Pretoria - Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf den Fall Oscar Pistorius haben wird, ist noch gar nicht in vollem Ausmaß zu erfassen. Klar ist aber schon jetzt: Die südafrikanische Polizei steht schlecht da, die Aufklärung eines der derzeit größten Kriminalfälle könnte gefährdet sein. Die Behörde muss möglicherweise den für die Ermittlungen verantwortlichen Polizisten Hilton Botha von dem Fall abziehen. Mehreren südafrikanischen Medien zufolge wird dies derzeit von den Ermittlungsbehörden diskutiert.
Die Nationale Anklagebehörde (NPA) teilte mit, Botha solle abgelöst werden. Der Beamte könne nicht "mit dem Fall weitermachen", zitierte der örtliche Radiosender Eyewitness News einen Sprecher. Die Behörde stellte aber klar, die Entscheidung sei Sache der Polizei. Die wiederum teilte mit, Botha sei "im Moment noch mit dem Fall befasst".
Zuvor war bekannt geworden, dass Botha im Mai wegen siebenfachen Mordversuchs vor Gericht erscheinen muss. Botha und zwei weitere Beamte hätten im Oktober 2011 Schüsse auf einen Minivan abgegeben, in dem sieben Personen gesessen hätten, sagte Polizeisprecher Malila. Daher laute der Vorwurf auf siebenfachen Mordversuch.
Den Darstellungen des Polizeisprechers zufolge handelte es sich dabei aber eher um Schusswaffengebrauch im Polizeieinsatz als tatsächlich um versuchten Mord. "Botha und zwei Kollegen versuchten nach eigenen Angaben ein Minibus-Taxi mit sieben Personen zu stoppen. Sie gaben Schüsse ab", beschrieb Malila den Vorfall. Lokalmedien zufolge verfolgte Botha zu diesem Zeitpunkt einen Mann, der beschuldigt war, eine Frau ermordet und zerstückelt zu haben.
Über die Gründe, warum das Verfahren gerade jetzt bekannt wurde, kann zu diesem Zeitpunkt lediglich spekuliert werden. Er könne sich nur vorstellen, dass es etwas mit seiner aktuellen Arbeit zu tun habe, sagte Botha dem Fernsehsender eNCA.
Die Anklagebehörde NPA weist einen Zusammenhang jedoch zurück: "Die Entscheidung, den Fall wieder aufzurollen, wurde am 4. Februar getroffen - weit bevor Pistorius unter Verdacht stand oder Reeva Steenkamp getötet wurde", sagte NPA-Sprecher Medupe Simasiku. "Das hat nichts mit diesem Verfahren zu tun."
Botha soll ohne Schutzschuhe am Tatort gewesen sein
Auch im Zusammenhang mit den Ermittlungen im Fall Pistorius werden schwere Vorwürfe gegen den Beamten erhoben, der als Erster in der Nacht, in der Reeva Steenkamp erschossen wurde, im Haus des Sportlers eintraf. Unter anderem soll Botha ohne Schutz über seine Schuhe zu ziehen, am Tatort herumgelaufen sein und ihn damit verunreinigt haben.
Botha hatte am Mittwoch in der Kautionsverhandlung im Fall Pistorius keine gute Figur abgegeben. Er verstrickte sich in Widersprüche und musste einräumen, dass die Behörden keine Beweise hätten, welche die Aussage des Sprinters widerlegen könnten. Der unterschenkelamputierte Profisportler gibt an, seine Freundin versehentlich getötet zu haben. Er habe in der Nacht gemeint, ein Einbrecher befinde sich hinter der verschlossenen Toilettentür, auf die er dann gefeuert habe.
Dem widerspricht die Staatsanwaltschaft: Pistorius habe Steenkamp geplant und gezielt ermordet. Vor den tödlichen Schüssen habe es einen Streit zwischen dem Paar gegeben.
Botha ermittelte schon 2009 gegen Pistorius
Am Donnerstagmorgen wurde Pistorius in einem Polizeiwagen zur dritten Anhörung vor dem Magistratsgericht gebracht. Dort soll nun über eine Entlassung auf Kaution entschieden werden.
Zunächst wollte der Richter aber auch Botha noch einmal befragen. Dabei ging es unter anderem um einen Vorfall aus dem Jahr 2009. Eine Frau hatte Pistorius beschuldigt, sie angegriffen zu haben - schon damals ermittelte Botha. Ergebnis: Die Frau hatte sich selbst verletzt, als sie gegen die Tür des Athleten getreten hatte.
Die Ermittlungen gegen Botha wegen der Schüsse kamen bei der Befragung nicht zur Sprache. Pistorius-Verteidiger Barry Roux machte noch einmal deutlich, dass die Anklage seiner Meinung nach desaströse Mängel und schwache Beweise aufweist.
Am Vormittag teilte Nike mit, man werde den Vertrag mit Pistorius ruhen lassen - gekündigt ist er aber nicht. "Nike hat seinen Vertrag mit Oscar Pistorius ausgesetzt", heißt es in einer Mitteilung. "Wir glauben, dass man Oscar Pistorius ein ordentliches Gerichtsverfahren ermöglichen sollte und wir werden die Lage weiter sehr genau beobachten."
siu/hut/AP/AFP/dpa
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