Polizei Hamburg Gefährlicher Jagdeifer

Hamburger Polizisten wollten mit mutmaßlich zweifelhaften Methoden ein altes Verbrechen klären. Jetzt hat der Fall Konsequenzen. Chronik einer missglückten Ermittlung.

Ermittler Baack

Ermittler Baack

Von , und


Die Fotografen warten schon. Schwer bewaffnete Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos verlassen das Haus im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Als Kriminalhauptkommissar Steven Baack mit dem Verdächtigen vor die Tür tritt, erhellt Blitzlicht die Dunkelheit.

Begleitet vom Klicken der Kameras führt Baack den Mann im Norwegerpulli zu einem Wagen mit Blaulicht. Baack öffnet die Tür, drückt den Kopf des Mannes hinunter. Der Verdächtige nimmt auf dem Rücksitz Platz.

Es ist der Abend des 5. Februar 2018, und die Polizei feiert sich. Die PR-Strategen aus dem Präsidium haben nach SPIEGEL-Informationen der Lokalpresse vorab einen Wink gegeben. Die Festnahme gilt als spektakulärer Ermittlungserfolg der jungen Soko "Cold Cases", die Steven Baack leitet.

Die Spezialtruppe rollt ungeklärte Fälle von früher auf. Der versuchte Mord, um den es geht, geschah im Herbst 1980. Die Szene in Wandsbek soll zeigen: Endlich ist der Täter geschnappt. Klaus Müller*, 54. Er kommt in Untersuchungshaft.

Neun Monate später stellt sich der Fall ganz anders dar. Das Landgericht Hamburg sprach den vermeintlichen Täter frei. Und nicht nur das. In ihrer Urteilsbegründung rügte die Richterin "fehlerhafte Polizeiarbeit". Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass der Kommissar Zeugen suggestiv befragt und getäuscht haben könnte. Seit dieser Woche ist Baack seinen Posten los.

Fotostrecke

7  Bilder
Cold Cases: Mord verjährt nicht

Die Chronik dieser missglückten Ermittlung taugt zum Lehrstück. Sie zeigt, was passieren kann, wenn der Jagdeifer von Ermittlern ausufert. Wie schwer die Polizei sich mitunter tut, eigene Fehler zu erkennen. Und warum in einem solchen Fall am Schluss fast alle Beteiligten verlieren.

Als Steven Baack 2016 mit 35 die Soko übernimmt, gilt er als ehrgeiziger Beamter, smart, selbstbewusst, vorzeigbar. Sein Fürsprecher ist der Leiter des Landeskriminalamts, Frank-Martin Heise. Ein mächtiger Mann in der Hamburger Polizei.

"Ich mache Dinge gerne anders"

Baack brennt für die Cold Cases, das ist zu spüren, wenn man ihn trifft. Er wolle den Angehörigen helfen, das betont er oft, endlich Gewissheit zu bekommen. Es reizt ihn, einen Fall zu lösen, an dem erfahrene Mordermittler gescheitert sind. "Wir brauchen hier neue Ideen, Kreativität", sagt er dem SPIEGEL. "Ich mache gerne Dinge anders."

Baack blickt auf eine Zeit im Mobilen Einsatzkommando (MEK) zurück. Die Spezialtruppe greift ein, wenn es für einfache Schutzpolizisten zu gefährlich wird. Was lange nur wenige Insider wissen: Baack ist mitverantwortlich für einen desaströsen Einsatz.

Bei diesem Einsatz im Februar 2016 führt er ein MEK-Team, das in Mecklenburg-Vorpommern einen Unschuldigen fast tötet. Die Truppe will einen per Haftbefehl gesuchten Straftäter festnehmen - stoppt aber auf Grund einer Verwechslung den Falschen.

Beim Zugriff auf einer Landstraße drückt das Opfer im Auto aufs Gas. Daraufhin schießt ihm ein Beamter in den Kopf. Der Getroffene ringt längere Zeit mit dem Leben, verliert ein Auge. Bis heute streitet sich der Mann mit der Hamburger Polizei um die Höhe des Schmerzensgeldes. Sein Anwalt Benjamin Richert sagt, Baack habe sich damals "ohne Not für den Zugriff entschieden".

Die MEK-Beamten zerren ihr Opfer sogar vor Gericht. Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Das Amtsgericht in Ludwigslust spricht den schwer gezeichneten Mann frei.

Der MEK-Einsatz sei "in Vorbereitung und Durchführung als absolut desolat und unprofessoniell" zu bezeichnen, sagt der Richter. Er spricht dem Opfer sein Mitgefühl aus. Und wünscht ihm Erfolg beim Kampf um das Schmerzensgeld.

