Video zeigt Polizeigewalt in Chicago 73 Sekunden bis zum Tod

Vor einem Jahr wurde in Chicago ein schwarzer Teenager von einem weißen Polizisten erschossen - der Beamte ist wegen Mordes angeklagt. Ausschlaggebend dafür war ein schockierendes Video des Vorfalls, das die Polizei jetzt veröffentlichte.

Von , New York

REUTERS/Chicago Police Department

Die ersten knapp fünfeinhalb Minuten des Videos sind banal. Ein Streifenwagen kurvt durch nächtliche Straßen, der Blick geht durch die Windschutzscheibe: Verkehr, Ampeln, fahles Lampenlicht, Schatten.

Plötzlich tritt der Fahrer aufs Gas, rast mit Blaulicht auf die Überholspur. Ein Suchscheinwerfer tastet Fassaden ab, rechts, links, geradeaus, ein zweiter Streifenwagen fädelt sich ein. Dann kommen die letzten, erschreckenden Sekunden. So erschreckend, dass selbst der Sender CNN, der am Dienstagabend live über die Veröffentlichung des Videos berichtete, "aus Pietät" ausblendete.

Doch Pietät macht Laquan McDonald nicht wieder lebendig. Der 17-jährige Afroamerikaner - dessen Tod auf besagtem Dashcam-Video dokumentiert ist - starb am 20. Oktober 2014 in Chicago. Sechzehn Schusswunden ergab die Obduktion, mehrfach wurde er von hinten getroffen, in den Rücken.

McDonald wurde vergessen

Der Schütze war ein weißer Polizist. Trotzdem geriet der Fall schnell in Vergessenheit - einer von drei erschossenen US-Schwarzen am Tag, wer kommt da noch mit? Michael Brown, Walter Scott, Tamir Rice: Diese Namen wurden bekannt, blieben im Gedächtnis. Von Laquan McDonald sprach landesweit niemand mehr.

Das lag vor allem daran, dass Chicagos Polizei lange einen fiktiven Tathergang propagierte. McDonald habe mit einem Taschenmesser Autoreifen zerstochen, habe Passanten bedrängt, habe sich dann auf die Polizisten gestürzt. Die Schüsse seien polizeiliche Notwehr gewesen.

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Polizeigewalt in Chicago: Video zeigt Erschießung von Laquan McDonald
Dass das nicht stimmte, zeigt sich erst jetzt, mehr als ein Jahr später: Am Dienstag wurde der Polizist Jason Van Dyke wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt, als erster Polizist in der Geschichte Chicagos. Wenige Stunden später beseitigte die Freigabe des als Beweismittel eingereichten Armaturenbrettvideos alle Zweifel: Der Teenager wurde hingerichtet. Van Dyke feuerte sogar noch weiter, als McDonald schon gekrümmt, wehrlos und sterbend auf dem Asphalt lag.

Demonstration in Chicago

Für Afroamerikaner ist das keine Überraschung, sondern Alltag. Die US-Polizeigewalt hat nicht nachgelassen, auch wenn sie gerade aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist - verdrängt von Donald Trump und Terrorangst.

Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel, ein Demokrat und alter Vertrauter von Präsident Barack Obama, beschwor vor den Kameras Ruhe: "Jason Van Dyke steht nicht für die Polizei", sagte er. Trotzdem strömten Hunderte Demonstranten in die Downtown Chicagos, angeführt von den Aktivisten der Bewegung Black Lives Matter.

Chicago ist berüchtigt für seine Gang- und Waffengewalt. Chicagos Polizei ist ebenso berüchtigt für ihre brutalen Methoden, darunter Folter und Entführung - über die Jahrzehnte zahlte sie ihren Opfern mehr als eine halbe Milliarde Dollar an Schmerzensgeldern. Der Tod McDonalds ist die tragische Kulmination beider Missstände.

Die Veröffentlichung der Wahrheit

Der Teenager wuchs in elenden Umständen auf - "ein langer, trauriger Teufelskreis bis zu seinem gewaltsamen Ende", schrieb die "Chicago Sun-Times". Van Dyke wiederum hat eine ebenso lange Geschichte an Dienstbeschwerden, darunter Rassismus und "exzessive Gewalt".

Die Stadtverwaltung versuchte, den Vorfall vergessen zu machen: Sie zahlte der Familie McDonalds präventiv fünf Millionen Dollar. Erst auf die Klage von Journalisten hin befahl ein Gericht die Veröffentlichung des Videos - und der Wahrheit.

In der Aufnahme hüpft McDonald über die Straße. Er bewegt sich von den Polizisten weg. Van Dyke beginnt zu schießen. Die eingeblendete Uhr zeigt "09:57:36 PM". McDonald stürzt auf die Straße, zuckt. Staubwölkchen steigen auf - die Schüsse, die ihn treffen. Dann scharen sich Beamte um ihn herum. Keiner leistet ihm Hilfe.

Als das Video endet, zeigt die Uhr "09:58:49 PM". Laquan McDonalds Tod dauerte 73 Sekunden.

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