Fall Reeva Steenkamp Staatsanwalt demontiert Pistorius-Zeugen

Am 24. Verhandlungstag war der wegen Mordes angeklagte Oscar Pistorius nur Zuschauer. Was er sah, kann ihm nicht gefallen haben: Staatsanwalt Gerrie Nel knöpfte sich den Forensik-Experten der Verteidigung vor.

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Es geht um eine einzige Frage: Die Verteidigung des wegen Mordes beschuldigten Sportlers Oscar Pistorius steht und fällt damit, ob er seine Lebensgefährtin Reeva Steenkamp versehentlich oder absichtlich erschoss. Pistorius beharrt auf der Darstellung, es sei ein Irrtum, ein Unfall gewesen. Seine Anwälte haben Experten beauftragt, ein Tatszenario zu rekonstruieren, das diese Darstellung plausibel macht.

Einer der wichtigsten davon ist Roger Dixon, der für die Pistorius-Verteidigung am Mittwoch als forensischer Experte im Prozess in Pretoria aussagt. Dixons Aufgabe: Die Schuss- und andere Gewalteinwirkungsspuren am Opfer, an der Tür zum Badezimmer und im Bad selbst, wo Reeva Steenkamp starb, mit den Aussagen von Zeugen in Einklang zu bringen. Die wollen Schüsse und Schreie gehört haben.

Da wird etwa jeder Schlagwinkel im Holz der Tür gemessen und besprochen: Pistorius will sie mit einem Cricketschläger bearbeitet haben, um sie aufzubrechen. Da wird über die Reihenfolge von Einschüssen und über Holzsplitter in Wunden debattiert: Stammen sie von der Tür oder eher von einem hölzernen Wandregal, auf das Steenkamp fiel? Stundenlang geht das so.

Chefankläger Gerrie Nel, in Südafrika "Pitbull" genannt, macht seinem Namen alle Ehre: Mit demonstrativem Grimm knöpft er sich Dixon vor, stellt dessen Glaubwürdigkeit in Frage. "Warum sagen Sie jetzt: 'Soweit ich weiß'?", geht er den Zeugen einmal an. Oder: "Was soll 'So wie ich das verstehe' bedeuten?"

Die Taktik scheint klar: Nel fordert vom Akademiker Dixon Klarheiten und Absolutheiten ein, wo der nur Wahrscheinlichkeiten formulieren kann. Schnell wirken dessen Antworten entsprechend diffus. Aus der Zeugenaussage wird ein hartes Verhör: "Ich frage Sie jetzt zum dritten Mal", unterbricht Nel einmal in schneidendem Ton und verpackt seine Attacke in einen Nebensatz: "Und bei einem Experten finde ich es bedenklich, dass ich dreimal fragen muss..."

Die Expertise wankt und wackelt

So sind es zunächst nicht die Inhalte, die den Verhandlungstag prägen, sondern die Schärfe der Befragung. Pistorius sitzt derweil still im Hintergrund, meist bewegungslos, manchmal legt er das Gesicht in die Hände. Nel legt derweil die Schwächen Dixons und die Unschärfen in dessen Beobachtungen offen. Die penetrante Pedanterie entpuppt sich als effektive Taktik.

Mit einem Mal steht da nicht mehr der verdiente Ex-Mitarbeiter des Forensic Science Laboratory von Pretoria, wo Dixon von 1994 bis 2012 die Abteilung für Materialanalyse führte. Nel stellt ihn stattdessen als eigentlich fachfremden Quereinsteiger dar: Dixon muss nacheinander zugeben, weder Forensiker noch Ballistiker noch medizinisch geschult zu sein. Die Wunden, über die er spricht, hat er nie gesehen, mit Obduktionen kaum Erfahrung.

Dixon ist Geologe. Was für seine tatsächliche Qualifikation erst einmal nichts bedeuten muss. Vor Gericht aber sieht es nicht gut aus, wenn der Experte der Verteidigung zugeben muss, was er alles nicht ist.

