Schüler in Memmingen: "Wenn ihr mich ärgert, knall ich euch ab"

Von Dominik Drutschmann und , Memmingen

Drama in Memmingen im Allgäu: Ein 14-Jähriger bedroht seine Lehrerin, schießt auf den Boden. Dann flieht er auf einen Sportplatz, wieder fallen Schüsse. Erst nach mehreren Stunden konnte die Polizei den Achtklässler am Dienstag festnehmen. Über sein Tatmotiv ist noch nichts bekannt.

Steinheim im Allgäu, ein 2800-Einwohner-Vorort von Memmingen. Das Sportheim am Dorfrand ist ein zweigeschossiges Gebäude, auf dem Dach Solarzellen, die obere Etage leuchtend grün gestrichen. Wenn Regina Buhmann auf ihrer Terrasse steht, muss sie nur über die angrenzende Straße schauen, um das Sportheim zu sehen. Dort, wo sonst die Fußballer vom SV Steinheim ihre Heimspiele austragen, feuerte am Dienstag ein 14-Jähriger um sich. Der Junge hatte zuvor an einer Schule einen Schuss abgegeben und eine Lehrerin bedroht.

Es ist 17 Uhr, als Regina Buhmann Polizisten in ihrem Vorgarten sieht. Sie solle die Fenster und Türen geschlossen halten, so die knappe Anweisung. Spätestens da wusste sie, dass etwas Schlimmes passiert ist.

Gut drei Stunden später ziehen die Polizisten wieder ab. Polizeisprecher Thorsten Ritter verkündet das Ende eines Dramas; Festnahme des Schülers durch ein Sondereinsatzkommando, keine Verletzten. "Ein Psychologe der Polizei hat ein Handy auf dem Sportplatz abgelegt", sagt Buhmann SPIEGEL ONLINE. Nachdem der Jugendliche das Handy aufgenommen hat, fällt ein weiterer Schuss. "Da dachten wir alle, jetzt hat er sich erschossen", sagt Buhmann.

Eskalation beim Mittagessen

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Schütze auf Sportplatz festgenommen: Alarm in Memmingen
Angefangen hatte alles am Vormittag in der Lindenschule, einer Grund- und Hauptschule in Memmingen. "Wenn ihr mich heute ärgert, knall ich euch alle ab", habe der 14-Jährige gedroht, berichtet ein Mann, dessen Neffe in einer Klasse mit dem Täter ist. Beim gemeinsamen Mittagessen habe er dann die Lehrerin mit einer Waffe bedroht und einen Schuss in den Boden abgegeben. Daraufhin sei er geflüchtet. Gegen 15 Uhr wird die Schule evakuiert und alle Schüler werden auf den Parkplatz eines nahegelegenen Supermarktes geführt. "Dabei waren die Schüler jederzeit in Begleitung von Polizeibeamten", sagt ein Polizeisprecher.

Der 14-Jährige flieht in die angrenzende Gemeinde Steinheim. Mehrere Polizeiwagen sichern die Wohngegend rund um den Sportplatz. An einer Polizeisperre am Oberen Buxheimer Weg, rund hundert Meter vom Platz entfernt, steht auch Günter Herbrik. Weil der zweifache Familienvater einen Arzttermin hatte, hat seine Frau den achtjährigen Sohn Louis zum Fußballtraining gebracht. Als der Trainer die Jungs auf den Sportplatz führt, bemerken sie den Jugendlichen, der auf der Auswechselbank sitzt "und sofort aggressiv wurde", sagt Günter Herbrik. Die Jugendlichen sehen, dass er bewaffnet ist, Louis flieht mit einigen von ihnen über das angrenzende Maisfeld. Herbriks Frau flüchtet ins Sportheim und verschanzt sich im Keller.

Mittlerweile sind dort Polizisten eingetroffen. Auch deshalb wirkt Herbrik, der über die ganze Zeit mit seiner Frau telefoniert, gefasst: "Solange nichts passiert, ist das ja noch interessant. Ich hoffe nur, dass mein Sohn das gut verkraftet und jetzt keine schlaflosen Nächte hat."

In der Schützenstraße 25 steht Florian Schnur in Steinwurfnähe vom Tatort entfernt und verfrachtet die Einkäufe aus dem Familien-Kombi. "Heute ist es hier so ruhig wie sonst nie", sagt der 31-Jährige und trägt das Laufrad seiner Tochter in den Garten. Auf den Balkonen stehen die Anwohner, die Stimmung ist angespannt. "Wenn es so nah vor der Haustür passiert, ist das schon erschreckend", sagt der Florian Schnur. Seine Frau schaut aus dem Fenster im oberen Stockwerk. "Jetzt komm doch endlich ins Haus", ruft sie.

Schüsse auf dem Sportplatz

Es ist abends, als drei Wagen mit Münchener Kennzeichen in den Oberen Buxheimer Weg einbiegen. Hinter den verdunkelten Scheiben sind die vermummten Gesichter der Polizisten zu erkennen. Schon vor Stunden soll ein weiteres Spezialeinsatzkommando mit dem Hubschrauber gelandet sein. Eine junge Polizistin mit dunklem Pferdeschwanz verscheucht Passanten von der Absperrung: "Meinen Sie denn, wir stehen zum Spaß hier", fährt sie einen Radfahrer an. Mehrere Schüsse sind vom Sportplatz her zu hören - weit über zwanzig sollen es am Ende gewesen sein. Die Polizei habe nicht zurückgefeuert, sagt ein Polizeisprecher.

Am Abend äußert sich der Memminger Oberbürgermeister Ivo Holzinger (SPD) gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er war den ganzen Tag in Berlin. Als er vom Geschehen in seiner Stadt erfuhr, habe er alle weiteren Termine abgesagt und sei sofort zurück geflogen. "Das muss eine Kurzschlusshandlung gewesen sein", sagt Holzinger. Tatsächlich ist über das Motiv des Jugendlichen nichts Definitives bekannt, manche spekulieren über Liebeskummmer.

Indes werden weitere Details über die Familie des Jungen bekannt. So sei der Vater des 14-Jährigen langjähriges Vorstandsmitglied und zweiter Vorsitzender der "Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft 1414 Memmingen" - ein Schützenverein. Davon gibt es noch sieben weitere in und um Memmingen.

"Schützenvereine gehören hier zum Dorfleben einfach dazu", sagt ein Steinheimer, als die ersten Polizeiwagen längst das Gelände um den Sportplatz abgesperrt haben. Wie zum Beweis steht an der Dorfstraße ein Plakat und bewirbt das anstehende Schützenfest. Vom 6. bis zum 10. Juni soll im Festzelt gefeiert werden, Jubiläum. Der Steinheimer Schützenverein wird 100 Jahre alt.

Mitarbeit: Lena Müssigmann

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