Großrazzia gegen Hells Angels Kraftakt der Staatsmacht

Menschenraub, Körperverletzung, Bildung einer kriminellen Vereinigung: Hunderte Polizisten sind in Hessen, Rheinland-Pfalz und NRW gegen Hells Angels vorgegangen. Die Aktion zeigt, wie gefährlich die Szene weiterhin ist.

Zwei Hells Angels in typischer Kluft (Archiv): Razzia im Rockermilieu
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Zwei Hells Angels in typischer Kluft (Archiv): Razzia im Rockermilieu

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Sie kamen am frühen Morgen. Beamte der Polizei stürmten in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen durch verschlossene Türen, die Waffen griffbereit. Insgesamt rückten 650 Ordnungshüter und ein Dutzend Staatsanwälte zu der großangelegten Aktion gegen den Rockerclub Hells Angels aus.

Grund für den Kraftakt der Staatsmacht ist ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Koblenz. Die Behörde geht derzeit dem Verdacht nach, dass sich die Rocker zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen haben. Auch sollen sie sich des erpresserischen Menschenraubs, der Nötigung und Körperverletzung schuldig gemacht haben. Laut Staatsanwaltschaft kamen dabei unter anderem Mitglieder konkurrierender Motorradbanden zu Schaden.

Auch das Haus von Rockerboss Karl-Heinz "Kalli" B. im rheinland-pfälzischen Anhausen war Ziel des Polizeieinsatzes. B. hatte eine Zeit lang den Bonner Ableger der Hells Angels angeführt, das Charter jedoch vor einiger Zeit aufgelöst. Im Anschluss versuchten andere Gangs in der Stadt Fuß zu fassen, darunter die Bandidos. Bei den jetzt untersuchten Gewalttaten dürfte es aber eher um Auseinandersetzungen mit dem Motorradclub Outlaws im Jahr 2013 gehen. B. und fünf weitere Rocker wurden schließlich verhaftet.

Der Anwalt von Karl-Heinz B. ließ eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zunächst unbeantwortet. Hells-Angels-Sprecher Rudolf "Django" Triller fasste sich kurz: "Kein Kommentar."

Die neuerliche Polizeiaktion gegen die Rockerszene zeigt: Trotz aller Befriedungsversuche bleibt das Milieu hochgefährlich. Rocker hätten "Zugang zu Waffen unterschiedlichster Art. Sie scheinen auf Waffendepots jederzeit schnellen und unmittelbaren Zugriff zu haben", heißt es in einem vertraulichen Lagebericht des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts (LKA). So sei sowohl bei "spontanen Gewalttätigkeiten" als auch bei geplanten Straftaten jederzeit mit dem Einsatz von Waffen zu rechnen. "Dies gilt insbesondere auch für Schusswaffen."

Nachbarn finden Kugel im Hausflur

So tötete etwa der auch jetzt wieder im Fokus der Behörden stehende Hells Angel "Kalli" B. im März 2010 den Polizeioberkommissar Manuel K., 42, mit Pistolenschüssen. Der Beamte wollte morgens mit seinem Spezialeinsatzkommando das Haus des Rockers stürmen, woraufhin der aus dem Schlaf gerissene B. erst "Verpisst euch!" rief und dann durch die geschlossene Tür feuerte.

Das Landgericht Koblenz verurteilte den Rocker daraufhin wegen Totschlags zu fast neun Jahren Gefängnis, doch der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung auf und sprach B. schließlich frei. Der Hells Angel habe sich von Mitgliedern der rivalisierenden Bandidos bedroht gefühlt und in irrtümlicher Notwehr geschossen, so das Gericht.

Trotz des seither gestiegenen Ermittlungsdrucks bei der Polizei tragen die Banden weiterhin ihre Revierkämpfe in Deutschland aus - vielfach mit Waffengewalt:

  • Mitte Februar feuerten nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen wahrscheinlich Hells Angels auf die Tür einer Shisha-Bar in Köln. Zuvor sollen die Männer versucht haben, Schutzgeld von den Betreibern zu erpressen.
  • Zehn Tage später schoss ein Unbekannter auf die Tür eines Mehrfamilienhauses im rheinischen Pulheim, in dem ein Hells Angel lebt. Der Rocker war nicht zu Hause, Nachbarn fanden die Kugel im Hausflur.
  • Und ebenfalls Mitte Februar fanden Beamte im hessischen Dietzenbach bei Anwärtern des Hells Angels Charters "Luxemburg G-Town" unter anderem zwei Maschinenpistolen mit Schalldämpfern und gefüllten Magazinen.

Inzwischen verlaufen die Konfliktlinien in der Rockerszene nicht mehr nur zwischen konkurrierenden Gangs. Auch innerhalb der Hells Angels in Deutschland tobt ein erbitterter Machtkampf, in dem immer wieder zu den Waffen gegriffen wird. (Die Hintergründe zu diesem "Bruderkrieg" lesen Sie hier) Nach Informationen des SPIEGEL fürchtet die Polizei inzwischen ein Wiederaufflammen der blutigen Fehden.

Eigentlich sollte der Konflikt zwischen den jungen Wilden der Bande und den etablierten Altrockern auf einem Treffen im Dezember in Magdeburg beigelegt werden. Dem LKA-Papier zufolge verständigten sich die Hells Angels dort darauf, die aufmüpfige Rockerjugend in bestehende Klubstrukturen zu integrieren. Sie sollte dabei "von Mentoren begleitet werden", heißt es in dem Papier.

Doch offensichtlich haben die Kriminalisten arge Zweifel an der Friedensfähigkeit der Bandenmitglieder. Die Gefährdungslage könne sich jederzeit verschärfen, so das LKA. "Geringe Anlässe können zur Eskalation der Situation führen."

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Mitarbeit: Claas Meyer-Heuer

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