Die Polizei arbeitet die offenkundigen Fehler nach SPIEGEL-Informationen intern nicht auf. Personelle Konsequenzen bleiben offenbar aus. Und Baack macht ein halbes Jahr später bei den "Cold Cases" Karriere. An seinem neuen Arbeitsplatz nimmt er sich auch den Fall Jana Maier* vor.

Tatzeit: November 1980

Die Frau wühlt bis heute auf, was ihr vor langer Zeit angetan wurde. Am 1. November 1980 war die damals 16-Jährige in Hamburg-Steilshoop auf dem Nachhauseweg. Es war dunkel, gegen 22 Uhr. Ein Jugendlicher folgte ihr.

An einer Straßeneinmündung stach er mit einem Messer auf sie ein, traf sie zwölfmal. Dann zerrte er sein Opfer in ein Gebüsch. Er hielt die junge Frau für tot und versuchte, sie zu vergewaltigen. Als Teenager auftauchten, ließ er von ihr ab, verschwand in der Dunkelheit. Und blieb verschwunden.

Im Zuge einer Öffentlichkeitsfahndung in einem anderen Fall gehen 2017 Hinweise ein, die zu Klaus Müller führen. Kommissar Baack vernimmt den Verdächtigen im Januar 2018. Müller bestreitet die Tat. Wenige Wochen später veröffentlicht die Polizei ein Foto der Tatwaffe, ein Jagdmesser mit Horngriff.

Ein Zeuge behauptet plötzlich, das Messer habe Müller gehört. Es ist ein Bekannter des Verdächtigen. In einer ersten Vernehmung hatte er noch behauptet, er könne sich nicht erinnern. Und auch das Opfer der Gewalttat erkennt auf einer Lichtbildvorlage Müller als Täter - zu 80 bis 90 Prozent. Noch während der Festnahme, das gibt Baack zu Protokoll, habe auch Müller den Besitz des Messers eingeräumt.

Es sind die entscheidenden Vorwürfe für die Anklage, die im Juni zugelassen wird. Schon da aber kommt Müller nach vier Monaten U-Haft frei - im Zuge einer Haftverschonung. Der Haftbefehl bleibt offiziell bestehen und damit auch der dringende Tatverdacht.

Erst während der Verhandlung im Oktober brechen die Vorwürfe wie beim Domino ein. Der Angeklagte bestreitet, den Besitz des Messers eingeräumt zu haben. Und an den entscheidenden Satz kann sich nur Baack erinnern. Seine Kollegen, die bei der Festnahme im Raum waren, geben zu Protokoll, sie hätten diesen eindeutigen Satz nicht gehört.

Zugleich sagt der Bekannte als Zeuge aus, der Kommissar habe behauptet, an der Täterschaft von Müller bestehe kein Zweifel. Der Kommissar soll dem Zeugen demnach zu verstehen gegeben haben, man habe DNA am Messer gefunden. In Wahrheit gab es keine DNA-Spuren. Baack habe, so der Zeuge vor Gericht, auch eine Belohnung in Aussicht gestellt.

Die Soko weist diese Angaben in einer internen Stellungnahme zurück. Man habe keine Belohnung versprochen, dem Zeugen sei auch nichts von DNA-Spuren gesagt worden.

Interne Ermittlungsgruppe

Die Richterin entdeckt in den Akten eine E-Mail des Opfers an Kommissar Baack. Darin schreibt die Frau im Oktober 2017, ihr Täter könne auch der Göhrde-Mörder sein, der in dieser Zeit oft in den Schlagzeilen ist. Im Zuführbericht, Grundlage für den Haftbefehl, wird diese Mail nicht erwähnt. Den Zuführbericht erstellt die Polizei für den Haftrichter.

Auch die Rolle der zuständigen Staatsanwältin wirft Fragen auf. Nach SPIEGEL-Informationen aus Polizeikreisen war sie es, die auf die Festnahme drängte. Sie soll, anders als die Polizei, auch Verdunkelungsgefahr angenommen haben.

Nach dem Freispruch richtet die Polizei eine interne Ermittlungsgruppe ein, um die Arbeit der Soko zu untersuchen. Der Bericht liegt Polizeipräsident Ralf Martin Meyer seit Ende der Woche vor, wird aber bislang unter Verschluss gehalten.

Die Ermittlungen seien "den gebotenen hohen Anforderungen nicht in allen Punkten gerecht geworden", teilt Meyer mit. Nach SPIEGEL-Informationen geht es vor allem um handwerkliche Fehler. So hat nur ein Ermittler der Soko Vernehmungen durchgeführt, standardmäßig sollten es zwei sein.

