Plädoyer im Kachelmann-Prozess Das Glaubensbekenntnis

Am Mannheimer Landgericht geht ein Mammutprozess in die Schlussphase, und die ist ebenso befremdlich wie das gesamte Verfahren: Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft geriet zum spitzfindigen Kunststück, reich an Spekulationen, arm an Fakten.

Ein Kommentar von , Mannheim


Da sage noch einer, die Staatsanwaltschaft Mannheim habe doch nur ihren Job gemacht. Nein, es ist nicht die Aufgabe der angeblich objektivsten Behörde der Welt, blind und taub gegenüber jedem Zweifel - vor allem dem Selbstzweifel - einen Angeklagten öffentlich vorzuführen. Im Wissen, dass man dabei Fakten unterschlägt und verdreht.

Doch es war leider zu erwarten. In Mannheim hält man es nämlich mit der Tradition. Es ist noch nicht lange her, dass Mannheimer Staatsanwälte gegen Harry Wörz, den die Justiz zwölf Jahre lang wegen einer Tat verfolgte, die er nicht begangen hatte, am Ende eines unsäglichen Wiederaufnahme-Marathons eine Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren forderten - obwohl jedermann im Saal wusste, dass dieser Angeklagte nicht der Täter war. Doch man inszenierte ihn noch einmal als jenes Scheusal, das angeblich seine Frau bei einer Attacke so brutal verletzte, dass sie lebenslang ein Pflegefall sein wird.

Die Mannheimer Staatsanwaltschaft stand auch im Fall Wörz fest im Glauben. Sie ließ sich weder durch die Aufklärungsarbeit des Gerichts noch durch haarsträubende Ermittlungsfehler beeindrucken, die dabei zu Tage traten, oder gar durch den Tatverdacht, der sich mit einem Mal gegen einen anderen als den Angeklagten richtete. Es wurde plädiert, als habe der Prozess überhaupt nicht stattgefunden.

Die letzte Hoffnung auf Gerechtigkeit, die Wörz schließlich durch einen mittlerweile rechtskräftigen Freispruch zuteil wurde, hatte ihm die Staatsanwaltschaft zuvor zerstört. Er gewann seinen Lebensmut nicht mehr zurück und ist seither ein schwerstversehrter, gebrochener Mensch.

Konnte Jörg Kachelmann erwarten, ihm ergehe es in Mannheim besser? Schon der überraschende Auftritt der Hauptbelastungszeugin an der Seite der Staatsanwaltschaft signalisierte: Hier war ein Tribunal gegen den Angeklagten zu erwarten. Schließlich hatte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge im Berliner "Tagesspiegel" schon angekündigt, dabei "pikante Details" - natürlich zu Lasten des Angeklagten - zur Sprache zu bringen.

Spekulationen und Vorstellungen statt Beweise und Wissen

Oltrogge ist kein begnadeter Redner. Manches war nicht verständlich, was er vortrug, anderes nicht verstehbar. Wieso muss man die Lügen der Nebenklägerin "völlig losgelöst vom Tatgeschehen bewerten"? Einen solchen Satz sollte mal ein Verteidiger vor Gericht vorbringen!

Wenn die Frau doch laut Oltrogge "bewiesen" habe, dass sie Lügen über längere Zeit aufrechterhalten und - bei Bedarf - ihre Aussage entsprechend des Ermittlungsstands korrigieren könne. Und dass sie imstande ist, sich über längere Zeit glaubwürdig darzustellen, obwohl sie es tatsächlich nicht war.

Oltrogge gab zu, ihr "Aussagestil" sei dürftig und oberflächlich und ihre belastenden Angaben mangels Substanz für eine aussagepsychologische Begutachtung nicht ausreichend. Er erwähnte sogar, dass sie allerlei "Geträumtes" vorgebracht habe. Resümee der Staatsanwaltschaft: Glauben könne man ihr gleichwohl.

Immer wieder war vom Glauben die Rede im Plädoyer der Staatsanwaltschaft, mehr als in so mancher Kirche, und von Spekulationen und Vorstellungen, kaum hingegen von Beweisen und handfestem Wissen. Ein rabulistisches Kunststück war es, wie Oltrogge gar die auf dem angeblichen Tatmesser befindlichen Nicht-Spuren zu einem Beweis von Kachelmanns Täterschaft umfunktionierte: Da der Angeklagte auf diesem Messer viele Spuren hinterlassen haben müsste, seien diese wohl verlorengegangen. Aber wie? "Unbewusst" vielleicht. Oder der Angeklagte wischte das Messer ab. Für die Staatsanwaltschaft ist es jedenfalls undenkbar, dass die Nebenklägerin "manipulativ die nur geringen Spuren angebracht" habe. Kein Wort, dass das von ihr geschilderte Tatgeschehen zur mageren Spurenlage so gar nicht passen will.

Kein Zweifel am Opfer

Hämatome und Hautkratzer: Undenkbar, ja geradezu ausgeschlossen, dass die Frau diese sich selbst zugefügt habe. Denn dazu hätte sie ja ihre "Hemm- und Schmerzschwelle" überwinden müssen. Welche Frau fügt sich denn Schmerzen zu? "Es bleibt also nur die Möglichkeit, dass es der Angeklagte war." Nur er komme in Frage.

"Wenn Sie sich die Nebenklägerin anschauen - die hat gar nicht die Kraft dazu," so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft. Dass die Frau schon ein Jahr zuvor ein ähnliches Hämatom an einem ihrer Schenkel, über dessen Entstehung sie schweigt, fotografierte und auf ihrem Laptop speicherte, angeblich, um dessen Verlauf zu beobachten - kein Wort.

Und jene rechtsmedizinischen Sachverständigen, die eine Selbstbeibringung sehr wohl für möglich, ja sogar für naheliegend hielten? In den Augen der Staatsanwaltschaft sind sie inkompetent, nicht objektiv, irrelevant. Wer glaubt, braucht keine Sachverständigen.

In welcher Parallelwelt leben diese Staatsanwälte? Dass Kachelmann sich beim Haftrichter nicht gleich daran erinnerte, dass vor dem Geschlechtsverkehr ein Tampon zu entfernen war: sehr verdächtig! Dass die Frau sich ausgerechnet an das angeblich lebensbedrohliche Geschehen im Bett, bei dem ihr das Messer an den Hals gehalten worden sein soll, kaum erinnert - na, das muss man doch verstehen. Daran ändern auch die namhaftesten Sachverständigen nichts, die hier große Zweifel anmeldeten.

Die Frau ist eben Opfer. Und zu einem Opfer bekennt man sich. Da wird mit einem anderen Maß gemessen: Das Privatleben des Angeklagten darf öffentlich seziert werden. Doch um Himmels willen kein Zweifel am Opfer.

Vier Jahre, drei Monate - das ist lächerlich gering, sollte die Vergewaltigung stattgefunden haben. Und ziemlich viel, wenn Kachelmann unschuldig sein sollte. Aber vielleicht steckt Strategie dahinter. Ein solcher Strafantrag eröffnet einer verurteilungswilligen Kammer den schlüpfrigen Pfad zu einer Bewährungsstrafe. Die hätte den Vorteil, dass der Angeklagte nicht im Saal festgenommen werden müsste. Dann kann man sich die Hände im trüben Wasser der Unschuld waschen und die Verantwortung an den Bundesgerichtshof delegieren. Und glauben, der werde es schon richten.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
glen13 19.05.2011
1. ...
Zitat von sysopAm Mannheimer Landgericht geht ein Mammutprozess in die Schlussphase, und die ist ebenso befremdlich wie das gesamte Verfahren: Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft geriet zum spitzfindigen Kunststück, reich an Spekulationen, arm an Fakten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,763549,00.html
Liest man den Artikel, kommt man zu dem Schluss, dass Spon sich also schon festgelegt hat: Kachelmann unschuldig. Warten wir, was der Richter sagt..........
Predo 19.05.2011
2. umgekehrt...
Zitat von glen13Liest man den Artikel, kommt man zu dem Schluss, dass Spon sich also schon festgelegt hat: Kachelmann unschuldig. Warten wir, was der Richter sagt..........
könnte man genausogut sagen dass sie ihn für schuldig halten. wie schon gesagt: warten wir, was der richter sagt
sprechweise, 19.05.2011
3. Entspricht meiner Erfahrung
Zitat von sysopAm Mannheimer Landgericht geht ein Mammutprozess in die Schlussphase, und die ist ebenso befremdlich wie das gesamte Verfahren: Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft geriet zum spitzfindigen Kunststück, reich an Spekulationen, arm an Fakten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,763549,00.html
Regelmäßig sind meine Kontakte mit Staatsanwälten gelinde gesagt enttäuschend. Völlig unfähig logisch stringente Schlüsse zu ziehen, borniert an ihrer Einfältigkeit festhalten "das glaube ich nicht", kaum in der Lage komplexe Sachverhalte zu verstehen, und nach Aussage von manchen Rechtsanwälten, die da ihr Praktikum machen müssen, stinkfaul, ab 13h00 wird Tennis gespielt Macht macht Menschen regelmäßig zu Kriminellen, und Staatsanwälte sind häufig nur staatlich legitimierte Kriminelle.
gaycuffs, 19.05.2011
4. Ungeheuerlich
Haben nicht Indizien-Prozesse irgendwas mit Indizien zu tun ? Man hat irgendwie den Eindruck, der Staatsanwalt sitzt sonst bei Barbara Salesh. Da sind auch immer alle schuldig und es wird schlecht recherchiert. In Dubio pro Reo....im Zweifel für den Angeklagten. Aus Mangel an Beweisen. Wir sind hier doch nicht in Amerika !
Berliner-030 19.05.2011
5. ...
Na endlich finden auch mal die Medien "klare Worte" und stellen die richtigen Fragen. Ich würde mir wünschen, dass gegen den Oltrogge, nach Abschluß des Verfahrens, entsprechende Ermittlungen eingeleitet werden. Vielleicht wären auch 4 Monate Untersuchungshaft notwendig?
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