Fall Reeva Steenkamp: Pistorius-Ankläger in der Defensive

Von Simone Utler

Die Anhörung über eine mögliche Freilassung von Oscar Pistorius ist vertagt worden - Prozessbeobachter sind überrascht. Die Ermittler haben große Mühe, dem Sportler Vorsatz nachzuweisen. Der Tag vor Gericht brachte viele neue Details, vor allem aber Ungereimtheiten und Widersprüche.

Pretoria - Die Anhörung zu einer möglichen Freilassung von Oscar Pistorius gegen Kaution entwickelt sich immer mehr zu einem kleinen Prozess: Zwei Tage waren ursprünglich angesetzt, das Magistratsgericht in Pretoria hätte eigentlich am Mittwoch entscheiden sollen, ob der unter Mordverdacht stehende Sportler bis zur Hauptverhandlung im Gefängnis bleiben muss. Doch nach einem intensiven Tag voller widersprüchlicher Aussagen erklärte das Gericht, mehr Zeit zu brauchen.

Den Tag bestimmten Ausführungen von Staatsanwaltschaft und Polizei über ihre bisherigen Erkenntnisse zur Tatnacht. Pistorius hatte in der Nacht zum Valentinstag in einer Toilette seines Hauses in Pretoria seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen. Er spricht von einem furchtbaren Versehen, die Ermittler gehen von Vorsatz und Mord aus und versuchen, dies vor Gericht zu belegen. Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass es offenbar einen Streit zwischen dem Paar gegeben habe und sich Steenkamp in die Toilette geflüchtet und dort eingesperrt habe.

Die Polizei ist gegen eine Freilassung von Pistorius, da Fluchtgefahr bestehe. Bis zum Mittag sah es auch so aus, als ob sich die Aussichten des mordverdächtigen Sprinters zunehmend verschlechterten. Die Staatsanwaltschaft berichtete von einer Zeugin, die aus dem Haus von Pistorius in der Tatnacht "unablässiges Geschrei" gehört haben soll. Ein weiterer Zeuge soll erst Schüsse, dann Schreie, dann wieder Schüsse gehört haben.

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Kautionsverhandlung Oscar Pistorius: Ermittler kontra Verteidigung
Anschließend führte der leitende Polizeiermittler Hilton Botha Details der Tatnacht aus. Vier Schüsse seien auf die Toilettentür abgefeuert worden, Steenkamp sei an Kopf, Ellbogen und Hüfte verletzt worden. Dem Ermittler zufolge wusste Pistorius, dass seine Freundin in dem Raum war. Die Schüsse hätten klar die Toilettenschüssel als Ziel gehabt. Außerdem sagte der Ermittler aus, im Schlafzimmer des Sportlers seien Testosteron, Injektionsnadeln und Munition vom Kaliber .38 gefunden worden.

Ermittlungsbehörden revidieren Aussage

Am Nachmittag wendete sich das Blatt jedoch: Die Verteidigung nahm die Ermittler in die Mangel und versuchte, verschiedene Punkte zu widerlegen - zum Teil offenbar erfolgreich. Anwalt Barry Roux führte aus, eine im Haus gefundene und als Testosteron benannte Substanz sei kein Steroid, sondern ein "pflanzliches Heilmittel", das Pistorius nehmen dürfe und genommen habe. Die Polizei musste einräumen, die lokale Apotheke nicht dazu befragt zu haben.

Ein Sprecher der Ermittlungsbehörden erklärte am Abend noch einmal ausdrücklich, dass es sich bei der Aussage zu dem angeblichen Testosteronfund um einen Fehler gehandelt habe. Man könne noch nicht sagen, um welche Substanz es sich handele, da noch keine forensischen Tests gemacht worden seien.

Auch die Aussagen der Zeugen über die Schreie wurden von dem Anwalt hinterfragt. Daraufhin sagte Ermittler Botha, der Zeuge habe sich rund 600 Meter von Pistorius' Haus entfernt befunden. Auf Nachhaken des Staatsanwalts korrigierte er sich und sagte, die Distanz sei deutlich geringer gewesen.

