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Polizei-Skandal in Chicago: Die Rechtlosen vom Homan Square

Polizei in Chicago: Die Skandaltruppe Fotos
Google Street View

Die Polizei in Chicago hat ihren nächsten Skandal: Der "Guardian" berichtet über ein Gebäude, in dem Personen spurlos verschwinden, illegal verhört und eingesperrt werden - ohne Kontakt zu Anwälten. Das Vorgehen erinnert an Diktaturen.

Chicago - Brian Jacob Church glaubte, er werde nie wieder freikommen. Im Mai 2012 nahm ihn die Chicagoer Polizei fest, weil er mit anderen gegen den Nato-Gipfel in der Stadt protestiert hatte. Statt auf eine normale Polizeiwache wurde Church in ein ehemaliges Lagerhaus gebracht. Dem Gebäude hat der "Guardian" eine große Recherche gewidmet, Church hat der Zeitung seine Geschichte erzählt.

Was der Mann über das Haus am Homan Square berichtet, deckt sich mit den Erfahrungen von Anwälten sowie aktuellen und ehemaligen Polizisten: Die Polizei von Chicago betreibt mitten in der Stadt seit den späten Neunzigern eine Einrichtung, in der Festgenommenen elementare Rechte vorenthalten werden. Bürgerrechtsgruppen, Anwälte und dort einst Festgehaltene fühlen sich an geheime Verhörzentren des US-Geheimdienstes CIA im Nahen Osten erinnert:

  • Mehrere Anwälte berichten, ihnen sei der Zutritt vorübergehend oder sogar dauerhaft verwehrt worden.
  • Church sagt, er sei 17 Stunden lang gefesselt in einem fensterlosen Raum angekettet gewesen und befragt worden, ohne dass man ihn auf sein Recht zu schweigen hingewiesen oder ein Telefonat mit seinem Anwalt gestattet hätte.
  • Festgenommene sollen körperlich unter Druck gesetzt und angegriffen worden sein.
  • Im Februar 2013 starb ein festgenommener 44 Jahre alter Mann in der Einrichtung. Als angebliche Todesursache wird Heroinkonsum angegeben.
  • Augenzeugen berichten, Festgenommene seien in Käfigen aus Maschendrahtzaun eingesperrt worden. Zudem gebe es einen beträchtlichen Fuhrpark an Fahrzeugen, die das Militär der Polizei überlassen habe.
  • Anwälte und Angehörige Betroffener berichten, wenn jemand am Homan Square sei, habe man keine Chance, dies auf regulärem Weg zu erfahren. "Sie verschwinden einfach, bis sie auf einer Polizeiwache offiziell beschuldigt oder einfach wieder freigelassen werden", sagte ein Strafverteidiger dem "Guardian". Normalerweise ließen sich Festnahmen über eine öffentliche Datenbank finden. Die Zeitung zitiert eine andere Anwältin, es gebe unter Verteidigern ein offenes Geheimnis: "Wenn man einen Mandanten nicht im System finden kann, stehen die Chancen nicht schlecht, dass er dort ist."

"Wenn du reingehst, weiß niemand, was mit dir geschehen ist", sagte Church dem "Guardian". Und die Kriminologin Tracy Siska ergänzte, die Einrichtung zeige, dass die Grenze zwischen Strafverfolgung im Inland und militärischen Operationen im Ausland zunehmend verschwimme.

Chicagoer Polizisten erfolterten Mordgeständnisse

Die Polizei weist unter anderem via "Chicago Tribune" die Vorwürfe von sich, insbesondere, dass bei Verhören Gewalt angewendet werde. Auf detaillierte Fragen des "Guardian" ging sie nicht ein, sondern beließ es bei einer allgemeinen Mitteilung. An dem Standort sei nichts unzulässig, es handle sich um eine sensible Einrichtung, in der Einheiten verdeckter Ermittler stationiert seien - angeblich unter anderem zur Bekämpfung von Gangs.

Die Mitteilung der Polizei scheint allerdings angesichts der Vielzahl von Zeugen des "Guardian" und der Geschichte der Chicagoer Polizei mehr als zweifelhaft. Allzu oft verfuhr sie in der Stadt nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Die "Chicago Sun-Times" veröffentlichte 2011 eine Übersicht zu Anklagen gegen Polizisten: Allein zwischen 2005 und 2010 gab es Dutzende Verfahren wegen Drogengeschäften, Schlägen gegen Rollstuhlfahrer, Mordplänen gegen einen anderen Polizisten, Korruption, Informationsweitergabe an Gangs und die Mafia, Betrugs und des Versuchs, Bürgern Straftaten anzuhängen.

Ein Name sticht heraus: Jon Burge. Unter dem Polizisten im Rang eines Detective Commander wurden in Chicago in mindestens fünf Fällen Mordgeständnisse mit Folter erzwungen. Burge wurde 2011 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er unter Eid sein Wissen über die Folter verneint hatte. Burges Name ist zum Synonym für Polizeibrutalität und die Probleme des Chicago Police Department geworden: Die Stadt musste wegen der von ihm verantworteten Exzesse eine zweistellige Millionensumme für Gerichtskosten und Entschädigungen zahlen.

