Polizistenmord in New York "Unsäglicher Akt der Barbarei"

Er stellte sich neben den Streifenwagen der New Yorker Cops und drückte immer wieder ab. Der 28-jährige Täter hatte sein Vorhaben bei Instagram und Facebook angekündigt - er wollte offenbar die Opfer von Polizeigewalt rächen.


Sie wollen für ihre Kollegen da sein, obwohl schon alles zu spät ist. Hunderte Polizisten, Feuerwehrleute, Anwohner stehen aufrecht an der Straße, der Blick starr, die rechte Hand am Kopf zum Salut für die beiden Cops, die im Krankenwagen liegen, verwundet von mehreren Kugeln. "Das ist eine Attacke auf jeden von uns", wird Bill de Blasio, der Bürgermeister der Stadt New York, später über die Schüsse sagen.

Da sind die beiden amerikanischen Polizisten schon tot.

Am Samstagnachmittag waren sie in Brooklyn, einem Stadtteil von New York, noch Streife gefahren. Irgendwann stellten sie sich an eine Kreuzung gegenüber einer Hochhaussiedlung, hier stand die Polizei zuletzt häufiger, weil die Gewalt in der Gegend zugenommen hatte.

Zu dem Zeitpunkt hatten ihre Kollegen in der Telefonzentrale bereits einen Anruf bekommen, der den beiden vielleicht das Leben hätte retten können: Der Polizei in Baltimore waren bei Instagram die Einträge eines 28-jährigen Mannes aufgefallen. Unter das Foto einer Pistole hatte Ismaaiyl B. geschrieben: "Sie haben einen von unseren genommen … Lasst uns zwei von ihren nehmen."

Dazu die Hashtags #ShootThePolice, #RIPMikeBrown, #RIPEricGarner.

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Polizistenmord in New York: Letzter Salut für die Kollegen
Zwei schwarze Männer, die in diesem Jahr gestorben sind: Eric Garner wurde von einem weißen Polizisten gewürgt, Michael Brown erschossen. Danach postete B. laut "Washington Post" bei Facebook: Er habe schon immer dafür bekannt sein wollen, etwas Richtiges zu tun. Ein paar Stunden zuvor hatte er in Baltimore bereits seiner Freundin in den Bauch geschossen.

Gegen 14.10 Uhr wussten die Polizisten in der Polizeizentrale, dass das Handy von Ismaaiyl B. in ihrem Bezirk geortet worden war, berichtet die "Washington Post". Kurz darauf schickten die Kollegen ein "Wanted"-Poster an die New Yorker Polizei.

Sie waren zu spät.

Denn gegen 14.45 Uhr, sagt die Polizei, stand Ismaaiyl B. schon neben dem Polizeiauto gegenüber der Hochhaussiedlung. Er habe durch das Beifahrerfenster geschossen, immer wieder abgedrückt. Er traf beide Polizisten in den Kopf. Sie hätten keine Chance gehabt, ihre Waffen zu ziehen, sagte Polizeichef William Bratton laut "New York Times". "Vielleicht haben sie ihren Angreifer, ihren Mörder nicht einmal gesehen."

Die Tat habe einer Exekution geähnelt, sagte Bürgermeister de Blasio später.

Es sei ein "unsäglicher Akt der Barbarei", sagte US-Justizminister Eric Holder.

Für die Tat gebe es keine Rechtfertigung, sagte Präsident Barack Obama.

"Wir lehnen jede Art von Gewalt gegen Gesetzeshüter ab", sagte die Familie von Michael Brown.

Nach dem Tod von Michael Brown und Eric Garner protestierten in ganz Amerika Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus. Aus Furcht vor weiteren Protesten hatte Gouverneur Jay Nixon in Ferguson, Browns Heimat, zwischenzeitlich schon den Ausnahmezustand ausgerufen.

Polizeichef Bratton schloss nicht aus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Tod der Polizisten und dem Tod von Brown und Garner sowie den anschließenden Protesten geben könnte. Verbindungen zu einer Terrorgruppe hatte der mutmaßliche Täter laut Polizei jedenfalls nicht.

