SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Februar 2013, 21:51 Uhr

Mordverdächtiger Sprintstar

Pistorius will offenbar zu Reevas Familie gehören

Nach der Freilassung von Oscar Pistorius hat sich der Vater der getöteten Reeva Steenkamp gemeldet: Der Leichtathlet müsse mit seinem schlechten Gewissen leben, sagte er - und warnte ihn davor, zu lügen. Laut Auskunft seines Onkels will der Paralympics-Star Teil der Familie seiner Freundin werden.

Addis Abeba/Pretoria - Der unter Mordverdacht stehende Olympionike Oscar Pistorius ist vorerst frei, den Anschuldigungen kann er sich jedoch nicht entziehen. Wie der "Guardian" berichtet, will der Spitzensportler bald Kontakt zur Familie von Reeva Steenkamp aufnehmen. Pistorius hatte seine Freundin am Valentinstag erschossen und war am Freitag überraschend gegen Kaution entlassen worden.

Der Sportler, der mit seinen Hightech-Karbon-Prothesen bei Paralympischen Spielen insgesamt sechs Goldmedaillen gewonnen hatte, muss jedoch zahlreiche Auflagen erfüllen. Er darf nicht in sein Haus in Silverwood Estate zurückkehren, in dem die 29-jährige Steenkamp getötet wurde. Zudem ist es Pistorius untersagt, Kontakt zu den Zeugen des Verfahrens aufzunehmen. Seine Reisepässe musste der Athlet abgeben. Er darf keinen Alkohol trinken. Jeden Montag und Freitag muss er sich auf einer Polizeistation melden.

"Wir wollen ihn nicht unter Druck setzen", sagte der Onkel des Sportlers, Arnold Pistorius, in dessen Haus er die erste Nacht nach seiner Freilassung verbrachte. Während der Fahrt dorthin habe Pistorius gesagt, dass er mit der Familie seiner Freundin sprechen wolle. "Seine Gedanken sind die ganze Zeit bei Reevas Familie", sagte er demzufolge dem Sender eNews Channel Africa (eNCA). Sein Ziel sei es, "in Zukunft Teil der Familie" zu sein.

Die Familie von Steenkamp hatte Reeva vergangene Woche einäschern lassen. Es ist fraglich, ob Pistorius Angebot auf deren Verständnis stößt. Reevas Vater Barry Steenkamp appellierte an das Gewissen des Sportlers: "Es ist egal, wie viel Geld er hat oder wie gut sein Anwaltsteam ist, er muss mit seinem Gewissen leben, falls er es der Verteidigung erlaubt, für ihn zu lügen", sagte er der Zeitung "Beeld".

"Wenn es nicht so war, muss er leiden"

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den beinamputierten Profiläufer, seine Freundin vorsätzlich durch die geschlossene Badezimmertür erschossen zu haben. Pistorius sagt, er habe sie aus Versehen erschossen, weil er geglaubt habe, im Badezimmer sei ein Einbrecher.

"Wenn er die Wahrheit sagt, dann kann ich ihm vielleicht eines Tages vergeben", sagte Barry Steenkamp. "Aber wenn es nicht so war, wie er sagt, dann muss er leiden, und er wird leiden." Reevas Mutter June Steenkamp erklärte, sie habe keine Tränen mehr, und sie wolle nun damit beginnen, sich an ein Leben ohne ihre Tochter zu gewöhnen.

Pistorius' Onkel Arnold hatte kurz nach der Kautionsentscheidung betont, wie erleichtert die ganze Familie sei. "Dennoch ist dies eine sehr traurige Zeit für Reevas Familie und für uns", sagte er. "Wir sind überzeugt, dass sich Oscars Version davon, was in jener schrecklichen Nacht geschehen ist, als wahr erweisen wird."

Unterdessen schickten Tausende Fans Nachrichten an die offizielle Webseite des Sportlers, um ihre Solidarität zu zeigen. "Ganz egal, was die Welt sagt, du bist und bleibst mein Champion und mein Held", schrieb eine Verehrerin. Nach der Nachricht von der Freilassung auf Kaution hatte es auch kritische Stimmen gegeben, die eine Vorzugsbehandlung des berühmten weißen Stars sahen.

Am 4. Juni muss der Leichtathlet erneut vor Gericht erscheinen. Wird Pistorius wegen vorsätzlichen Mordes schuldig gesprochen, droht ihm eine Haftstrafe zwischen 15 Jahren und lebenslänglich.

cib/dpa

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH