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19. Dezember 2007, 18:53 Uhr

Polit-Hochstapler

Als Herr Schürholt einen Tumor erfand

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Er wollte Oberbürgermeister von Landau werden. Dafür erfand Kai Schürholt einen Doktortitel. Und später, als man ihm auf die Schliche kam, einen Gehirntumor. Jetzt wurde ihm der Prozess gemacht - inzwischen ist er arbeitslos und in Psychotherapie.

Frankfurt am Main - 4500 Euro Geldstrafe - das ist der Preis, den Kai Schürholt für sein falsches Spiel zu zahlen hat. In Landau ist heute eine der peinlichsten Polit-Possen der rheinland-pfälzischen CDU in den vergangenen Jahren zu Ende gegangen. Ein Gericht verurteilte Schürholt: jenen 36-jährigen Hochstapler aus Berlin, der mit einem falschen Doktortitel und einem erfundenen Hirntumor nicht nur eine Stadt, sondern die gesamte Polit-Prominenz im südwestlichen Bundesland genarrt hatte.

Ex-Politiker Schürholt: Erwartungshaltung und die eigene Eitelkeit
DPA

Ex-Politiker Schürholt: Erwartungshaltung und die eigene Eitelkeit

Sogar den Altkanzler hatte der Mann in seinen Bann gezogen. Sichtlich gut gelaunt empfing vor Jahren Helmut Kohl die vorgebliche neue politische Nachwuchshoffnung seiner pfälzischen Heimat in seinem Berliner Büro. Er klopfte Schürholt damals freundschaftlich auf die Schulter: "Ich komme selbst hin nach Landau und werde versuchen, die Leute noch entsprechend einzustielen", versprach Kohl dem jungen Mann, der sich "Dr. Kai Schürholt" nannte.

Die Szene aus der Wahlkampf-DVD wirkt heute wie eine einzige Peinlichkeit. Ebenso die Zeitungsanzeigen, die zum Wahlkampf mit Schürholt, dem Bundeskanzler a. D. und der "Big Band der Stadtkapelle" in die Landauer Festhalle einluden. Denn die Veranstaltung am 24. August musste kurzfristig abgesagt werden - ebenso wie der gesamte Oberbürgermeisterwahlkampf der einst erfolgsverwöhnten Landauer CDU.

Denn "Dr. Kai Schürholt", so hatte sich einen Tag vorher herausgestellt, war überhaupt kein Doktor. Und auch ein angeblicher Gehirntumor, der Schürholts politische Gegner zu Milde und Parteifreunde zu aufopfernden Wahlkampfleistungen provozierte, existierte gleichfalls nur in der Phantasie des 1,90-Meter-Mannes aus Berlin.

In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz musste der CDU-Landesvorsitzende Christian Baldauf Hohn und Spott über sich ergehen lassen, weil er an der Vermittlung des Kandidaten nach Landau beteiligt war. Mehrere CDU-Bundestagsabgeordnete bekundeten ihre Beschämung, den vermeintlichen Doktor der Theologie als angebliche politische Wunderwaffe in die pfälzische Provinz empfohlen zu haben. "Der absolute Super-GAU", sagte der Parlamentarierer Ralf Göbel, als die Affäre im Sommer aufkam - und Göbel nicht nur den Kandidaten Schürholt los war, sondern auch noch gleich seinen CDU-Kreisvorsitz in Landau.

Nebenbei zum "Dr. theol." - oder auch nicht

Angefangen hatte es mit viel Lob für den Newcomer Schürholt, der ein Nachwuchsproblem der Landauer CDU lösen sollte und deshalb geholt wurde. "Alle waren begeistert von dem Mann", sagt Göbel. Die örtliche CDU sei motiviert wie noch nie in einen Wahlkampf gegangen. "Landaus Chancen nutzen" stand auf den Flugblättern, die von der Stadt-CDU für "die neue Kraft" verteilt wurden: Dr. Kai Schürholt, angeblich ledig, hatte demnach schon eine steile Karriere hinter sich. "Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag" sei er unter anderem gewesen, mit der Koordination von Nato und WEU-Tagungen habe er sich beschäftigt, und quasi nebenbei habe er 2006 auch noch promoviert, zum "Dr. theol."

Niemand in der CDU prüfte es nach. Und möglicherweise säße Schürholt heute fest im Chefsessel des Landauer Rathauses, wenn einer einfachen Bürgerin das nicht alles komisch vorgekommen wäre.

Die 69-jährige Waltraud Kollmar, Witwe eines Juristen, konnte nicht glauben, was ihr ein Bekannter von der Senioren-Union beim Ausführen der Schäferhündin Ina im Park über den vermeintlichen Wundermann aus Berlin erzählte. Sie habe den Bekannten um eine Kopie des Schürholt-Flugblattes gebeten, sagte die resolute Frau jetzt vor dem Landauer Amtsgericht aus. "Das war am Pfingstmontag." Sofort habe sie gesehen, "dass da manches nicht zusammenpasst", und zu recherchieren begonnen. "Und schon am Pfingstdienstag wusste ich, dass der Mann zumindest mal keinen Doktortitel hatte." Dazu habe laut Kollmar ein Anruf bei einer Bekannten genügt, die sich in einer Uni-Bibliothek das Promotionsverzeichnis durchsah.

Doch bei CDU-Funktionären, denen sie ihr Wissen weitergeben will, stieß sie auf taube Ohren: "Die haben alle nur gesagt, das kann nicht sein." Doch Waltraud Kollmar ließ nicht locker, drohte später sogar mit Anzeige. Dennoch dauerte es Wochen, bis der damalige Kreisvorsitzende Göbel insistierend bei Schürholt nachfragte. Kein Problem, sagte der Kandidat. Thema seiner Doktorarbeit und den Doktorvater werde er in Kürze nennen.

"Tumor durch Bestrahlung geschrumpft"

Bevor es dazu kam, überraschte der blonde Mittdreißiger dann mit einer neuen Nachricht: Er sei schwer erkrankt, Gehirntumor, ließ er die geschockten Landauer Anfang August wissen. Zur Behandlung müsse er sich nun erst mal nach Berlin zurückziehen.

Der Wahlkampf allerdings ging weiter. "Der Tumor ist gutartig" ließ der Patient am 6. August die CDU-nahe "Bürgerinitiative für Schürholt" wissen. Genesungswünsche wurden massenhaft nach Berlin geschickt, die örtliche Heimatzeitung veröffentliche regelmäßig hautnahe Bulletins über den Gesundheitszustand des Kranken. "Tumor durch Bestrahlung geschrumpft", lautete eine hoffnungsfrohe Schlagzeile vom 14. August. Schürholts vermeintlicher Kampf gegen den Tod rührte Parteifreunde wie politische Gegner.

Nur mit der Hartnäckigkeit der Hobbydetektivin Kollmar hatte niemand gerechnet. Als die Landauerin dem CDU-Chef Göbel drohte, sie werde jetzt wirklich zum Staatsanwalt gehen, setzte Göbel seinem Parteifreund ein Ultimatum: Die Promotionsurkunde müsse endlich her.

Stattdessen erhielt Göbel unangenehme Post aus Berlin. Eine "Presseerklärung", in der Kai Schürholt eingestand, den Doktortitel erfunden zu haben: "Erwartungshaltungen an mich und eigene Eitelkeit waren meine Motivation." Und weil er dann nicht mehr gewusst habe, wie er aus der Sache herauskommen sollte, habe er noch den Gehirntumor erfunden.

"Sehr, sehr leicht gemacht"

Auch ein paar andere Dinge stimmten nicht oder nur halb, stellte sich später heraus: Statt ledig war Schürholt 2001 geschieden, die wissenschaftliche Tätigkeit im Bundestag in Wahrheit eine einfache Mitarbeiterstelle bei Abgeordneten.

Strafbar ist jedoch nur die Sache mit dem falschen Doktortitel. Und für die bekam Schürholt bereits im September einen Strafbefehl über 5000 Euro, 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit und zwei Monaten Haft auf Bewährung.

Den wollte Schürholt nicht akzeptieren, weshalb es heute zur Verhandlung vor dem Landauer Amtsgericht kam. Diesmal kam der Ex-Kandidat deutlich besser weg: 90 Tagessätze zu 50 Euro - und keine Haftstrafe mehr. Die Richterin ließ erkennen, dass die gescheiterte "neue Kraft" von Landau schon durch diverse Begleiterscheinungen des Skandals erheblich zu leiden habe. Viele Freunde hätten sich verabschiedet, das Parteibuch habe er zurückgegeben, ein neuer Job "in der Politik oder im PR-Bereich" sei für ihn, "wie man sich denken kann, derzeit außer Reichweite".

Er lebe jetzt von 1512 Euro Arbeitslosengeld im Monat und habe eine Psychotherapie begonnen. Und außerdem, sagt Schürholts Anwalt vor Gericht, "muss man ja auch sehen, dass es meinem Mandanten sehr, sehr leicht gemacht wurde, sich als Doktor auszugeben".

In Landau, sechs Jahrzehnte lang eine CDU-Hochburg, wurde im Spätsommer mit mehr als 62 Prozent der Stimmen ein SPD-Oberbürgermeister gewählt.

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