Auch die Erkenntnisse zu den Schüssen scheinen noch nicht eindeutig zu sein. Botha führte vor Gericht aus, die Schüsse seien von oben nach unten abgegeben worden, wohl aus einer Höhe von etwa 1,50 Meter. Dies könnte der Aussage von Pistorius widersprechen, er habe zum Tatzeitpunkt seine Prothesen noch nicht angehabt, sondern sei auf seinen Beinstümpfen ins Bad gelaufen.

Staatsanwalt Nel erklärte anhand einer Skizze des Hauses, Pistorius sei auf dem Weg zum Bad am Bett vorbeigekommen und hätte sehen müssen, dass Reeva dort nicht gelegen habe. Außerdem sei das Holster der Waffe unter der linken Seite des Bettes gefunden worden, auf der Steenkamp gelegen hatte. Nach Angaben seines Anwalts hatte jedoch Pistorius aufgrund einer Verletzung an der rechten Schulter in der Tatnacht auf der linken Seite des Bettes geschlafen.

Noch keine Ergebnisse von Ballistik und Rechtsmedizin

Die Polizei räumte am Mittwoch ein, bisher weder die Ergebnisse der Rechtsmediziner noch der Ballistiker zu haben. Viele der Untersuchungen dauerten noch an. In einem Kreuzverhör des Pistorius-Anwalts Roux musste Botha zugeben, dass am Tatort keine Belege dafür gefunden worden seien, die den Darstellungen von Pistorius widersprächen.

Der Sportler hatte am Dienstag eine eidesstattliche Erklärung verlesen lassen. Demnach hatte das Paar einen friedlichen Abend miteinander verbracht, kurz nach 22 Uhr sei man im Schlafzimmer gewesen, er habe Fern gesehen, Steenkamp habe Yoga gemacht. Mitten in der Nacht habe er in der Toilette ein Geräusch gehört und einen Einbrecher vermutet. Ohne seine Prothesen aber mit seiner Neun-Millimeter-Pistole sei er ins Bad gelaufen und habe auf die geschlossene Toilettentür gefeuert. Erst später habe er bemerkt, dass er Steenkamp getroffen habe.

Die Ermittler fanden zwei iPhones im Bad und zwei Blackberrrys im Schlafzimmer, von keinem der Telefone wurde laut Staatsanwalt Gerrie Nel die Polizei gerufen. Doch Verteidiger Roux erläuterte vor Gericht, Pistorius habe von einem fünften Telefon aus den Sicherheitsdienst der Wohnanlage und kurz darauf einen privaten Rettungsdienst gerufen.

All diese Ungereimtheiten scheinen auch die Richter noch zu beschäftigen. Prozessbeobachter zeigten sich überrascht, als die Kautionsverhandlung erneut vertagt wurde. Das Gericht hatte am ersten Tag der Anhörung bereits die Klage der Staatsanwaltschaft auf "vorsätzlichen Mord" zugelassen. Dieser Anklagepunkt steht auf der in Südafrika bestehenden Skala von 1 bis 6 auf der höchsten Stufe, weil er als "extrem schweres Verbrechen" gewertet wird. Im Gegensatz dazu fällt in Südafrika "einfacher Mord", nach deutschem Verständnis Totschlag, unter die sogenannte Schedule 5. Wer des Vorsatzes beschuldigt wird, kommt selten auf Kaution frei.

Einer Reporterin des Senders Sky zufolge zeigten sich die Angehörigen von Pistorius am Ende des Gerichtstages sehr optimistisch und gelöst.

Bis zu einer Entscheidung bleibt Pistorius in einer Zelle des Brooklyn-Polizeireviers in Pretoria. Üblicherweise werden Mordverdächtige in ein Untersuchungsgefängnis gebracht.

Öffentliche Stimmung gegen Pistorius

Die Stimmung in dem Land richtet sich vehement gegen den Sportler, vor dem Gericht in Pretoria machten zahlreiche Demonstranten ihrer Wut Luft. "Verrotte im Gefängnis", schrie eine Demonstrantin bei der Ankunft des Paralympics-Stars am Morgen.

