erregte auch der umstrittene Chefermittler Hilton Botha. Zunächst machte er bei seiner Befragung keine gute Figur. Dann wurde bekannt, dass er im Mai selbst vor Gericht erscheinen muss. Die Polizei entzog ihm schließlich die Leitung der Ermittlungen im Fall Pistorius.

Auch Richter Nair kritisierte in seiner Kautionsbegründung die Arbeit der Polizei deutlich. Bei den Ermittlungen seien Fehler begangen worden, so der Richter.

Man sei erleichtert über die Entscheidung des Richters, teilt der Onkel von Oscar Pistorius im Namen der Familie mit. "Wir wissen, dass Oscars Version der Wahrheit entspricht", sagte er. Diese werde auch im Prozess bestehen.

hut/dpa/AFP/AP

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