Aufruhr in Ohio: Polizist griff Neunjährigen mit Elektroschocker an

Weil ein Neunjähriger im US-Bundesstaat Ohio die Schule schwänzte, rief seine Mutter die Polizei - die versetzte dem Jungen Elektroschocks mit einem Taser. Nun ist der Polizeichef der Gemeinde zurückgetreten, angeblich aber aus ganz anderen Gründen.

Ein Polizist aus Kalifornien mit einem Taser X26: Elektroschocks für Schulschwänzer Zur Großansicht
AP

Ein Polizist aus Kalifornien mit einem Taser X26: Elektroschocks für Schulschwänzer

Hamburg - In der 2000-Seelen-Gemeinde Mount Sterling kocht seit rund einer Woche die Stimmung hoch. Ein Polizist hat in dem kleinen Ort im US-Bundesstaat Ohio einen Neunjährigen mit einer Elektroschockpistole, einem sogenannten Taser, angegriffen, wie mehrere US-Medien berichteten. Am Montag veröffentlichten Vertreter des Ortes der Lokalzeitung "Dispatch" zufolge den schriftlichen Bericht des an dem Vorfall beteiligten Polizisten.

Officer Scott O'Neil traf demnach gegen 8.30 Uhr im Haus der Familie Perry ein, um dem Vorwurf des Schulschwänzens nachzugehen. Der neunjährige Jared, der dem Polizisten zufolge 90 bis 110 Kilo wiegen und mindestens 1,70 Meter groß sein soll, habe die Zusammenarbeit verweigert. Er habe seine Mutter angefleht, ihn lieber zur Schule statt mit dem Polizisten gehen zu lassen. Doch diese habe gesagt, dafür sei es nun zu spät.

Nach mehrfachen Warnungen habe er den Jungen von der Couch gezogen, heißt es laut "Dispatch" im Bericht des Polizisten, doch Jared habe sich "auf den Boden fallenlassen und sich ihm mit seinem ganzen Eigengewicht entgegengestemmt". Auch habe er sich auf seine Hände gelegt, um das Anlegen von Handschellen zu verhindern.

Daraufhin habe er die Elektroschockpistole als Machtdemonstration in eine andere Richtung ausgelöst, so Polizist O'Neil. Außerdem habe die Mutter ihren Sohn gewarnt. Dann habe er den Jungen einmal mit dem Elektroschocker berührt, dieser habe seinen Widerstand nicht aufgegeben, also habe er das Gerät ein zweites Mal eingesetzt.

Ein Krankenwagen sei gerufen worden, aber Jared habe keine Anzeichen von Verletzungen aufgewiesen. Die Mutter unterschrieb ein Formblatt, wonach sie auf eine medizinische Behandlung verzichte. Der Junge wurde auf das Polizeirevier gebracht - zum Vorwurf des Schuleschwänzens kam noch der Tatbestand des Widerstands gegen die Festnahme hinzu.

Eine Zeugin berichtete in einem TV-Interview aber von Verletzungen des Jungen. Sie habe "sechs verschiedene Male auf seinem Rücken gesehen, an drei verschiedenen Stellen", sagte Valerie Mathias Fox News.

Rücktritt aus finanziellen Gründen

Der Bürgermeister von Mount Sterling, Charlie Neff, erfuhr erst Tage später von dem Vorfall. Der Polizeichef Mike McCoy hatte ihn zunächst nicht darüber informiert, weil er erst die Fakten habe prüfen wollen. "Ich habe getan, was ich in dem Vorfall tun musste", sagte er laut "Dispatch" am Montag.

Bürgermeister Neff schloss die Polizeistation nach dem Vorfall, wie unter anderem die "Christian Post" berichtete. Auch McCoy war laut dem Sender NBC4 in der vergangenen Woche suspendiert worden. Der Sheriff habe die Aufgaben der Polizei übernommen.

Der Polizeichef kündigte am Montag nach einem Treffen führender Gemeindemitglieder seinen Rücktritt an - aber mitnichten wegen des Vorfalls mit der Elektroschockpistole, betonte er. In einer Stellungnahme erklärte er laut "Dispatch", er sei nicht zu einem Rücktritt gedrängt worden - der sinkende Etat von Mount Sterling sei sein Motiv. "Der Ort kann sich keine Polizeistation mehr leisten, zumindest keine effiziente", sagte er laut nbc4i.com. "Ich muss neue Karriereoptionen verfolgen, um meiner Familie mehr Möglichkeiten zu bieten."

Auch Bürgermeister Neff betonte der Website zufolge, McCoys Rücktritt habe nicht mit dem Elektroschock-Angriff zu tun, sondern erfolge aus finanziellen Gründen. Allerdings sagte er auch, die vergangenen Tage seien hart gewesen.

"Einem Dorf seine Polizei nehmen"

Tatsächlich ist die Polizei von Mount Sterling unterfinanziert. Aus diesem Grund wurde im vergangenen August bereits die hauptberufliche Polizei abgeschafft. Zuletzt waren noch fünf Teilzeitpolizisten im Einsatz.

Jareds Mutter Michelle Perry erschien am Montag ebenfalls zu dem Gemeindetreffen. Sie ließ laut "Dispatch" über ihre Anwältin Tracy Comisford erklären, dass sie nicht dabei gerechnet habe, dass der Polizist eine Elektroschockpistole einsetzen würde. "Natürlich wollte sie nie, dass so etwas passiert", so der Rechtsbeistand.

Mehrere Anwohner von Mount Sterling stellten sich auf die Seite ihrer Polizei. "Hier geht es nicht um den Gebrauch einer Elektroschockpistole", sagte Heather Rice laut "Dispatch". "Hier geht es darum, einem Dorf seine Polizei zu nehmen." Polizeichef McCoy habe als Sündenbock herhalten müssen.

siu

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Ja Cowboys und was macht ihr nun
huberwin 13.03.2012
..jetzt müssen sich die Bürger einen neuen Sheriff suchen? Das System ist falsch!
2. wow
saako 13.03.2012
1,70 m groß, 100 kg schwer, und dann in eine Schulbank für 9-jährige quetschen? Dieser Folter würde ich mich auch verweigern.
3. Tja
prospektor 13.03.2012
Das kommt davon, wenn sich schlecht ausgebildete Teilzeitpolizisten mit den gefährlichen Schulschwänzern herumschlagen müssen. Ein echter Profi hätte den Hund der Familie erschossen; das reicht in den meisten Fällen aus, um Gehorsam zu erzwingen. Quo vadis, Amerika?
4. Wie bitte ?
leser_81 13.03.2012
9 Jahre, 1,70 groß und dann 110 Kilo wiegen ? Klar, wenn sich so ein Mops auf den Boden fallen lässt bekommt den so schnell keiner mehr auf die Beine. Aber mal echt mit 9 Jahren 110 Kg ? Da ist wohl Schule schwänzen sein kleinstes Problem.
5. gut!
stampler2 13.03.2012
Zitat von huberwin..jetzt müssen sich die Bürger einen neuen Sheriff suchen? Das System ist falsch!
Unsinn. Das System ist schon das Richtige. Solche Kolleteralschäden passieren nun mal. Ein härteres Durchgreifen bei (vorwiegend migranten) Jugendlichen täte unserem Land auch mal ganz gut.
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