Polizeigewalt in New York "Ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen"

Der New Yorker Eric Garner starb, nachdem er von einem Polizisten in einen Haltegriff genommen, mutmaßlich gewürgt und überwältigt wurde. Der Fall löst in den USA Diskussionen aus: War das Handeln der Cops gerechtfertigt?


New York - Der Mann ist sichtlich erregt, er fuchtelt mit den Armen, die Polizisten halten vorerst noch Abstand. "Jedes Mal, wenn ihr mich seht, legt ihr euch mit mir an! Ich habe es satt! Damit ist ab jetzt Schluss", ruft Eric Garner, 43 Jahre alt, rund 1,90 Meter groß und bestimmt 160 Kilogramm schwer. Der Hüne ist bei der Polizei kein Unbekannter, 31-mal wurde er laut New York Police Department seit 1988 festgenommen, unter anderem wegen Drogenbesitzes und des illegalen Verkaufs von Zigaretten.

Aber an diesem Donnerstagnachmittag in Staten Island, so beschwört es Garner immer wieder, habe er nichts getan. Zwei Polizisten verdächtigen ihn, erneut Zigaretten verkauft zu haben. Ein Bekannter Garners hält die Szene auf Video fest. "Ich habe nichts verkauft. Ich habe gar nichts gemacht. Ich mach hier nur mein Ding, Officer. Bitte lass mich einfach in Frieden", ruft Garner.

Was dann auf dem Video zu sehen ist und von der Zeitung "New York Daily News" veröffentlicht wurde, hat nicht nur in der Stadt Diskussionen ausgelöst. Als die Polizisten Garner Handschellen anlegen wollen, setzt er sich zur Wehr ("Fass mich nicht an"), wird aber nicht gewalttätig. Ein Polizist legt ihm von hinten den Arm um den Hals, nimmt ihn offenbar in einen Würgegriff, weitere Beamte kommen hinzu, ringen ihn gemeinsam zu Boden, einer drückt den Kopf des Verdächtigen auf den Asphalt. "Ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen", bringt Garner noch mehrmals hervor, dann verliert er das Bewusstsein.

Eric Garner, Vater von sechs Kindern, ist nach dieser Festnahme gestorben. Er erlitt vermutlich einen Herzstillstand, wie die Polizei mitteilte. Die genaue Todesursache muss noch festgestellt werden. Aber der Fall hat schon jetzt in New York eine Debatte über Polizeigewalt ausgelöst.

Bürgermeister Bill de Blasio verschob seinen Urlaub um einen Tag und kündigte eine gründliche Untersuchung an. Unter anderem muss geklärt werden, ob wirklich ein verbotener Würgegriff angewendet wurde, um den deutlich kräftigeren Garner zu überwältigen.

Zwei Polizisten, die an der Festnahme beteiligt waren, wurden in den Innendienst versetzt - eine Maßnahme, die wiederum von der Polizeigewerkschaft kritisiert wurde. Gegen einen der Männer waren bereits in den vergangenen Jahren Beschwerden laut geworden. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf eine Quelle bei der New Yorker Feuerwehr, dass auch vier beteiligte Rettungssanitäter keine Notrufeinsätze mehr fahren dürfen, solange der Fall untersucht wird.

Am Samstag fanden in Harlem und Staten Island Protestzüge mit Garners Hinterbliebenen statt. Der Tod des Familienvaters könnte das Verhältnis zwischen der schwarzen Gemeinde und der Polizei schwer belasten, sagte der bekannte schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton.

"Big E.", wie Garners Freunde ihn nannten, litt US-Medienberichten zufolge an Asthma. An dem verhängnisvollen Nachmittag in Staten Island hatte er vor dem Polizeieinsatz angeblich einen Streit geschlichtet - das behauptet er zumindest in dem Video und das erzählt auch sein Bekannter, der den Film drehte.

Laut "Los Angeles Times" ist es den meisten Polizisten in amerikanischen Großstädten verboten, Würgegriffe einzusetzen. Auch den New Yorker Sicherheitskräften ist diese Praxis seit mehr als 20 Jahren untersagt. Die städtische Beschwerdestelle kündigte an, mehr als tausendmal Würgegriff-Beschwerden der vergangenen fünf Jahre noch einmal zu untersuchen, um herauszufinden, warum Polizisten dieses verbotene Mittel noch immer einsetzen. Kaum einer der gemeldeten Fälle hatte Konsequenzen, meistens ließen sich die Anschuldigungen nicht nachweisen.

hut/AP/Reuters

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