Von Jens Witte
Aaron Defant hatte sich auf einen ruhigen Theater-Abend mit ein paar Freunden in Stuttgart gefreut. Er hatte am vergangenen Donnerstag Karten für "Vorher/Nachher - eine bedenkliche Reise im Bus", frei nach Kafkas "Die Verwandlung". Defant war etwas zu früh am Treffpunkt, wartete vor dem Hauptbahnhof. Und plötzlich war es vorbei mit dem ruhigen Abend.
Gegen 20.30 Uhr standen zwei Polizisten hinter ihm, hielten ihn fest, verlangten seinen Ausweis. "Im ersten Moment dachte ich, es hätte was mit Stuttgart 21 zu tun, weil ich direkt am Bauzaun stand", sagt der 29-Jährige. Aber dem umstrittenen Bahnhofsumbau galt das Interesse der Polizei nicht, sondern seinem Job.
Defant ist Schauspieler. Für eine Folge der ZDF-Fahndungsserie "Aktenzeichen XY ... ungelöst" mimte er einen Räuber, der ein Schmuckgeschäft im rheinland-pfälzischen Kirn überfallen hatte. Die Sendung wurde am 14. März ausgestrahlt. Fünf Wochen später glaubte ein Zuschauer den Dieb in Stuttgart erkannt zu haben - und alarmierte die Polizei.
Premiere in mehr als 40 "XY"-Jahren
"Ich hab schon damit gerechnet, dass das irgendwann mal passiert", sagt Defant, der bereits mehrmals einen Täter für "Aktenzeichen XY ... ungelöst"-Fälle spielte. "Jetzt ist es wirklich passiert."
Aaron Defant, der unter anderem für die ARD-Vorabendserie "Marienhof" vor der Kamera stand, sei "einer kurzen Personenkontrolle unterzogen" worden und habe dies recht gelassen genommen, so ein Polizeisprecher. Der Schauspieler konnte die Beamten vor Ort schnell davon überzeugen, den Schmuckdieb nur gespielt zu haben. "Ich habe den Fall geschildert und erklärt, dass ich bei 'Aktenzeichen XY ... ungelöst' mitwirke", sagt Defant.
Rudi Cerne moderiert die Sendung seit zehn Jahren. "Seitdem wurde noch kein Schauspieler von der Polizei als mutmaßlicher Täter verhaftet. In der Regel fahnden wir also schon nach Tätern, nicht nach Schauspielern", so der 53-Jährige. "Wir haben auch noch mal in den Archiven gewühlt, aber es war zum Glück das erste Mal in mehr als 40 Jahren 'Aktenzeichen XY ... ungelöst', dass so etwas passiert ist", sagt eine Sprecherin der Sendung.
Parallelen zu Moderator Rudi Cerne
Er könne sehr gut nachvollziehen, was Defant passiert sei, so Cerne. Er hatte erst kürzlich in einem SPIEGEL-Interview gesagt, es sei schlimm, wenn jemand zu Unrecht verdächtigt werde: "Mir ist das selbst mal passiert. Ich weiß es genau, es war am 27. Dezember 1978, als ich am Flughafen Düsseldorf verhaftet wurde." Von Beamten mit gezückten Maschinenpistolen. Obwohl Cerne zu diesem Zeitpunkt bereits Deutscher Meister war, glaubte ein Mann, in dem Eiskunstläufer aus Herne den RAF-Terroristen Christian Klar erkannt zu haben. "Tatsächlich gab es ein Fahndungsfoto, auf dem Klar mir ähnelte. Man hat mich schnell wieder laufenlassen."
Auch die Verwechslung von Aaron Defant am Stuttgarter Hauptbahnhof war nach zehn Minuten aufgeklärt. Obwohl die Beamten sehr freundlich gewesen seien, sei es doch eine unangenehme Situation gewesen, sagt der Schauspieler. "Es waren jede Menge Menschen unterwegs, die sich die Szene mit großem Interesse angesehen haben."
Darunter auch der Mann, der Defant als vermeintlichen Räuber ausgemacht hatte. "Er kam hinterher zu mir, hat sich entschuldigt und mich noch auf einen Kaffee eingeladen", sagt Defant. Über den Vorfall hätten beide schon wieder lachen können. Der Schauspieler ist froh, dass alles so glimpflich ablief: "Es hätte ja auch jemand sein können, der den Helden spielen will und mich angreift." Defant war sogar rechtzeitig im Theater.
Der echte Juwelendieb von Kirn ist übrigens noch nicht geschnappt. Die Polizei geht derzeit noch Dutzenden Hinweisen aus dem gesamten Bundesgebiet nach.
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