Bislang ist über den Mann wenig bekannt - vielleicht wird die Polizei auch nie erfahren, warum er auf die beiden Polizisten geschossen hat: Nach der Tat flüchtete er in eine nahe gelegene U-Bahn-Station, schoss sich in den Kopf und starb.

fln

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tolate 21.12.2014
1.
Eine symmetrische Eskalation. Auch die vorausgegangenen Handlungen der Polizisten, die zum Tode unbewaffneter Menschen geführt haben, waren barbarisch, und nicht tragisch, daran ändert die Bewertung durch die offiziellen Stellen nichts. Hier hat sich der Täter selbst gerichtet, und damit für sich persönlich die Eskalation beendet. Wie es sonst weitergegangen wäre, weiß man nicht genau, deeskalierend aber ganz sicher nicht.
winki 21.12.2014
2. Oh, Oh, hier braut sich etwas zusammen,
dass die USA im eigenen Land noch nicht erlebt hat. Ich vermute, dass war nicht der letzte Racheakt.
Sal.Paradies 21.12.2014
3. Eine endlose Spirale der Gewalt
nimmt hier vielleicht ihren Anfang. Ich hatte befürchtet, dass genau dies geschieht. Ein psychisch labiler Mensche glaubt durch "Rache" irgend etwas gutes zu bewirken. Schon seine Aussage, er wolle etwas "richtiges" tun, spricht hier Bände. Mich erinnert dies an die 70èr Jahre, als z.B. die RAF den "Schweinestaat" bekämpfte und sich selbst und Anderen weis machen wollten, sie bewirken irgend etwas positives. Blödsinn. Genau das Gegenteil war der Fall. Durch ihre brutalen Anschläge generierten sie z.B. die "Rasterfandung" und den Beginn einer immer größeren Überwachung der Bevölkerung. Jeder der Links stand war plötzlich mit einem Bein im RAF-Lager. Es wurde ein extremes Lagerdenken und Hass geschürt, ohne Rücksicht auf Verluste. Und natürlich haben beiden Seiten verloren, so wie es auch jetzt in den USA sein wird. Denn jetzt werden alle Polizisten noch sensibler + paranoider ihren Dienst verrichten, und man kann es ihnen nicht verdenken. Was jetzt geschehen ist, kann jede Sekunde wieder geschehen. Das Mißtrauen auf beiden Seiten wird eher wachsen und wo Menschen ängstlich und paranoid sind, wird es zwangsläufig zu Eskalationen kommen. Wo wird all dies enden?
jskor 21.12.2014
4. Solange solche leute rumlaufen...
Fragt man sich ernsthaft warum us cops extrem vorsichtig sein müssen und leider in Extremfällen auch mal überreagieren und präventiv Leute angreifen von denen im Nachhinein betrachtet doch keine Gefahr ausging? Die setzen da täglich ihr leben aufs spiel, solange Waffenbesitz und extreme soziale unterschiede normal sind.
SuperKraut 21.12.2014
5. Die Exekutive im Zaum halten
Sicherlich steht es außer Zweifel, dass die USA keine Belehrung in Sachen der Rechtsstaatlichkeit von Deutschland benötigen. Den Hinweis von Sal.Paradies auf die RAF finde ich sehr interessant. Die unmenschliche Selbstgerechtigkeit einiger amerikanischer Polizeivertreter angesichts der unschuldig getöteten amerikanischen Bürger hat mich schockiert. Unglaublich finde ich immer noch den Vorfall mit dem 12jährigen Kind, dass auf dem Spielplatz ohne Vorwarnung erschossen wurde. Die amerikanische Polizei ist im Begriff sich zu von der Bevölkerung zu isolieren. Dieser Prozess darf sich nicht fortsetzen und muss rückgängig gemacht werden. Der beste Schutz der Polizisten ist eine Bevölkerung, die sie respektiert.
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