Polizistenmord in Augsburg: Kaltblütige Killer auf der Flucht

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Bei einem Routine-Einsatz auf einem Parkplatz in Augsburg haben zwei Unbekannte einen Polizisten getötet, seine schusssichere Weste schützte den Familienvater nicht. Die Kollegen des Toten stehen unter Schock, die Täter sind auf der Flucht - und die Polizei warnt eindringlich vor ihnen.

Tödliche Schüsse in Augsburg: Großfahndung nach Polizistenmörder Fotos
dapd/ Polizei

Hamburg - Die Streifenwagen in Augsburg fahren mit Trauerflor. Der Schrecken steht Polizeipräsident Gerhard Schlögl im Gesicht, als er auf einer Pressekonferenz am Freitag Einzelheiten über den Tod seines Kollegen verkünden muss, der keine zwölf Stunden her ist. Seit 41 Jahren arbeite er bei der Polizei, sagt er. So lange also, wie der Kollege, der nun im Dienst sein Leben ließ, alt war. "Diese Tat gehört zum Schlimmsten, was ich bisher erlebt habe."

Die Streife der Polizeiinspektion Augsburg-Süd - der 41-Jährige und eine 30 Jahre alte Kollegin - sei in der vergangenen Nacht präventiv unterwegs gewesen. Der Parkplatz im Augsburger Stadtteil Hochzoll-Süd war in Nebel gehüllt, die Temperaturen waren frostig, als den Beamten gegen 3 Uhr zwei Männer auffielen. Eine reine Routinekontrolle. Im Sommer trieben sich selbst zu dieser Zeit noch Leute dort herum - aber Ende Oktober?

Die uniformierten Beamten, so hat es die 30-jährige Polizistin geschildert, hätten die beiden Männer angesprochen, diese seien daraufhin auf eine anthrazitfarbene Honda gesprungen und mit hoher Geschwindigkeit davongebraust. Die beiden Polizisten hätten im Streifenwagen die Verfolgung aufgenommen. Die Verfolgungsjagd ging über den Hochablass, eine befahrbare Staustufe über den Lech, und dann in den Siebentischwald, eine Strecke, die in erster Linie Fußgänger und Radfahrer benutzen.

In einer sogenannten Z-Kurve verloren die Beamten kurz den Anschluss, weil sie mit dem Wagen zurücksetzen mussten, holten aber wieder auf und folgten dem Motorrad in den Wald. Auf dem glitschigen Boden gerieten die Verfolgten ins Schleudern und stürzten. Der Polizeiwagen stoppte, die Beamten stiegen aus.

"Polizei! Halt! Stehenbleiben!", riefen sie und schon eröffnete einer der Männer das Feuer aus einer großkalibrigen Waffe - keine zehn Meter entfernt. Der Schütze müsse gesehen haben, wohin er schießt, sagt Polizeipräsident Schlögl. Die Scheinwerfer des Streifenwagens hätten einen ausreichenden Lichtkegel geformt.

Der Schütze trifft den 41-jährigen Beamten mehrfach. Wenige Minuten später erlag er seinen schweren Verletzungen, trotz schusssicherer Weste. Die Schüsse fielen so unvorbereitet, dass er nicht dazu gekommen war, seine eigene Waffe zu ziehen.

Seine Kollegin schoss mehrfach auf die Flüchtenden, die das Motorrad zurückließen. Die Ermittler gehen jedoch davon aus, dass sie keinen der beiden Männer getroffen und verletzt hat. Sie selbst erlitt einen Streifschuss im Hüftbereich. Körperlich, so Schlögl, sei sie leicht verletzt, die psychische Wunde hingegen sei groß. "Alle Kollegen werden intensiv betreut."

Was löste die Flucht aus?

"Wir gehen davon aus, dass es sich aufgrund des Tatablaufs um schwere Jungs handelt", betont Polizeipräsident Schlögl. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagt, die tödlichen Schüsse auf den Beamten seien eine "skrupellose, kaltblütige Tat", bei der es mit hoher Wahrscheinlichkeit um "Schwerstkriminalität" gehe.

"Ein Tatablauf", so formuliert es Oberstaatsanwalt Günther Zechmann, "den sich selbst hartgesottene Ermittler nicht hätten vorstellen können." Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes. Dafür gebe es zwei Merkmale.

Zum einen vermuten die Ermittler, dass die Täter eine andere Tat verdecken wollten. "Es muss eine Vorgeschichte geben", sagt Zechmann. "Es muss um etwas gegangen sein auf diesem Parkplatz - vielleicht um ein größeres Betäubungsmittelgeschäft oder irgendwelche Beweismittel und die Polizeibeamten kamen zum ungünstigsten Zeitpunkt." Überhaupt erinnere die Tat bei Nacht und Nebel an einen "James-Bond-Film".

