Mordverdächtiger Sprintstar: Pistorius will offenbar zu Reevas Familie gehören

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Pistorius am Freitag im Gerichtssaal: "Er muss mit seinem Gewissen leben"

Nach der Freilassung von Oscar Pistorius hat sich der Vater der getöteten Reeva Steenkamp gemeldet: Der Leichtathlet müsse mit seinem schlechten Gewissen leben, sagte er - und warnte ihn davor, zu lügen. Laut Auskunft seines Onkels will der Paralympics-Star Teil der Familie seiner Freundin werden.

Addis Abeba/Pretoria - Der unter Mordverdacht stehende Olympionike Oscar Pistorius ist vorerst frei, den Anschuldigungen kann er sich jedoch nicht entziehen. Wie der "Guardian" berichtet, will der Spitzensportler bald Kontakt zur Familie von Reeva Steenkamp aufnehmen. Pistorius hatte seine Freundin am Valentinstag erschossen und war am Freitag überraschend gegen Kaution entlassen worden.

Der Sportler, der mit seinen Hightech-Karbon-Prothesen bei Paralympischen Spielen insgesamt sechs Goldmedaillen gewonnen hatte, muss jedoch zahlreiche Auflagen erfüllen. Er darf nicht in sein Haus in Silverwood Estate zurückkehren, in dem die 29-jährige Steenkamp getötet wurde. Zudem ist es Pistorius untersagt, Kontakt zu den Zeugen des Verfahrens aufzunehmen. Seine Reisepässe musste der Athlet abgeben. Er darf keinen Alkohol trinken. Jeden Montag und Freitag muss er sich auf einer Polizeistation melden.

"Wir wollen ihn nicht unter Druck setzen", sagte der Onkel des Sportlers, Arnold Pistorius, in dessen Haus er die erste Nacht nach seiner Freilassung verbrachte. Während der Fahrt dorthin habe Pistorius gesagt, dass er mit der Familie seiner Freundin sprechen wolle. "Seine Gedanken sind die ganze Zeit bei Reevas Familie", sagte er demzufolge dem Sender eNews Channel Africa (eNCA). Sein Ziel sei es, "in Zukunft Teil der Familie" zu sein.

Die Familie von Steenkamp hatte Reeva vergangene Woche einäschern lassen. Es ist fraglich, ob Pistorius Angebot auf deren Verständnis stößt. Reevas Vater Barry Steenkamp appellierte an das Gewissen des Sportlers: "Es ist egal, wie viel Geld er hat oder wie gut sein Anwaltsteam ist, er muss mit seinem Gewissen leben, falls er es der Verteidigung erlaubt, für ihn zu lügen", sagte er der Zeitung "Beeld".

"Wenn es nicht so war, muss er leiden"

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den beinamputierten Profiläufer, seine Freundin vorsätzlich durch die geschlossene Badezimmertür erschossen zu haben. Pistorius sagt, er habe sie aus Versehen erschossen, weil er geglaubt habe, im Badezimmer sei ein Einbrecher.

"Wenn er die Wahrheit sagt, dann kann ich ihm vielleicht eines Tages vergeben", sagte Barry Steenkamp. "Aber wenn es nicht so war, wie er sagt, dann muss er leiden, und er wird leiden." Reevas Mutter June Steenkamp erklärte, sie habe keine Tränen mehr, und sie wolle nun damit beginnen, sich an ein Leben ohne ihre Tochter zu gewöhnen.

Pistorius' Onkel Arnold hatte kurz nach der Kautionsentscheidung betont, wie erleichtert die ganze Familie sei. "Dennoch ist dies eine sehr traurige Zeit für Reevas Familie und für uns", sagte er. "Wir sind überzeugt, dass sich Oscars Version davon, was in jener schrecklichen Nacht geschehen ist, als wahr erweisen wird."

Unterdessen schickten Tausende Fans Nachrichten an die offizielle Webseite des Sportlers, um ihre Solidarität zu zeigen. "Ganz egal, was die Welt sagt, du bist und bleibst mein Champion und mein Held", schrieb eine Verehrerin. Nach der Nachricht von der Freilassung auf Kaution hatte es auch kritische Stimmen gegeben, die eine Vorzugsbehandlung des berühmten weißen Stars sahen.

