Polizei in den Niederlanden: Ratte Derrick geht auf Verbrecherjagd

Von Benjamin Dürr, Den Haag

Bei der niederländischen Polizei herrscht Sparzwang, das bringt die Gesetzeshüter auf ungewöhnliche Ideen: Die Behörde will demnächst Ratten einsetzen, die Verbrechen nachweisen sollen. Die ersten fünf Tiere werden zurzeit in Rotterdam ausgebildet. Mit großem Erfolg.

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Derrick ist der Beste. In 98,8 Prozent aller Fälle liegt er richtig. Eine solche Aufklärungsquote erreicht sonst wohl nur eine Maschine. Derrick, rattus norvegicus oder: gemeine Wanderratte, wird in Rotterdam gerade zur Spür-Ratte ausgebildet. Er kann Drogen oder den Stoff erschnüffeln, der als Rest von Munition nach einem Verbrechen noch an Menschen klebt.

Wer mit einer Pistole geschossen hat oder bei einer Schießerei dabei war, trägt Schmauchspuren. Bisher mussten sie aufwendig im Labor nachgewiesen werden. Die Polizei in den Niederlanden bildet zurzeit Derrick und vier andere Ratten aus, die günstiger und schneller sind als die Forscher in den Laboren.

Derrick und die vier Ratten Magnum, Poirot, Jansen und Janssen - alle benannt nach berühmten Detektiven - sind im abgedunkelten Raum einer Hütte im Nordosten von Rotterdam untergebracht. Nebenan lagern Seile, Decken und die Ausrüstung der Hundestaffel. Man hört das Rauschen der nahen Autobahn und das Bellen der Polizeihunde, deren Übungsplatz mit Tunneln und Brückchen hinter dem Haus liegt. Auch die Pferde stehen hier. Nun also hat ein drittes Polizeitier hier ein Plätzchen gefunden.

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Polizeiarbeit: Mit Ratten auf Verbrecherjagd
Derrick und die anderen Ratten werden von Monique Hamerslag trainiert. Sie lupft ihn auf den Tisch und in einen Käfig, an dem vier Beutelchen hängen. In einem davon ist Apaan, der Grundstoff für die synthetische Droge "Crystal Meth". Die Ratten sollen anzeigen, in welchem. Sie sind trainiert, vier verschiedene Stoffe zu erschnüffeln und zu unterscheiden. Derrick besitzt mehr als 1000 verschiedene Rezeptoren,die für die Wahrnehmung von Gerüchen entscheidend sind - ein Hund hat 900, ein Mensch 380.

Durchschnittlich erreichen die Ratten eine Trefferquote von 95 Prozent, sagt Monique Hamerslag. "Das wäre auch für einen Polizeihund eine gute Quote." Demnächst sind Derrick und die anderen so weit, dass sie in der Praxis zum Einsatz kommen können. Die Polizei in den Niederlanden will mit ihnen effizienter, schneller und günstiger werden. Das Land steckt in einer Wirtschaftskrise, und Ideen, die helfen, Kosten zu sparen, sind gefragt. Der Innovationsmanager bei der Polizei unterstützt den Einsatz von Ratten deshalb.

"Ratten können keine Polizeihunde ersetzen", sagt Hamerslag. "Aber sie können die Polizei günstiger und effizienter machen." Wenn heute nach einer Schießerei mehrere Verdächtige festgenommen werden, müssen die Proben von Schmauchspuren in ein Labor geschickt werden. Mit einem chemischen Mittel, Mikroskopen und Mitarbeitern dauere das mindestens zwei Stunden, sagt Rattentrainerin Hamerslag. "Ratten können dasselbe in zwei Sekunden." Der aufwendige und teure Labortest würde dadurch erst einmal vermieden, wenn die Ratte nicht anschlägt.

"Theoretisch könnte man die Ratten auf jeden Stoff trainieren"

Derrick und die anderen hätten außerdem die Funktion von Schnelltestern: Die Gesetze in den Niederlanden verbieten es, Verdächtige länger als sechs Stunden festzuhalten. Bisher mussten sie oft wieder laufengelassen werden, weil die Tests länger dauerten. Durch den Einsatz der Tiere könne man Unbeteiligte schnell herausfiltern. "Die Ratten können einen Anhaltspunkt geben, wen man näher untersuchen muss." Sollte Derrick Alarm schlagen und Schmauchspuren finden, wäre aber auch in Zukunft noch ein Labortest nötig, um vor Gericht verwertbare Beweise zu haben. Das Urteil einer Ratte dürfte einem Richter nicht reichen.

Derrick und die Spür-Ratten können schon deshalb keine Hunde ersetzen, weil sie nicht mit an den Tatort gehen. An den Verdächtigen wird nicht gerochen. "Das würde die Person nicht gut finden, und die Ratte auch nicht", sagt Hamerslag. Nach einer Schießerei werden Proben von Gesicht, Armen und Händen genommen und zu den Ratten gebracht.

Die Idee dazu ist vor zwei Jahren entstanden. Hamerslag, Tierliebhaberin schon als Kleinkind und studierte Lateinamerikanistikerin, schrieb ihre Abschlussarbeit an der Polizeiakademie über Tiere am Tatort und bei Ermittlungen. Weil in Afrika bereits Ratten ausgebildet werden, um Landminen aufzuspüren, wollte sie probieren, ob man sie nicht auch für andere Stoffe einsetzen kann.

In den vergangenen zwei Jahren hat sie in Rotterdam experimentiert. "Theoretisch könnte man sie auf jeden Stoff trainieren", sagt Monique Hamerslag. "Selbst auf Zahnpasta." Bisher ist nur noch die Ausbildung der Tiere zeitaufwendig. Demnächst will die Polizei in Rotterdam aber eine computergesteuerte Maschine anschaffen, die die Ratten trainiert.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. clevere Idee
Lagenorhynchus 16.09.2013
Die Niederländer haben mit gesundem Pragmatismus mal wieder ...die Nase vorn. Gewissermaßen. Respekt. Computergesteuertes Rattentraining ist eine richtig clevere Idee. Das kann man in großem Stil betreiben, die lieben Tierchen machen sich nützlich - und es wird binnen kurzem besonders geeignete Rattenstämme geben. Denn durch ganz simple Zucht kann man schnell Superschnüffler heranziehen. Ich würde sofort in diesem Bereich investieren.
2. Optimierungswahn
velociraptor 16.09.2013
Zitat von LagenorhynchusDenn durch ganz simple Zucht kann man schnell Superschnüffler heranziehen.
Die Tiere erreichen derzeit 95 % Trefferquote, das sollte doch genügen. Wozu gleich eine "Superratte" züchten?
3. Nur 95 %
noalk 16.09.2013
Was passiert mit den 5 % der Täter, deren Schmauchspuren nicht von den Ratten erkannt werden? Ausschlusskriterium für die deutsche Polizei.
4. optional
spon-facebook-1629421895 17.09.2013
hm, als dealer würd ich mir ein paar gute hauskatzen vom bauernhof hohlen...
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