Zum anderen erfülle die Tat das Mordmerkmal Heimtücke. Das Motorrad sei weggerutscht, die Männer heruntergefallen und ohne Vorwarnung hätte der eine von ihnen losgeschossen. Mit solch einem Angriff habe der getötete Beamte nicht rechnen können. "Seine Arglosigkeit wurde ausgenutzt", so Staatsanwalt Zechmann.

Aufgrund der Gefährlichkeit der Täter seien Spezialkräfte im Einsatz. Insgesamt fahnden mehrere hundert Beamte nach den Tätern. "Alle Kollegen, die heute irgendwie greifbar waren, sind im Einsatz", sagt ein Polizeisprecher. Einige seien sogar aus dem Urlaub dazugestoßen. Das Waldgelände sei komplett umstellt. Eine "lückenlose Durchsuchung" sei in der Nacht wegen der schlechten Witterung nicht möglich gewesen, wegen des starken Nebels habe kein Hubschrauber starten können. Seit den frühen Morgenstunden werde nun auch aus der Luft gesucht. Einige Gegenstände wurden sichergestellt, Details wollte er nicht bekanntgeben. Auch seien Personen überprüft worden, aber ein Verdächtiger sei nicht dabeigewesen.

Spürhunde haben bislang keine Fährte aufgenommen. "Quadratmeter für Quadratmeter des Waldes wird durchkämmt", sagt Polizeipräsident Schlögl. Es könne durchaus sein, dass sich die beiden Männer noch im Wald aufhalten. Das Gebiet werde daher erst wieder freigegeben, wenn absolut sicher sei, dass die Unbekannten nicht mehr dort zu finden seien. So lange sei Spaziergängern und Radfahrern der Zugang zum Gelände verboten. Die Bevölkerung sei ausdrücklich gewarnt vor den Tätern, die mindestens eine Schusswaffe bei sich tragen.

Ehefrau und Söhne werden betreut

Die Hoffnung der Ermittler, am zurückgelassenen Motorrad DNA-Spuren zu finden, die bei der Fahndung helfen, ist groß. Bei der Honda CB 500 handle es sich um eine ältere Maschine, die durch einen leuchtend gelben Schriftzug auf der Lackierung auffalle. Das Kennzeichen A-L 307 sei im April abgemeldet und anschließend wieder vergeben worden. "Dies ist eine Dublette", sagt Schlögl. Der Eigentümer hinter diesem Kennzeichen sei definitiv nicht in den Fall verwickelt.

Die Fahnder vermuten, dass die Täter seit Tagen mit dem gefälschten Kennzeichen in Augsburg und Umgebung unterwegs waren. "Wir hoffen auf Spurenmaterial und auf Hinweise, die wir systematisch abarbeiten, wir konzentrieren uns nicht nur auf das Durchkämmen des Waldes." Die Täter, davon gehen die Ermittler aus, kennen sich in der Region aus, sonst sei ihre abrupte Flucht quer durch den Siebentischwald und über den Lech nicht möglich gewesen.

Der Tod des Polizisten hat die Beamten des Polizeipräsidiums Schwaben Nord schwer erschüttert. "Alle, die da waren, sind ergriffen und werden alles daran setzen, die Täter dingfest zu machen", so Staatsanwalt Zechmann. Minister Herrmann sagte, jede Silbe betonend: "Auf Mord steht lebenslänglich."

Seit 1945 wurden in Deutschland 392 Polizisten im Dienst getötet. Einer Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen (KfN) zufolge nimmt die Gewalt gegen Polizisten seit zehn Jahren stark zu. Allein 2010 gab es laut Kriminalstatistik mehr als 21.000 Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Auffällig dabei ist, dass das Durchschnittsalter der Täter immer weiter sinkt.

Die tödlichen Schüsse von Augsburg erinnern an den 25. April 2007, als in Heilbronn eine 22-jährige Polizistin tot neben ihrem Streifenwagen gefunden wurde. Ihr 24 Jahre alter Kollege überlebte schwer verletzt. Unbekannte hatten den Beamten während eines Routineeinsatzes in den Kopf geschossen.

Die Ehefrau des in Augsburg getöteten Polizisten wurde eineinhalb Stunden nach der Tat von Kollegen ihres Mannes informiert. Sie und die beiden gemeinsamen Söhne, 13 und 17 Jahre alt, werden betreut.