Geschönte Kriminalitätsstatistik

2007 kam eine Untersuchung der Universität von Chicago zu dem Ergebnis, Polizisten misshandelten Bürger, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen; nur in einem Prozent der mehr als 10.000 untersuchten Beschwerden hielt die Polizei Ermittlungen gegen den Polizisten für angebracht. Und nur in 19 Fällen wurde der Täter mehr als eine Woche vom Dienst suspendiert. Die "Chicago Tribune" berichtete, Vorgesetzte hätten korrupte Cops wissentlich geschützt und dadurch quasi dazu ermuntert, Straftaten zu begehen. Der Uni-Report konstatierte, man müsse schon großen Aufwand betreiben, um nichts vom Fehlverhalten der Polizei mitzubekommen.

So tragen Polizisten selbst zu den jährlich mehr als 300.000 Straftaten in der Stadt bei. Und selbst diese Zahl könnte zu niedrig liegen, zeigte die Zeitschrift "Chicago" im vergangenen Jahr in einer ausführlichen Recherche. Die Journalisten belegten, dass die Kriminalitätsstatistik von Polizisten geschönt wird, um die eigene Karriere voranzutreiben - und um Vorgaben aus dem Rathaus zu erfüllen: Weniger Verbrechen machen sich für einen Bürgermeister immer gut. Unter anderem belegte das Blatt, dass im Jahr 2013 in zehn Fällen Morde aus nicht nachvollziehbaren Gründen in ungeklärte Todesfälle umklassifiziert wurden - und damit aus der Statistik verschwanden.

Auch die Zählweise für weniger gravierende Straftaten wurde verändert: Diebstähle wurden nur noch erfasst, wenn es um mehr als 500 Dollar ging - und statt fast 75.000 Fällen waren es auf einmal nur noch rund 16.000. Aus Einbrüchen wurde unerlaubtes Betreten eines Grundstücks, aus dem Raub eines Laptops ein Fall verlorenen Eigentums. Hinzu kommt Personalmangel: "Chicago" berichtet unter Berufung auf Polizisten, dass es teilweise Stunden dauert, bis die Polizei nach einem Notruf eintrifft. In vielen Fällen hat das Opfer dann den Tatort verlassen - kein Bericht, eine Straftat weniger in der Statistik.

ulz

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Wen schockiert das heute?
tdi-meister 25.02.2015
Wer unter FEMA, DHS, NDDA oder martial law sucht (am besten bei Youtube), findet eine Menge Infos, die den aktuellen Zustand vom Land of the Free zeigt...
2. Diktatur
kp229 26.02.2015
Zitat: "Das Vorgehen erinnert an Diktaturen." Das Verhalten der USA erinnert nicht an Diktaturen, die USA sind eine Diktatur. Die eigenen Bürger werden überwacht, es werden weltweit Foltergefängnisse ohne rechtsstaatliche Überwachung betrieben, ausländische Regierungen werden gestützt oder gestürzt, je nachdem was den eigenen Interessen dient und wenn das Wahlergebnis nicht passt, wird es einfach passend gemacht. Der vermutlich einzige Unterschied zu einer klassischen Diktatur besteht wohl nur darin, dass es nicht einen Diktator gibt, sondern 0,1 %, auf deren Nutzen die gesamte Politik der USA ausgerichtet ist.
3. Ct
privacy=dignity 26.02.2015
Wäre der gleiche Artkel noch vor wenigen Jahren auf einer alternativen oder indy website erschienen hätte man so etwas als conspiracy theory abgetan. Heutzutage überrascht so ein Bericht niemanden mehr, eigentlich etwas, was vielen schon lange klar ist. Einige der Vorgehenweisen sind übrigens vom Gesetz gedeckt sofern es sich um Verdächtige handelt, denen man Terroristische Absichten oder nur Kontakt zu Terrorverdächtigen unterstellt. Wenn man sich vorstellt, wie das die Verdächtigen und ihre Angehörigen traumatisiert und deren Leben für immer schmerzhaft beeinflusst wird einem übel. Das Vertrauen in das Rechtssystem zu verlieren und hautnah zu erleben, dass das eigene Leben und die rechtliche Unversehrtheit denen, die es beschützen müssen gar nichts bedeutet ist eine tiefgreifende und entsetzliche Erfahrung, vergleichbar mit einem 9/11 der eigenen Persönlichkeit. Sensenbrenner lässt patriotisch grüssen.
4. wir müssen wieder unser eigenes Vorbild sein
kinngrimm 26.02.2015
Es wird Zeit, lest die Menschenrechte, lest die Europäische Konvention der Menschenrechte. Wir müssen sehen das wir hier zu einem Leuchtturm für diese Rechte werden. Definitiv sehe ich nicht die viel beschworenen "gleichen" Werte welche die USA mit Europa und Deutschland haben würden. Die CDU/CSU wiederhohlt dies Gebetsmühlenartig, heißt das den das diese auch für Folter und Polizeistaat sind? Vielleicht kommt es ja auch kurz zu einem Aufschrei der Entrüstung aber eine beständige Kritik? Zum Wohle von TTIP wird der Vasall Deutschland (Politiker wie Medien) dann beim nächsten Spin der Nachrichten wieder die Haken zusammen schlagen und in die Richtung marschieren die das Imperium USA vorgibt.
5. Das ist alles nicht gut
kayhawai 26.02.2015
Ich bin bekennender USA-Freund und verteidige diese in vielen Diskussionen. Aber so langsam wird es selbst mir unheimlich, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit und in welch erschreckendem Umfang die USA die eigenen Werte verraten und sich damit in eine schockierende Nähe zu übelsten Diktaturen stellt.
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