Umstritten ist vor allem wohl die Lichtbildvorlage, bei der Jana Maier ein Bild des Tatverdächtigen vorgelegt bekam, zusammen mit Bildern von Unbeteiligten. Die Vergleichsbilder sollen wegen einer Markierung erkennbar gewesen sein. Die Auswahl, so heißt es aus Polizeikreisen zur Verteidigung, hätten auch Staatsanwältin und Richterin vor Prozessbeginn gesehen.

Die Staatsanwaltschaft hat einen internen Prüfvorgang eingeleitet. Er sei "umfassend und beinhaltet Handlungen sämtlicher mit den Ermittlungen betrauten Personen. Dies schließt auch die Staatsanwaltschaft mit ein", so eine Sprecherin. Bisher lägen "keine Hinweise auf strafrechtlich relevante Handlungen der an der Ermittlung beteiligten Personen" vor. Detaillierte Nachfragen zur Rolle der Staatsanwaltschaft wollte die Sprecherin wegen der Vorermittlungen nicht beantworten.

Baacks Anwalt Gerhard Strate sagt, er halte es für ausgeschlossen, dass Baack sich rechtlich nicht zulässiger Ermittlungsmethoden bedient habe. Sein Mandant bestreite das auch. Strate sagt, er halte Baack für einen "integren" Polizisten.

Polizeipräsident Meyer erklärt, ein Wechsel in der Leitung der Soko sei "aus vorsorglichen, aber auch fürsorgerischen Gründen geboten". Eine Kommissarin aus der Pressestelle wird übernehmen.

Baack soll jetzt etwas anderes machen bei der Polizei. Jana Maier hadert noch immer damit, dass ihr Täter unerkannt ist. Und Klaus Müller hat vier Monate seines Lebens im Gefängnis verloren - obwohl es keine Beweise gegen ihn gibt.

*Name geändert



insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-1178958794633 16.11.2018
1. Staatsvertrauen
Das Vertrauen der Bürger in den Staat und seine Diener wird im Wesentlichen von der Erwartung getragen, dass staatliches Handeln stets gesetzeskonform ist. Um dieses sicher zu stellen gibt es geeignete Hierarchien. So auch bei der Polizei. Der Bürger darf und muss erwarten, dass Vorgesetzte aller Ebenen unmittelbar eingreifen, wenn die im staatlichen Auftrag Handelnden von dieser Maxime abweichen. Das gilt bei ganz normalen Einsätzen genau so wie bei Großereignissen wie 2017 in Hamburg oder auch bei den hier beschriebenen Vorgängen. Dazu kommen dann noch möglicherweise von rechtsradikalen Gedankengut infiltrierte Polizeien wie sie offensichtlich in Sachsen anzutreffen sind – diese haben gegenüber dem Bürger jedwede Akzeptanz verloren. Es bleibt somit nur, die jeweiligen Akteure einschließlich der verantwortlichen Vorgesetzten disziplinarisch zu maßregeln, und zwar empfindlich bis hin zur Entfernung aus dem Dienst. Es drängt sich dem Außenstehenden allerdings der Eindruck auf, dass diese –selbstverständlichen- Dienstaufsichtsfunktionen nicht in geeigneter Weise wahrgenommen werden. Hier sind die Innenminister gefragt. Und zwar dringend!
Lütt Matten 16.11.2018
2. Was ich mich frage,
ist was der Polizist Baack davon hat, wenn ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt. Nur wegen seiner Karriere bei der Polizei? Wenn das so ist, hat er nichts im Polizeidienst zu suchen. Rausschmeißen den Mann also.
jandokar 16.11.2018
3. Polizeigewalt
Auch wenn man natürlich Polizisten nicht alle über einen Kamm scheren kann. Polizeigewalt ist etwas alltägliches. Der 2016 fast erscossene Mann hat Glück gehabt, an diesen Richter gekommen zu sein. Üblicherweise wird man von Polizisten zusammengeschlagen und bekommt gleich noch eine Anzeige. Aus https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-07/bonn-israelischer-professor-angriff-polizei-beschuldigt 'Kurz nachdem ihm die Handschellen wieder abgenommen worden seien, habe ihn einer der Polizisten belehrt: "Don't get in trouble with the German police!" ' ist kein Einzelfall, sondern tägliche Routine. Ganz übel hat es diesen Mann erwischt https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/polizeigewalt-104.html. Dazu passt das selbstherrliche Auftreten dieses Herrn Baack. Ich empfehle nach Möglichkeit um Polizisten einen weiten Bogen zu machen.
ssaokar 16.11.2018
4.
seine andere art, meint wohl "ich habe zuviel krimiserien gesehen"
wille17 16.11.2018
5. Baak ist Gefahr für den Rechtsstaat
Als Strafverteidiger wird mir bei solchen Zeitgenossen nur schlecht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.