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1. .
TS_Alien 28.10.2011
Schlimm und traurig. Wenn man in diesem Zusammenhang liest, dass die Gewalt gegenüber Polizisten zugenommen hat - insbesondere von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dann muss endlich etwas unternommen werden. Härtere Strafen sind gar nicht notwendig. Die viel zu lasche Justiz muss endlich begreifen, dass man Ersttäter durchaus hart bestrafen sollte, will man die Anzahl der Wiederholungstäter verringern. Zusätzlich muss die alltägliche Kriminalität (Körperverletzung, Diebstahl, Raub, Versicherungsbetrug, ...) ernsthafter verfolgt werden. Denn solche Delikte sind oftmals der Einstieg in eine kriminelle Karriere. Gerade in diesem Bereich mangelt es aber durchaus auch der Polizei an Motivation und Einsatzwille. Zu Lasten rechtschaffender Bürger. Wer nicht früh genug die Grenzen aufgezeigt bekommt von Seiten der Gesellschaft - und insbesondere der Justiz, der wird irgendwann ein Kapitalverbrechen begehen. Nicht zwangsläufig, aber auch nicht unabhängig davon. Ein Rechtsstaat funktioniert nur, wenn die dafür vorgesehenen Organe rechtsstaatlich denken und handeln. Auch und gerade bei den sogenannten kleinkriminellen Taten.
2. Honda CB 500
maifreuden 28.10.2011
Bitte einfach mal auf das Foto schauen und ablesen, es ist eine Honda CB 500, nicht CP 500. Mit „B““ wie blind. Gibt es eine CP-Linie überhaupt?
3. Traurig
LDaniel 28.10.2011
Zitat von sysopBei einem Routine-Einsatz auf einem Parkplatz in Augsburg haben zwei Unbekannte einen Polizisten getötet, seine*schusssichere Weste*schützte den den Familienvater nicht. Die Kollegen des*Toten stehen unter Schock, die Täter sind auf der Flucht - und*die Polizei warnt eindringlich vor ihnen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,794684,00.html
Eine traurige Nachricht. Mein Beileid and Familie und Kollegen. Und ich hoffe inständig, dass die Täter erwischt werden. Fast wünscht man sich, sie würden versuchen sich der Festnahme zu entziehen... - das würde uns weitere Taten in 15 Jahren (betont sich etwas anders als Lebenslänglich) ersparen... .
4. Rechtsstaatlichkeit und Erziehung
Wikinger62 28.10.2011
Zitat von TS_AlienSchlimm und traurig. Wenn man in diesem Zusammenhang liest, dass die Gewalt gegenüber Polizisten zugenommen hat - insbesondere von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dann muss endlich etwas unternommen werden. Härtere Strafen sind gar nicht notwendig. Die viel zu lasche Justiz muss endlich begreifen, dass man Ersttäter durchaus hart bestrafen sollte, will man die Anzahl der Wiederholungstäter verringern. Zusätzlich muss die alltägliche Kriminalität (Körperverletzung, Diebstahl, Raub, Versicherungsbetrug, ...) ernsthafter verfolgt werden. Denn solche Delikte sind oftmals der Einstieg in eine kriminelle Karriere. Gerade in diesem Bereich mangelt es aber durchaus auch der Polizei an Motivation und Einsatzwille. Zu Lasten rechtschaffender Bürger. Wer nicht früh genug die Grenzen aufgezeigt bekommt von Seiten der Gesellschaft - und insbesondere der Justiz, der wird irgendwann ein Kapitalverbrechen begehen. Nicht zwangsläufig, aber auch nicht unabhängig davon. Ein Rechtsstaat funktioniert nur, wenn die dafür vorgesehenen Organe rechtsstaatlich denken und handeln. Auch und gerade bei den sogenannten kleinkriminellen Taten.
Ich muß Ihnen recht geben, es ist der Verlust an Respekt der diese Auswüchse der Gewalt zu läßt. Es ist nicht nur bei der Polizei die Unfähigkeit auszumachen für Respekt zu sorgen sondern auch bei den Lehrern und natürlich auch und hauptsächlich bei den Eltern.
5. Vielleicht
kraij 28.10.2011
Zitat von sysopBei einem Routine-Einsatz auf einem Parkplatz in Augsburg haben zwei Unbekannte einen Polizisten getötet, seine*schusssichere Weste*schützte den den Familienvater nicht. Die Kollegen des*Toten stehen unter Schock, die Täter sind auf der Flucht - und*die Polizei warnt eindringlich vor ihnen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,794684,00.html
sollten unsere Polizisten eher nach us-amerikanischen Vorbild vorgehen.. Einer nähert sich dem zu kontrollierenden Fahrzeug, der zweite sichert den ersten mit Hand an der Waffe ab.... Zwar haben wir keine amerikanischen Verhältnisse aber ohne die eher vertrauensseelige Art des Herantretens und freundlichen Bittens um die Fahrzeugpapiere hätte die Polizistin die 2 Täter vielleicht niedergestreckt. Diese wissen nur all zu gut wie "zahm" der deutsche Polizist ist.
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