Viele Südafrikaner sind enttäuscht von der einstigen Sportikone. Bei TV-Straßenumfragen finden sich wenige, die ihm abnehmen, er habe seine Freundin aus Versehen erschossen. "Was für eine absurde Geschichte!", sagte ein junger Mann in Pretoria. "Einbrecher verbarrikadieren sich nicht im Badezimmer", sagte eine Frau in Johannesburg.

Für Frauen- und Menschenrechtsorganisationen in Südafrika ist der Fall Anlass, um auf die dramatische Lage im Land hinzuweisen. Kein Tag vergeht ohne Verbrechen. Die Mutmaßungen über die Schuld des unterschenkelamputierten Profisportlers haben jedoch solche Ausmaße angenommen, dass Sportminister Fikile Mbalula seine Landsleute vor einer Vorverurteilung warnte: Im Rechtsstaat müsse das "Prinzip der Unschuldsvermutung" beachtet werden.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) befürchtet im Falle eines tatsächlichen Dopingfunds bei Pistorius einen erheblichen "Beigeschmack" für den gesamten Behindertensport. "Eines muss man festhalten: Der Fund von Dopingmitteln ist keine positive Dopingprobe. Er ist vielleicht ein Indiz, kann aber noch nicht gegen ihn vorgebracht werden", sagte DBS-Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb. Ein Dopingbeweis jedoch würde "den Hero des Behindertensports vom Sockel stoßen".

mit Material von Reuters, AP und dpa

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1.
dongerdo 20.02.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Anhörung über eine mögliche Freilassung von Oscar Pistorius ist vertagt worden - Prozessbeobachter sind überrascht. Die Ermittler haben große Mühe, dem Sportler Vorsatz nachzuweisen. Der Tag vor Gericht brachte viele neue Details, vor allem aber Ungereimtheiten und Widersprüche. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/polizei-kann-pistorius-version-des-todes-von-steenkamp-nicht-widerlegen-a-884554.html
Soviel zu den ganzen Forenbeiträgen gestern die den genauen Tathergang als absolut sonnenklar darstellten und alles sowie ganz einfach wäre - sogar die zu erwartende Strafe war ja schon absolut klar.... Was kommt jetzt? Verschwörungstheorien dass der Staat Pistorius retten will???
2. OJ Simpson
Benutzernameoptional 20.02.2013
An OJ Simpson erinnert der Fall. Indizienprozesse sind für die Staatsanwaltschaft schwer zu gewinnen.
3. optional
CStonre 20.02.2013
Was müssen das für ominöse Geräusche aus der Toilette gewesen sein, die einen nicht annehmen lassen, jemand wäre nachts aufgewacht und auf die Toilette gegangen (was ja durchaus vorkommen soll), sondern ein Einbrecher hätte sich dort verschanzt? Abgesehen davon ist es eine traurige Ironie des Schicksals, daß so eine Bluttat ausgerechnet in einer Hochsicherheitssiedlung passiert, nicht durch Eindringlinge, sondern einen privilegierten Bewohner selbst.
4. .
pyramidengrab 20.02.2013
Zitat von dongerdoSoviel zu den ganzen Forenbeiträgen gestern die den genauen Tathergang als absolut sonnenklar darstellten und alles sowie ganz einfach wäre - sogar die zu erwartende Strafe war ja schon absolut klar.... Was kommt jetzt? Verschwörungstheorien dass der Staat Pistorius retten will???
Jedenfalls ist der Fall noch vor Gericht. Es ist sehr seltsam, daß jemand mirnichts dirnichts durch die Badezimmertür feuert, das hat auch Bubi Scholz nicht grundlos getan und dafür gebüsst.
5. Irgendwie ...
BBTurpin 20.02.2013
... fällt einem dabei der Fall O.J. Simpson ein. Es kann natürlich nie schaden, wenn man Geld genug hat, um sich die besten Anwälte und Medienmanipulateure ("Spin-Doctors") leisten zu können.
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Fläche: 1.219.000 km²

Bevölkerung: 50,492 Mio.

Hauptstadt: Pretoria

Staats- und Regierungschef: Jacob Zuma

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