Polizistenmord Oettinger-Interview sorgt für Wirbel

Nach den tödlichen Schüssen auf eine 22 Jahre alte Polizistin in Heilbronn suchen die Ermittler nach mehreren Tätern. Zugleich gerät Ministerpräsident Günther Oettinger zunehmend unter Druck. Er soll in einem Pressegespräch Ermittlungs-Interna preisgegeben haben.


Heilbronn - Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hat im Fall des Heilbronner Polizistinnenmordes möglicherweise Ermittlungsdetails öffentlich gemacht, die die Polizei strikt geheim halten wollte. Oettinger hatte nach Angaben des parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Landtagsfraktion, Reinhold Gall, dem SWR mitgeteilt, dass die Ermittler von mindestens zwei Tätern ausgingen, dass die Kugeln aus zwei verschiedenen Waffen stammten und dass es sich um einen kaltblütigen Racheakt gegen die Landespolizei handle.

Laut Gall hat die Landespolizei auf Nachfragen von Journalisten dann Oettingers Informationen notgedrungen zu einem Zeitpunkt bestätigen müssen, zu dem sie diese Details eigentlich der Öffentlichkeit noch vorenthalten wollte, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Gall forderte den Ministerpräsidenten deshalb auf, umgehend zu erklären, "ob er tatsächlich Ermittlungsdetails ausgeplaudert hat, die die Polizei strikt geheim halten wollte und bis zu seinen Äußerungen auch geheim gehalten hat".

"Das Innenministerium hat den Ministerpräsidenten über den Ermittlungsstand informiert. Dies erfolgte nicht unter der Maßgabe der Geheimhaltung", sagte Regierungssprecher Christoph Dahl SPIEGEL ONLINE. "Darüber hinaus war die Aussage, es könne sich um einen Racheakt gegen die Bereitschaftspolizei gehandelt haben, eine Spekulation des Ministerpräsidenten vor dem Hintergrund dieser furchtbaren Tat", so Dahl. Im Übrigen sei die Tragödie kein Anlass für parteipolitische Streitigkeiten. "Das ist stillos", sagte Dahl.

Die 35-köpfige Sonderkommission "Parkplatz" der Heilbronner Polizei sucht unterdessen zwei Radfahrer, die sich zwischen 13 und 14 Uhr in der Nähe des Tatorts befunden hatten. Ein anderer Zeuge hatte berichtet, dass ein Mann, der völlig außer Atem und blutverschmiert gewesen sei, einen der Fahrradfahrer fast umgerannt habe.

Der Unbekannte sei dann weiter über die Fahrbahn gerannt und dort in einen Wagen eingestiegen, der sich anschließend mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Klingenberg entfernt habe. Über Ergebnisse weiterer Ermittlungen und Untersuchungen wollten Polizei und Staatsanwaltschaft aus "ermittlungstaktischen Gründen" zunächst keine weiteren Angaben machen. Die Leiche der Polizistin sollte noch heute obduziert werden.

Inzwischen ist klar, dass die 22 Jahre alte Polizistin tatsächlich aus Thüringen stammte. Dies bestätigte der Direktor der Bereitschaftspolizei Baden-Württemberg, Thomas Mürder. Die Polizistin sei seit eineinhalb Jahren bei der Bereitschaftspolizei Böblingen im Einsatz gewesen. Wie ihr schwer verletzter 24-jähriger Kollege aus Sindelfingen (Kreis Böblingen) habe sie zuvor eine 30-monatige Ausbildung durchlaufen. "Sie war voll ausgebildet und eine Kollegin mit einer gewissen Erfahrung", sagte Mürder. Das "Freie Wort" berichtete unter Berufung auf unbestätigte Angaben, dass die 22-Jährige aus Oberweißbach (Kreis Saalfeld-Rudolstadt) stamme. Nach Angaben des Thüringer Innenministeriums hatte sie aber nicht bei der Thüringer Polizei gearbeitet.

Unterdessen brachte die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) ein schärferes Vorgehen bei Kontrollen ins Gespräch. Es sei möglich, dass Polizisten künftig viel häufiger mit gezogener Waffe auf Verdächtige zugingen und sie etwa vor einer Kontrolle zunächst nach Waffen durchsuchten, sagte der DPolG-Bundesvorsitzende Wolfgang Speck. Der Normalfall sei bisher, dass Beamte auffällige Bürger bei einer Kontrolle offen und relativ ungeschützt ansprechen. "Wir müssen uns fragen: Können wir noch so offen auf bestimmte Menschen zugehen?", sagte Speck.

Die Schüsse zeigten, dass der Beruf für Polizisten immer gefährlicher werde, sagte Speck. "Was uns zu schaffen macht, ist die Brutalität. Das kam ja einer Hinrichtung gleich." Insgesamt sei die Hemmschwelle gesunken, Gewalt auch gegen Polizisten anzuwenden. "Jeder Polizist muss inzwischen damit rechnen, in seiner Berufslaufbahn mindestens einen Angriff zu erleben", sagte Speck. Schüsse auf Polizisten seien der Ausnahmefall, "aber Übergriffe, die Knochenbrüche zur Folge haben, so etwas kommt schon häufiger vor".

"Brutalisierung der Gesellschaft"

Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) erklärte, die Tat habe bei allen Polizeibeschäftigten im ganzen Land Entsetzen und tiefe Trauer ausgelöst. Wieder einmal sei brutal ins Bewusstsein gerufen worden, wie gefährlich der Polizeiberuf sei. "Beleidigungen und tätliche Angriffe sind an der Tagesordnung. Die Brutalisierung der Gesellschaft hat zugenommen, und Straftäter sind heute eher bereit, auch über Leichen zu gehen", sagte Freiberg.

Die Heilbronner Ermittler hoffen nun auf Zeugenhinweise. "Wertvoll sind Aussagen von Passanten, Radfahrern oder Autofahrern. Bislang haben wir sehr wenige Hinweise", sagte der Sprecher der Polizei. Eine Beziehungstat schließen die Ermittler aus. Eine Ringfahndung, die sofort nach dem Auffinden der Opfer eingeleitet wurde, blieb erfolglos.

Die Polizistin und ihr Kollege waren gestern kurz nach 14 Uhr auf dem Festgelände Theresienwiese von einem Passanten gefunden worden, sie lagen neben ihrem Dienstwagen. Ihre Dienstwaffen - Pistolen vom Typ Heckler & Koch P2000 - und die Handschellen fehlten. Beiden war aus kurzer Distanz in den Kopf geschossen worden. Nach den bisherigen Erkenntnissen hatten die Beamten keinen Notruf abgesetzt und in dem Gebiet am Stadtrand Heilbronns auch keinen Einsatz geplant. Funkverkehr mit der Streife habe nicht stattgefunden, hieß es.

Der 24 Jahre alte Polizist überlebte schwer verletzt und befindet sich nach Behördenangaben noch immer in einem kritischen Zustand. Die beiden Beamten gehörten der Bereitschaftspolizei Böblingen an. Sie waren im Rahmen des Unterstützungseinsatzes "Sichere City" im Einsatz. Diese Aktion hat den Zweck, die Kriminalität zu verringern.

Nach dem Polizistenmord ordnete Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) Trauerflor an allen Streifenwagen im Land an. Seit 1945 seien 54 Polizeibeamte bei Gewalttaten ums Leben gekommen, bundesweit waren es nach Gewerkschaftsangaben 388 Polizisten. Allein im Jahr 2006 hätten Straftäter im Südwesten 394 Polizisten verletzt, sagte Rech.

jdl/ddp/dpa/AFP/AP/Reuters



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