Am 4. Juni muss der Leichtathlet erneut vor Gericht erscheinen. Wird Pistorius wegen vorsätzlichen Mordes schuldig gesprochen, droht ihm eine Haftstrafe zwischen 15 Jahren und lebenslänglich.

cib/dpa

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insgesamt 141 Beiträge
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1.
roryb 23.02.2013
Was für ein irrer Narzist! In die Öffentlichkeit kolportieren zu lassen, Teil der Familie Reeva werden zu wollen - das ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Auch, falls seine von Ferne wenig glaubhafte Version stimmen sollte. Vielleicht haben sich aber such nur die hochdotierten Anwälte diesen Schachzug überlegt, um damit die öffentliche Stimmung zugunsten ihres Mandanten zu beeinflussen. Auch nicht besser!
2. @ roryb genau so sehe ich das auch -
marny 23.02.2013
mir wird gant schlecht vor Wut über diesen verlogenen Menschen. Selbst wenn er sie "nur" versehentlich getötet hätte - was maßt er sich an, ein solches Ansinnen zu äussern !!!
3. No Hero
shunyman 23.02.2013
'Seine aus der Ferne wenig glaubhafte Version'...gut formuliert. Ich hatte gleich gesagt (bevor irgendwas angeblich gefunden wurde), der hat unter Stereoiden /Testosteron einen überaggressiven Anfall gehabt Egal wie es war, er hat das Liebste zerstört, was er hatte. Vielleicht (ich hab mich mit den Umständen nicht beschäftigt), war er durch den Verlust seiner Beine im Kindesalter schon erheblich dauerhaft traumatisiert. Er ist garantiert kein Held, und er schadet seinem schon zerrissenen Land immens. Warum sagt so einer nicht: 'Die schlimmste Strafe reicht nicht für das, was ich getan habe.' Das wäre etwas von einem Helden, eventuell. Warum müssen sich die schlimmsten Überltäter auch immer verteidigen. Das verstehe ich an der menschlichen Psyche (generell) nicht. Ich weiß, jetzt kommen viele schlaue Kommentare...;-)
4.
mankannnurstaunen 23.02.2013
Wie krank sind eigentlich einige der Foristen hier? Oscar Pistorius ist ein Mensch, der offensichtlich zutiefst leidet. Wenn er jetzt den Kontakt zur Familie seiner toten Freundin sucht, ist das doch sein ureigenes, privates Bedürfnis. Wenn er im Gericht weint, so ist das seine ureigene, private Sache. Was die vielen selbsternannten "Richter" hier ihm an angeblicher Berechnung dauernd unterstellen, zeugt nur davon, wie berechnend diese selbst sind. Ich hätte keine Angst, Oscar Pistorius nachts zu begegnen. Aber einigen Schreiberlingen hier möchte ich nicht mal tagsüber über den Weg laufen. Mir graut vor soviel Menschenverachtung. Pistorius ist bisher nicht verurteilt. Und vielleicht wird er es auch nie, weil seine Version genausogut der Wahrheit entsprechen könnte. Bis zur Gerichtsentscheidung gilt die Unschuldsvermutung. SPON sollte diese Foren hier schließen. Denn hier entlädt sich so viel kranke Menschenverachtung. Und die Medien sind daran nicht ganz unschuldig.
5. Ob man ihn als Schwarzen auch freigelassen hätte ?
motzklotz 23.02.2013
Zitat von sysopNach der Freilassung von Oscar Pistorius hat sich der Vater der getöteten Reeva Steenkamp gemeldet: Der Leichtathlet müsse mit seinem schlechten Gewissen leben, sagte er - und warnte ihn davor, zu lügen. Laut Auskunft seines Onkels will der Paralympics-Star Teil von Reevas Familie werden. Pistorius will mit Familie seiner Freundin reden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/pistorius-will-mit-familie-seiner-freundin-reden-a-885218.html)
Für eine Kaution im Bereich von peanuts für dessen Einkommensverhältnisse ?
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