Mordprozess in Pretoria Arzt berichtet von Pistorius' Tränen am Tatort

Oscar Pistorius kniete weinend neben der sterbenden Reeva Steenkamp und betete - so beschreibt es ein Arzt im Mordprozess gegen den Sprinter. Einem anderen Zeugen wirft der Anwalt des Sportlers vor, Aussagen manipuliert zu haben.

Angeklagter Pistorius: Ohren bei Zeugenaussage zugehalten
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Angeklagter Pistorius: Ohren bei Zeugenaussage zugehalten


Pretoria - Ein Arzt hat im Mordprozess gegen Oscar Pistorius beschrieben, wie er den Angeklagten am Tatort vorfand. "Ich habe sie erschossen, ich dachte, sie wäre ein Einbrecher und ich habe sie erschossen", sagte Pistorius dem Mediziner Johan Stipp zufolge, als dieser am Tatort eintraf. Pistorius habe laut gebetet und Gott angefleht, sie möge nicht sterben, sagte Stipp. Weinend habe er gesagt, er würde sein Leben geben, wenn Reeva nur durchkäme.

Der Arzt gehörte zu den ersten Einsatzkräften am Tatort. "Es war offensichtlich, dass sie tödlich verwundet war", sagte Stipp. "Ich ging auf sie zu, und als ich mich herunterbeugte, habe ich bemerkt, dass links von ihr ein Mann kniete. Er hatte seine linke Hand auf ihrer rechten Leiste und zwei Finger seiner rechten Hand in ihrem Mund." Offenbar habe Pistorius Steenkamp beim Atmen helfen wollen.

Pistorius ist wegen Mordes an Steenkamp angeklagt. Er sagt, er habe seine Freundin am frühen Morgen des 14. Februar 2013 aus Versehen durch eine geschlossene Toilettentür erschossen, weil er einen Einbrecher in dem WC vermutet hatte. Dem 27-Jährigen gingen Stipps Schilderungen offensichtlich nahe. Auf der Anklagebank beugte er sich während der Aussage nach vorne und hielt sich beide Ohren zu.

Anwalt und Zeuge liefern sich Schlagabtausch

Der beidseitig unterschenkelamputierte Pistorius habe seine Prothesen nicht getragen, sagte Stipp. Dies könnte in dem Verfahren wichtig werden, weil es Pistorius' Behauptung stützen würde, er habe in Panik gehandelt. Laut Staatsanwaltschaft hingegen legte er seine Prothesen an, bevor er Steenkamp erschoss. Ein südafrikanischer TV-Sender wiederum hatte über eine Ballistik-Analyse berichtet. Demnach wurden die Schüsse durch die Toilettentür so abgegeben, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass Pistorius auf seinen Beinstümpfen gestanden habe - was sich mit der Aussage Stipps deckt.

Pistorius' Anwalt Barry Roux hatte sich zuvor einen Schlagabtausch mit einem anderen Zeugen geliefert. Roux warf Charl Johnson vor, Aussagen gegenüber der Polizei manipuliert zu haben, um den Angeklagten zu belasten und Übereinstimmung mit der Aussage der Zeugin Michelle Burger, Johnsons Frau, zu erzielen. Burger hatte am ersten Prozesstag ausgesagt und Pistorius schwer belastet.

Nun versuchte Roux, Johnsons Angaben zu zerpflücken. Dem Anwalt zufolge waren die Angaben des Paares zunächst vage und widersprüchlich, etwa in Notizen, die Wochen nach der Tat gemacht worden seien. Später hätten sich Burgers und Johnsons Erinnerungen verdächtig einander angenähert. "Ihre Absicht ist es, den Angeklagten ins Abseits zu stellen und zu belasten", sagte Roux. "Das ist bedauerlich."

"Angst in der Stimme der Frau"

"Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich Schüsse gehört habe", sagte Johnson. Er wirkte auf Prozessbeobachter gefestigter als bei seinem ersten Auftritt im Zeugenstand am Mittwoch. Er sei sicher, die Stimme einer Frau gehört zu haben. "Ich habe keinen Grund, eine belastende Aussage zu erfinden."

Roux will Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugen wecken, die Pistorius belasten. Der Anwalt argumentiert, Burger und Johnson täuschten sich darüber, was sie in der Tatnacht gehört haben. Was das Paar als Schüsse interpretiere, sei tatsächlich der Lärm gewesen, als Pistorius die Toilettentür mit seinem Cricketschläger zertrümmert habe. Burger und Johnson leben knapp 180 Meter vom Tatort entfernt.

"Die Angst in der Stimme der Frau hob sich von einer sehr monotonen männlichen Stimme ab", sagte Johnson. "Der Mann klang beinahe peinlich berührt, dass er um Hilfe rufen musste." Johnson musste allerdings auf Nachfrage von Roux einräumen, dass er niemals eine Frauen- und Männerstimme gleichzeitig gehört habe. Der Anwalt will damit verdeutlichen, dass eine Person - Pistorius - geschrien habe. Am zweiten Verhandlungstag hatte der Anwalt gesagt, Pistorius' Stimme klinge wie die einer Frau, wenn der Sprinter Angst habe.