Und wirklich erwischt Nel ihn an wunden Punkten. Am Vortag hatte die Verteidigung Tonaufnahmen abgespielt. Die Aufnahmen sollten Unterschiede zwischen den Tönen der Schüsse und Schläge auf die Tür dokumentieren, sie wurden mit Hilfe einer baugleichen Tür nachgestellt.

Mehr als Unschärfen und Ungenauigkeiten

Nach und nach demontiert Nel die Kraft dieser Indizien: Dixon musste zugeben,

  • dass er nicht bei allen relevanten Versuchen anwesend war ("Wir sind ein Team");
  • dass das Schuss-Experiment mit einer anderen Munition als der von Pistorius genutzten durchgeführt wurde, weil die Forensiker diese nicht auftreiben konnten;
  • dass die Aufnahmen von Schlägen und Schüssen nicht am selben Ort und am selben Tag gefertigt wurden;
  • dass der Toningenieur kein forensischer Experte war, sondern Musikproduzent;
  • dass keine Dezibel-Messungen vorgenommen wurden, um die Aufnahmen in Relation setzen zu können;
  • dass die Aufnahmen der Schüsse im Nachhinein zeitlich bearbeitet wurden, um sie als schnelle Schusssequenz klingen zu lassen.

Vor allem der letzte Punkt hat es in sich. Pistorius' Verteidigung fußt auf der Darstellung, dass der geglaubt habe, auf einen Einbrecher zu schießen. Dazu gehört, dass er in schneller Folge viermal gefeuert habe, ohne Schreie seines Opfers wahrnehmen und seinen Irrtum bemerken zu können. Nun musste Dixon zugeben, dass die für die Schussexperimente benutzte, baugleiche Pistole nach jedem Schuss blockiert hatte und einzeln wieder entsichert werden musste.

Deshalb die Nachbearbeitung der Tonaufzeichnung: Vier einzelne, in Abständen abgefeuerte Schüsse hätten nicht mit der Darstellung des Angeklagten übereingestimmt. Die Experten haben das vermeintliche Beweismittel an die Aussage des Angeklagten angepasst.

Kein Wunder, dass Dixon zunehmend verunsichert ist. In Bezug auf spezielle Fragen des Staatsanwalts sagt er wiederholt, dass er die nicht beantworten könne. Am Ende schnappt Gerrie Nel zu: "Jetzt bezeichnen Sie sich selbst als Laien. Es ist verantwortungslos, dass Sie vor Gericht als Experte erscheinen!"

Es bleibt der letzte Eindruck eines bedrückenden Verhandlungstages. Pistorius nimmt auf dem Weg aus dem Saal seinen Anwalt Barry Roux kurz in den Arm, dann verschwindet er im Kreis von Verwandten.

Fortgesetzt wird der Prozess am Donnerstag, bevor er in eine bis zum 5. Mai dauernde Osterpause geht. Richterin Thokozile Masipa gab am Morgen einem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Prozessunterbrechung statt.

Damit verzögert sich auch das Urteil gegen Pistorius, das nach ursprünglichem Zeitplan einmal am 20. März hätte erfolgen sollen. Jetzt, so Masipa, soll es am 16. Mai fallen. Anwälte und Staatsanwälte forderte sie auf, die Osterpause für die Vorbereitung ihrer Plädoyers zu nutzen.



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mystyhax 16.04.2014
1. Unglaublich
Eine Tat genau zu rekonstruieren ist sicherlich schwierig und Bedarf einer gewissen pedantischen Genauigkeit. Die Spezialisten in diesem Fall machen mich als Laien aber fassungslos. Polizisten die durch die Beweise latschen. Beweismittel die in Büroräumen der Ermittler aufbewahrt werden und so weiter und so fort. Heute die Krönung des Experten der Verteidigung. Zusammengeschnittene Töne, Analysen anhand von Fotos, Forensikberichte die nicht durchgearbeitet worden sind, Tests bei denen die entscheidende Person (leitende Analytiker) nicht anwesend war. Der Test mit der Waffe und dem Cricketschläger ist für mich eh der Hammer. Warum rekonstruiert man das nicht richtig dh. in der Nacht, zur Tatzeit, am selben Ort und den von den Zeugen und Beklagten geschilderten Gegebenheiten sowie den möglichst gleichen Windverhältnissen. Letzteres ist schwierig und kann ggf. berechnet werden. Die Abfolge der Schläge und Schüsse spiel aus Zeugen und Beklagten Sicht auch eine Rolle. Wenn ich mir diese Frage stelle, warum nicht auch der Forensikexperte.
paulchen08 16.04.2014
2. es bleibt ein Rätsel
warum O.P. nicht endlich reinen Tisch macht, sein Gewissen erleichtert und einen Schlussstrich ermöglicht. Es erscheint am naheliegendsten, dass ihm die Sicherungen durchgebrannt sind und er in Raserei gehandelt hat. Über seine Schuld sollte er dann das Gericht entscheiden lassen.
crigs 16.04.2014
3. Herr frank patalong
Das Wandregal ist ein Zeitungsständer. Der Ankläger Gerrie Nel ist nicht pedantisch sondern: Er ist ein Profi. Was nicht nahtlos zusammenpasst wird zerzaust. Nur Fakten werden akzeptiert. Heute meinte der Verteidiger Barry Roux: "I'm ducking under !" Meine Einschätzung: Der Baseballschläger wird die grösste Überraschung bringen. Von den 3 Verletzungen am Rücken von Reeva Steenkamp ist mit den abegebenen 4 Schüssen nur das Hämatom erklärt. Was ist mit den beiden anderen ? Wie kommt all das Blut an den Basballschläger ? Ich hoffe, dass Gerrie Nel noch mehr zu auf Lager hält. FAZIT: Die Rechtssprechung in Südafrika ist auf dem richtigen Weg. Wir Europäer können von diesem Oscar Pistorius Prozess nur lernen.
Der_Junge_Fritz 16.04.2014
4. Game over
Ein außerordentlich fähiger Staatsanwalt. Damit ist das Lügengebäude des Angeklagten vollkommen zusammengebrochen. Die Einzelschüsse wurden nicht schnell hintereinander abgefeuert, völlig klar, dass das Opfer vor Schmerz und Panik schrie, wie es etliche Zeugen ausgesagt haben. Somit ist erwiesen, dass der Angeklagte mit Vorsatz und Wissen geschossen hat.
mcadamde 16.04.2014
5. Experten sind nicht allwissend
Wer bisher geglaubt hat, dass "Experten" allwissende Superspezialisten sind, die auf alle Fragen die absolute und einzig richtige Antwort geben können, liegen falsch. Wie auch im Bericht erwähnt, geht es vielmehr um "Wahrscheinlichkeiten", die Aufgrund von Spurenauswertung, Vergleiche, Experimente und vor allem Erfahrung ermittelt werden. Wenn man z.B. in der Nähe vom Tatort Handschuhe mit Blutspuren des Opfers findet, so heißt das faktisch nur, dass diese Handschuhe mit dem Blut des Opfers in Berührung kamen. Hieraus kann man folgern, dass der träger dieser Handschuhe wahrscheinlich am Tatort war. Möglicherweise war diese Person sogar der Täter. Da die Handschuhe scheinbar bewusst weggeworfen wurden, ist die wahrscheinlichkeit erfahrungsgemäß sehr hoch, dass diese These stimmt. Genauso könnten die Handschuhe aber - entgegen jeder Wahrscheinlichkeitsannahme - auch einem unschuldigen Obdachlosen gehört haben, der wenige Minuten nach der Tat in Tatortnähe ein sehr edles Jagdmesser fand und dieses mit seinen Handschuhen aufgehoben und abgewischt hatte. Nichts über die gruslige Tat in der Nähe ahnend steckte er die Handschuhe in die linke und das gefundene Messer in die rechte Tasche seines alten, gammligen Mantels. Da er schon einige Promille intus hatte, vergaß er hierbei, dass die linke Jackentasche ein riesiges Loch hat. So verlor er seine Handschuhe mit den Blutspuren nach wenigen Metern Torkeln, ohne dies zu bemerken. Zugegeben, ist das sehr konstruiert und auch äußerst unwahrscheinlich. Aber ausschließen kann das auch ein Experte nicht.
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