Derlei Details könnten in dem Prozess entscheidend werden. Laut Anklage sollen sich Steenkamp und Pistorius laut gestritten haben - was sich in gleichzeitigen Schreien geäußert hätte.

ulz/AP/dpa

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zahnluecke 06.03.2014
1. Er würde sein leben geben, wenn Reeva durchkommt
Was für eine Schmierenkomödie, OJ läßt grüßen. Eine Passantin sagte gestern im TV er wird freikommen, weil man ihm nichts nachweisen kann. Wozu also das ganze Theater.
Lord Chester 06.03.2014
2. Was soll das Theater?
Fahrlässige Tötung hat er schon gestanden. Was ihm aber keine Vorteile bringt. Totschlag im Affekt*. 1- 10 Jahre nach nach deutschem Recht. Nach 6 Jahren ist er selbst bei Höchststrafe raus. Die fahrlässige Tötung ergibt max. 5 Jahre nach deutschem Recht. Und in diesem Fall gibt´s Max. Weil der Anwalt verhandlungstaktisch alles falsch macht. Der reuige Sünder bekommt immer Rabatt. Wer versucht, die Richter für dumm zu verkaufen, bekommt den Zorn zu spüren. So sind eben Menschen. *§ 213 Minder schwerer Fall des Totschlags. Es lag vorher ein Streit mit schweren Beleidigungen vor :"Krüppel. Rennen kannst ja, aber im Bett bist Du noch schneller. Etc.".
Nabob 06.03.2014
3. Die aussichtslose Situation von Pistorius
Zitat von sysopREUTERSOscar Pistorius kniete weinend neben der sterbenden Reeva Steenkamp und betete - so beschreibt es ein Arzt im Mordprozess gegen den Sprinter. Einem anderen Zeugen wirft der Anwalt des Sportlers vor, Aussagen manipuliert zu haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/pistorius-prozess-arzt-berichtet-von-traenen-neben-der-leiche-a-957268.html
wird von einem unrealistischen Verteidiger missbraucht, um sich in den Vordergrund zu schieben. Wie viel bekommt er von den Medien dafür? Wenn er Pech hat, reißt er Pistorius nur tiefer hinein, als er ohnehin schon steckt. Man kann den Sachverhalt aus allen möglichen Perspektiven betrachten, Pistorius sind in allen schlecht aus. Aber Strafprozesse mit prominenten Angeklagten haben offenkundig ihren eigentlichen Zweck längst verlassen; die Justiz sieht machtlos zu oder springt auf den Wagen der Egozentrik, wie einst in Mannheim und nun jüngst in Hannover. Also auch in Südafrika. Was geht es eigentlich die Öffentlichkeit in Strafprozessen etwas an, wer warum wann etwas wie getan haben könnte und warum was dagegen und was dafür spricht; das bleiben allein juristische Bewertungen und selbst da gibt es bei drei Juristen fünf Meinungen. Jedenfalls sollte nicht das Aufgegeile der Medien im Vordergrund stehen.
margitseitz1 06.03.2014
4. Wenn der Mord Absicht war, dann sind auch die Tränen geschauspielert
Er behauptet einen harmonischen Abend mit seiner Freundin gehabt zu haben. Dazu in Widerspruch stehen die Hilferufe von ihr, die Zeugen gehört haben. D. h. er lügt, er hatte keinen harmonischen Abend. D. h. seine übrigen Aussagen sind auch erfunden. Dass er gegenüber einem Zeugen, also dem Arzt, dann so tut, als wäre alles eine Verwechselung, ist dann nur logisch. Er wußte in dem Moment, als er durch die Toilettentür Schüsse abgab schon, wie er diesen Mord darstellen würde. Ich glaube ihm nicht.
freethefreedomofpress, 06.03.2014
5. Recht =|= Gerechtigkeit
Dass ein Mord im Affekt oftmals zu Tränen am Tatort führt, ist nichts neues, das sollte der Staatsanwalt auch durch die Aussage eines psychologischen Gutachters belegt bekommen. So gesehen kein Beweis der Unschuld. Warum es einen Unterschied macht, ob der mutmaßliche Mörder seine Prothesen anzog oder nicht, leuchtet mir nicht ein. Viel mehr möchte ich wissen, warum ein Verdächtiger mit einer Aussage davon kommt, wonach er einen Einbrecher in der abgesperrten Toilette vermutet hat, obwohl dieser Raum kein Fenster hat, durch das etwas wesentlich größeres als eine Ratte durchgepasst hätte. Ein Einbruch durch das Klo-Fenster war also so gut wie unmöglich. Also ist der Einbrecher durch das offene Badezimmer-Fenster rein, gleich ins Klo, hat sich dort eingesperrt? Pistorius geriet in Panik und erschoss ihn durch die Türe, ohne überhaupt zu schauen, wo seine Frau war? Warum das ganze Geschrei, wenn so der Ablauf war?? Seine Geschichte ergibt überhaupt keinen Sinn. Was wurde eigentlich aus der These, wonach der erste Schuss vom Bett aus gefeuert wurde, was wurde aus dem blutbefleckten Cricket-Schläger? Ermittlungspfusch³ Im Vergleich zum OJ Simpson Fall kann man hier wohl froh sein, dass wenigstens keine rassistischen Untertöne mitschwingen.
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